{"id":7128,"date":"2014-11-05T00:00:00","date_gmt":"2014-11-04T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/wie-subjektiv-ist-das-ich\/"},"modified":"2025-04-22T13:56:00","modified_gmt":"2025-04-22T11:56:00","slug":"wie-subjektiv-ist-das-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/wie-subjektiv-ist-das-ich\/","title":{"rendered":"Wie subjektiv ist das &#8218;Ich&#8216;?"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Wenn man sich in das Ph\u00e4nomen des menschlichen Ich vertieft, tritt unmittelbar die Frage auf, wie man dieses Ich dann untersuchen soll. Wissenschaftlich kann eine Untersuchung nur dann sein, wenn sie einen objektiven Charakter hat. Das Ich ist das Subjekt selbst, also kann es eigentlich nicht untersucht werden \u2013 au\u00dfer in allgemeinem Sinne. Doch das ist unsinnig, denn das Merkmal des Ich ist nun gerade das vollst\u00e4ndig Individuelle. Das w\u00fcrde bedeuten, dass eine Untersuchung des Ich unm\u00f6glich ist, weil sie einerseits immer subjektiv sein wird, anderseits subjektiv sein muss.   Sicherheit \u00fcber den Sinn einer solchen Unternehmung wird man jedoch erst erlangen, wenn man es einmal versucht. Es braucht nicht gleich schon am Anfang einen wissenschaftlichen Charakter zu haben. Die erste Frage, die dann auftaucht, ist: Wozu sagt ein Mensch \u201eich\u201c? Was meint er, wenn er dieses Wort verwendet?<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/34d1747f74c02075950392e593587372.jpg\" \/><\/a>\n\n--><\/p>\n<p>Wenn man sich in das Ph\u00e4nomen des menschlichen Ich vertieft, tritt unmittelbar die Frage auf, wie man dieses Ich dann untersuchen soll. Wissenschaftlich kann eine Untersuchung nur dann sein, wenn sie einen objektiven Charakter hat. Das Ich ist das Subjekt selbst, also kann es eigentlich nicht untersucht werden \u2013 au\u00dfer in allgemeinem Sinne. Doch das ist unsinnig, denn das Merkmal des Ich ist nun gerade das vollst\u00e4ndig Individuelle. Das w\u00fcrde bedeuten, dass eine Untersuchung des <strong><em>Ich<\/em><\/strong> unm\u00f6glich ist, weil sie einerseits immer subjektiv sein wird, anderseits <strong><em>subjektiv<\/em><\/strong> sein muss.<\/p>\n<p>Sicherheit \u00fcber den Sinn einer solchen Unternehmung wird man jedoch erst erlangen, wenn man es einmal versucht. Es braucht nicht gleich schon am Anfang einen wissenschaftlichen Charakter zu haben. Die erste Frage, die dann auftaucht, ist: Wozu sagt ein Mensch \u201eich\u201c? Was meint er, wenn er dieses Wort verwendet?<\/p>\n<p>Wenn man nicht auf sein Ich schaut und dieses Wort aus Gewohnheit ausspricht, dann wei\u00df man nat\u00fcrlich sehr wohl, was man damit sagt. Sobald man sich zu fragen beginnt, scheint der Spiegel leer. Das kommt daher, weil sich das Ich unmittelbar zum Zentrum des Fragens verschiebt \u2013 und damit ist das Untersuchungsobjekt im Subjekt verschwunden, von ihm aufgesogen. Es scheint zun\u00e4chst so, dass das Ich kein Objekt sein k\u00f6nne und dass man also nur ohne klares Bewusstsein wissen k\u00f6nne, was man meint, wenn man \u201eich\u201c sagt. Auf diesem Weg kommt man nicht weiter.<\/p>\n<p>Man kann sich jedoch auch fragen: Ist irgendwo ein innerliches Etwas zu finden, das eine Ordnung im Chaos des Erlebens zu halten versucht? Ist dieses \u201eEtwas\u201c dasselbe wie alles, was man denkt, f\u00fchlt und tut? Es ist doch merkw\u00fcrdig, dass man uneins mit seinen eigenen Gedanken, Gef\u00fchlen und Taten sein kann.<\/p>\n<p>Wenn wir auf das Tierreich schauen, finden wir solche \u201eMeinungsverschiedenheiten\u201c nicht. Ein Tier lebt aus dem Instinkt heraus, und Instinkt ist niemals gegen den Instinkt. In der Menschenwelt gibt es jedoch nicht nur Meinungsunterschiede zwischen den Menschen untereinander; es gibt auch intern einen Unterschied. Man denke nur an das innere Gespr\u00e4ch nach einer etwas schwierigen Begegnung. Es bl\u00fcht dann ein \u201einnerer Monolog\u201c auf, worin es jemanden gibt, der so gehandelt hat, wie man es getan hat, und einen anderen, der dies bereut. Dieser findet zum Beispiel, dass Jener etwas mehr zur Sache h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen \u2013 oder gerade etwas milder h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oder man hat eine bestimmte Arbeit erledigt und fragt sich im Nachhinein, ob man es denn so getan hat, wie man es tun wollte. Vielleicht kommt man zu dem Schluss, dass es nur halbe Arbeit war. Dann hat das \u201eIch\u201c eine Meinungsverschiedenheit mit dem \u201eIch\u201c. Man kann nicht sagen, dass der, der die Arbeit gemacht hat, ein Anderer ist als der, der sie nachher zur\u00fcckweist. Der Erste sagt zu sich selbst \u201eich\u201c, der Zweite tut dies auch. Ist es nicht so, dass der Zweite dann den Ersten zum Objekt hat? Hat das \u201eIch\u201c sich dann nicht aus sich selbst befreit, um sich selbst unter die Lupe zu nehmen?<\/p>\n<p>Es gibt ziemlich viele Theorien \u00fcber diese Dualit\u00e4t. Aber k\u00f6nnen wir nicht einmal alle Theorie vergessen und innerlich miterleben, was da geschieht? Von der Theorie her k\u00f6nnte man meinen, dass man danach streben m\u00fcsse, allen Streit aufzugeben und sich auf ein spontanes Ich zu reduzieren. Oder man k\u00f6nnte meinen, man m\u00fcsse dem zuschauenden \u201eIch\u201c die Alleinherrschaft zuschreiben, dessen Anforderungen zu erf\u00fcllen versuchen: Nie spontan tun, was einem einf\u00e4llt, sondern immer zweifeln. Diese Theorien lassen wir also los, und wir versuchen, anzuschauen, was sich abspielt. Man beginnt dann, zu sehen, dass die Verwendung des Namens \u201eIch\u201c sehr unbewusst verl\u00e4uft, dass es eine Zusammenfassung von allerlei ungesehenen inneren Prozessen ist, w\u00e4hrend das \u201eIch\u201c sich eigentlich au\u00dferhalb dieser Prozesse befindet.<\/p>\n<p>Ist derjenige, der Hunger und Durst hat, \u201eich\u201c? Ist derjenige, der Marathon l\u00e4uft, \u201eich\u201c? Ist derjenige, der den Ausl\u00e4nder als einen unerw\u00fcnschten Mitmenschen ansieht, \u201eich\u201c? Ist derjenige, der durch den Vorsprung eines Anderen \u2013 auf welchem Gebiet auch immer \u2013 frustriert ist, \u201eich\u201c? Entspricht all dieser Egoismus dem \u201eIch\u201c? Ego ist dies sicher. Aber steht dies auch immer in \u00dcbereinstimmung mit dem, was man meint, wenn man \u201eich\u201c sagt?<\/p>\n<p><a class=\"IMAGE\" title=\"Wie subjektiv ist das 'Ich'?\" href=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/images\/Chartres.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Chartres_SMALL.jpg\" alt=\"Wie subjektiv ist das 'Ich'?\" \/><\/a><br \/>\n<span class=\"P\">Die Kathedrale in Chartres, West-Rose: Das J\u00fcngste Gericht.<\/span><em><strong>Wie subjektiv ist das &#8218;Ich&#8216;? Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man sich in das Ph\u00e4nomen des menschlichen Ich vertieft, tritt unmittelbar die Frage auf, wie man dieses Ich dann untersuchen soll. Wissenschaftlich kann eine Untersuchung nur dann sein, wenn sie einen objektiven Charakter hat. Das Ich ist das Subjekt selbst, also kann es eigentlich nicht untersucht werden \u2013 au\u00dfer in allgemeinem Sinne. Doch das ist unsinnig, denn das Merkmal des Ich ist nun gerade das vollst\u00e4ndig Individuelle. Das w\u00fcrde bedeuten, dass eine Untersuchung des Ich unm\u00f6glich ist, weil sie einerseits immer subjektiv sein wird, anderseits subjektiv sein muss.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":4853,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-7128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7128"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8176,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7128\/revisions\/8176"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}