{"id":7145,"date":"2015-10-07T00:00:00","date_gmt":"2015-10-06T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/die-idee-der-idee\/"},"modified":"2025-04-15T12:23:47","modified_gmt":"2025-04-15T10:23:47","slug":"die-idee-der-idee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/die-idee-der-idee\/","title":{"rendered":"Die Idee der Idee"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>So wie Goethe die Uridee der Pflanze gefunden hat, so beschrieb Steiner die Uridee der Idee wie folgt:  'Goethe  hat zwar die h\u00f6chste Er\u00ackenntnisart ausge\u00fcbt; aber er hat diese  Erkenntnisart nicht an sich beobachtet. Gesteht er doch selbst:  \u00abWie hast du's denn so weit gebracht? Sie sagen, du habest es gut vollbracht!\u00bb Mein Kind! Ich hab' es klug gemacht; Ich habe nie \u00fcber das Denken gedacht.<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/6560adefcf3afb2a065d9922e385e443.jpg\" \/><\/a>\n\n--><br \/>\nSo wie Goethe die Uridee der Pflanze gefunden hat, so beschrieb Steiner die Uridee der Idee wie folgt:<\/p>\n<p>&#8218;Goethe hat zwar die h\u00f6chste Erkenntnisart ausge\u00fcbt; aber er hat diese Erkenntnisart nicht an sich beobachtet. Gesteht er doch selbst:<\/p>\n<p>\u00abWie hast du&#8217;s denn so weit gebracht?<br \/>\nSie sagen, du habest es gut vollbracht!\u00bb<br \/>\nMein Kind! Ich hab&#8216; es klug gemacht;<br \/>\nIch habe nie \u00fcber das Denken gedacht.<\/p>\n<p>Aber so wie die sch\u00f6pferischen Naturkr\u00e4fte \u00abnach tausendf\u00e4ltigen Pflanzen\u00bb noch eine machen, worin \u00ab alle \u00fcbrigen enthalten\u00bb sind, so bringen sie auch nach tausendf\u00e4ltigen Ideen noch eine hervor, worin die ganze Ideenwelt enthalten ist. Und diese Idee erfa\u00dft der Mensch, wenn er zu der Anschauung der andern Dinge und Vorg\u00e4nge auch diejenige des Denkens f\u00fcgt. Eben weil Goethes Denken stets mit den Gegenst\u00e4nden der Anschauung erf\u00fcllt war, weil sein Denken ein Anschauen, sein Anschauen ein Denken war: deshalb konnte er nicht dazu kommen, das Denken selbst zum Gegenstande des Denkens zu machen. Die Idee der Freiheit gewinnt man aber nur durch die Anschauung des Denkens. Den Unterschied zwischen Denken \u00fcber das Denken und Anschauung des Denkens hat Goethe nicht gemacht. Sonst w\u00e4re er zur Einsicht gelangt, da\u00df man gerade im Sinne seiner Weltanschauung es wohl ablehnen k\u00f6nne, \u00fcber das Denken zu denken, da\u00df man aber doch zu einer Anschauung der Gedankenwelt kommen k\u00f6nne. An dem Zustandekommen aller \u00fcbrigen Anschauungen ist der Mensch unbeteiligt. In ihm leben die Ideen dieser Anschauungen auf. Diese Ideen w\u00fcrden aber nicht da sein, wenn in ihm nicht die produktive Kraft vorhanden w\u00e4re, sie zur Erschei-nung zu bringen. Wenn auch die Ideen der Inhalt dessen sind, was in den Dingen wirkt; zum erscheinenden Dasein kommen sie durch die menschliche T\u00e4tigkeit. Die eigene Natur der Ideenwelt kann also der Mensch nur erkennen, wenn er seine T\u00e4tigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung au\u00dferhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Proze\u00df restlos in seinem Innern gegenw\u00e4rtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit. Bei der Beobachtung des Denkens durchschaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Geschehen ist die Idee selbst. Die sonst erlebte Einheit von Anschauung und Idee ist hier Erleben der anschaulich gewordenen Geistigkeit der Ideenwelt. Der Mensch, der diese in sich selbst ruhende T\u00e4tigkeit anschaut, f\u00fchlt die Freiheit. Goethe hat diese Empfindung zwar erlebt, aber nicht in der h\u00f6chsten Form ausgesprochen. Er \u00fcbte in seiner Naturbetrachtung eine freie T\u00e4tigkeit; aber sie wurde ihm nie gegenst\u00e4ndlich. Er hat nie hinter die Kulissen des menschlichen Erkennens geschaut und deshalb die Idee des Weltgeschehens in dessen ureigenster Gestalt, in seiner h\u00f6chsten Metamorphose nie in sein Bewu\u00dftsein aufgenommen. Sobald der Mensch zur Anschauung dieser Metamorphose gelangt, bewegt er sich sicher im Reich der Dinge. Er hat in dem Mittelpunkte seiner Pers\u00f6nlichkeit den wahren Ausgangspunkt f\u00fcr alle Weltbetrachtung gewonnen. Er wird nicht mehr nach unbekannten Gr\u00fcnden, nach au\u00dfer ihm liegenden Ursachen der Dinge forschen; er wei\u00df, da\u00df das h\u00f6chste Erlebnis, dessen er f\u00e4hig ist, in der Selbstbetrachtung der eigenen Wesenheit besteht. Wer ganz durchdrungen ist von den Gef\u00fchlen, die dieses Erlebnis hervorruft, der wird die wahrsten Verh\u00e4ltnisse zu den Dingen gewinnen. Bei wem das nicht der Fall ist, der wird die h\u00f6chste Form des Daseins anderswo suchen, und, da er sie in der Erfahrung nicht finden kann, in einem unbekannten Gebiet der Wirklichkeit vermuten. Seine Betrachtung der Dinge wird etwas Unsicheres bekommen; er wird sich bei der Beantwortung der Fragen, die ihm die Natur stellt, fortw\u00e4h-rend auf ein Unerforschliches berufen.&#8216;<\/p>\n<p>(Aus: Rudolf Steiner, Goethes Weltanschauung).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog75.jpg\" alt=\"Die Idee der Idee\" width=\"300\" \/><br \/>\nJ.W.von Goethe<br \/>\n<em><strong>Die Idee der Idee Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber so wie die sch\u00f6pferischen Naturkr\u00e4fte \u00abnach tausendf\u00e4ltigen Pflanzen\u00bb noch eine machen, worin \u00ab alle \u00fcbrigen enthalten\u00bb sind, so bringen sie auch nach tausendf\u00e4ltigen Ideen noch eine hervor, worin die ganze Ideenwelt enthalten ist. Und diese Idee erfa\u00dft der Mensch, wenn er zu der Anschauung der andern Dinge und Vorg\u00e4nge auch diejenige des Denkens f\u00fcgt. Eben weil Goethes Denken stets mit den Gegenst\u00e4nden der Anschauung erf\u00fcllt war, weil sein Denken ein Anschauen, sein Anschauen ein Denken war: deshalb konnte er nicht dazu kommen, das Denken selbst zum Gegenstande des Denkens zu machen. Die Idee der Freiheit gewinnt man aber nur durch die Anschauung des Denkens. Den Unterschied zwischen Denken \u00fcber das Denken und Anschauung des Denkens hat Goethe nicht gemacht. Sonst w\u00e4re er zur Einsicht gelangt, da\u00df man gerade im Sinne seiner Weltanschauung es wohl ablehnen k\u00f6nne, \u00fcber das Denken zu denken, da\u00df man aber doch zu einer Anschauung der Gedankenwelt kommen k\u00f6nne. An dem Zustandekommen aller \u00fcbrigen Anschauungen ist der Mensch unbeteiligt. In ihm leben die Ideen dieser Anschauungen auf. Diese Ideen w\u00fcrden aber nicht da sein, wenn in ihm nicht die produktive Kraft vorhanden w\u00e4re, sie zur Erschei-nung zu bringen. Wenn auch die Ideen der Inhalt dessen sind, was in den Dingen wirkt; zum erscheinenden Dasein kommen sie durch die menschliche T\u00e4tigkeit. Die eigene Natur der Ideenwelt kann also der Mensch nur erkennen, wenn er seine T\u00e4tigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung au\u00dferhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Proze\u00df restlos in seinem Innern gegenw\u00e4rtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit. Bei der Beobachtung des Denkens durchschaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Geschehen ist die Idee selbst. Die sonst erlebte Einheit von Anschauung und Idee ist hier Erleben der anschaulich gewordenen Geistigkeit der Ideenwelt. Der Mensch, der diese in sich selbst ruhende T\u00e4tigkeit anschaut, f\u00fchlt die Freiheit. Goethe hat diese Empfindung zwar erlebt, aber nicht in der h\u00f6chsten Form ausgesprochen. Er \u00fcbte in seiner Naturbetrachtung eine freie T\u00e4tigkeit; aber sie wurde ihm nie gegenst\u00e4ndlich. Er hat nie hinter die Kulissen des menschlichen Erkennens geschaut und deshalb die Idee des Weltgeschehens in dessen ureigenster Gestalt, in seiner h\u00f6chsten Metamorphose nie in sein Bewu\u00dftsein aufgenommen. Sobald der Mensch zur Anschauung dieser Metamorphose gelangt, bewegt er sich sicher im Reich der Dinge. Er hat in dem Mittelpunkte seiner Pers\u00f6nlichkeit den wahren Ausgangspunkt f\u00fcr alle Weltbetrachtung gewonnen. 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