{"id":7162,"date":"2016-03-09T00:00:00","date_gmt":"2016-03-08T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/aristoteles-und-das-boese\/"},"modified":"2025-04-14T12:09:47","modified_gmt":"2025-04-14T10:09:47","slug":"aristoteles-und-das-boese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/aristoteles-und-das-boese\/","title":{"rendered":"Aristoteles und das B\u00f6se"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>F\u00fcr Aristoteles ist das Gute die Aktualit\u00e4t. Die Potentialit\u00e4t tr\u00e4gt in sich verschiedene Abirrungen, und in der Ethik beschreibt er, dass das Gute immer ein Mittelding zwischen zwei \u00dcberma\u00dfe ist, ein zu viel und ein zu wenig. Hier haben wir das Zitat aus der Metaphysik \u00fcber die Aktualit\u00e4t.  In diesem Text wird in einer rein denkenden Weise die Idee des Vollkommenen entwickelt, mit daraus hervortretend die M\u00f6glichkeit der Unvollkommenheit. Es ist nicht nur ein lehrreiches St\u00fcck Denkwerk, es gibt, wenn man den Inhalt erlebt auch die Erinnerung an das Grundprinzip der reinen Aktualit\u00e4t - den Urgrund unserer Existenz. Was Zarathustra 'zeruana akarena' nannte, ist hier Aktualit\u00e4t. Die Aktualit\u00e4t muss nicht in den gesonderten, geschaffenen Dingen gesucht werden, sondern in demjenigen was schon da war, bevor die Potentialit\u00e4t entstanden ist. In der Potentialit\u00e4t liegen die Gegens\u00e4tze. Die Aktualit\u00e4t kennt k<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/a21b29bf0b244164ba2ca35e09eabfde.jpg\" \/><\/a>\n\n--><\/p>\n<p>F\u00fcr Aristoteles ist das Gute die Aktualit\u00e4t. Die Potentialit\u00e4t tr\u00e4gt in sich verschiedene Abirrungen, und in der Ethik beschreibt er, dass das Gute immer ein Mittelding zwischen zwei \u00dcberma\u00dfe ist, ein zu viel und ein zu wenig. Hier haben wir das Zitat aus der Metaphysik \u00fcber die Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p>In diesem Text wird in einer rein denkenden Weise die Idee des Vollkommenen entwickelt, mit daraus hervortretend die M\u00f6glichkeit der Unvollkommenheit. Es ist nicht nur ein lehrreiches St\u00fcck Denkwerk, es gibt, wenn man den Inhalt erlebt auch die Erinnerung an das Grundprinzip der reinen Aktualit\u00e4t &#8211; den Urgrund unserer Existenz. Was Zarathustra &#8218;zeruana akarena&#8216; nannte, ist hier Aktualit\u00e4t. Die Aktualit\u00e4t muss nicht in den gesonderten, geschaffenen Dingen gesucht werden, sondern in demjenigen was schon da war, bevor die Potentialit\u00e4t entstanden ist. In der Potentialit\u00e4t liegen die Gegens\u00e4tze. Die Aktualit\u00e4t kennt keine M\u00f6glichkeit, sie kennt nur die Wirklichkeit.<\/p>\n<p><em>Aktualit\u00e4t als das reine Gute.<\/em><\/p>\n<p>&#8218;In manchen F\u00e4llen nun ist dem Verm\u00f6gen gegen\u00fcber das letzte blo\u00df der wirkliche Gebrauch, so dem Sehverm\u00f6gen gegen\u00fcber das wirkliche Sehen, und es gibt kein anderes Werk, das von dem Sehverm\u00f6gen hervorgebracht w\u00fcrde au\u00dfer dem Sehen. In anderen F\u00e4llen dagegen wird noch etwas hervorgebracht au\u00dfer der T\u00e4tigkeit; so von der Baukunst neben der T\u00e4tigkeit des Bauens das Geb\u00e4ude, in jenem Falle ist gleichwohl der Gebrauch des Verm\u00f6gens deshalb nicht weniger Zweck, weil er mit der T\u00e4tigkeit zusammenf\u00e4llt; in diesem ist er wenigstens in h\u00f6herem Grade Zweck als das Verm\u00f6gen. Denn die T\u00e4tigkeit des Bauens ist gleichsam aufbewahrt in dem was gebaut wird; sie vollzieht sich und existiert zugleich mit dem Geb\u00e4ude. In allen den F\u00e4llen nun, wo neben dem Gebrauche des Verm\u00f6gens noch ein anderes da ist, das hervorgebracht wird, liegt die Aktualit\u00e4t in dem Hervorgebrachten: so hat das Bauen seine Aktualit\u00e4t in dem Gebauten, das Weben in dem Gewebten, und ebenso ist es in den \u00fcbrigen F\u00e4llen; \u00fcberhaupt hat die Bewegung ihre Aktualit\u00e4t in dem bewegten Gegenstand, in den F\u00e4llen dagegen, wo es nicht neben der T\u00e4tigkeit noch ein fertiges Werk gibt, liegt die Aktualit\u00e4t in dem Tr\u00e4ger des Verm\u00f6gens selbst; so das Sehen in dem Sehenden, das Verstehen in dem Verstehenden, das Leben in der Seele, und so gilt es auch von der Gl\u00fcckseligkeit, die nur ein Leben von besonderer Beschaffenheit ist.<\/p>\n<p>Es wird dadurch klar geworden sein, da\u00df das Wesen und die Form Aktualit\u00e4t sind. Demnach ist es auch unter diesem Gesichtspunkte klar, da\u00df die Aktualit\u00e4t dem Wesen nach der Potentialit\u00e4t vorangeht, und wie wir gesagt haben: jeder Aktualit\u00e4t geht der Zeit nach eine andere Aktualit\u00e4t vorher, bis man zu dem gelangt, was ewig das urspr\u00fcngliche Prinzip aller Bewegung ist.<\/p>\n<p>Aber das gilt nun auch in einem noch h\u00f6heren Sinne. Das Ewige ist dem Wesen nach fr\u00fcher als das Verg\u00e4ngliche, und nichts was ewig ist, hat blo\u00df potentielles Sein. Der Grund ist dieser: Jedes Verm\u00f6gen ist das Verm\u00f6gen des einen und des Gegenteils zugleich. Was nun \u00fcberhaupt keine M\u00f6glichkeit der Existenz hat, das w\u00fcrde in keinem Falle existieren; was aber diese M\u00f6glichkeit hat, das hat auch die M\u00f6glichkeit, nicht wirklich zu werden. Also hat das, was blo\u00df potentiell ist, ebensowohl die M\u00f6glichkeit nicht zu sein wie die zu sein, und es ist eines und dasselbe, was die M\u00f6glichkeit hat zu sein und nicht zu sein. Von dem aber, was die M\u00f6glichkeit hat nicht zu sein, gilt es, da\u00df es m\u00f6glicherweise nicht ist. Was aber m\u00f6glicherweise nicht ist, das ist verg\u00e4nglich, sei es schlechthin verg\u00e4nglich, sei es in der bestimmten Beziehung verg\u00e4nglich, in welcher f\u00fcr dasselbe die M\u00f6glichkeit offen bleibt, da\u00df es nicht sei, also z.B. in Beziehung auf den Ort oder auf die Quantit\u00e4t oder auf die Qualit\u00e4t. Verg\u00e4nglich schlechthin aber hei\u00dft das, was seinem ganzen Dasein nach verg\u00e4nglich ist. Was also schlechthin unverg\u00e4nglich ist, das kann nichts schlechthin Potentielles sein; aber allerdings nichts hindert, da\u00df es in bestimmter Beziehung potentiell sei, z.B. nach bestimmter Qualit\u00e4t oder nach bestimmter \u00d6rtlichkeit in jeder anderen Beziehung also ist es aktuell.<\/p>\n<p>Ebensowenig nun wie das was ewig ist kann das was notwendig ist potentiell sein. Das Notwendige aber ist doch das Urspr\u00fcngliche; denn w\u00e4re dieses nicht, so w\u00e4re \u00fcberhaupt nichts. Also kann auch die Bewegung, falls es ewige Bewegung gibt, nicht potentiell sein, und ebensowenig kann ein Bewegtes, wenn es ewig ist, nur der Potentialit\u00e4t nach ein Bewegtes sein; es sei denn in bezug auf das Woher und Wohin. Da\u00df es eine Materie daf\u00fcr gebe in bezug auf die Richtung der Bewegung, das ist allerdings nicht ausgeschlossen. Deshalb kommt der Sonne und den Gestirnen und kommt dem Universum \u00fcberhaupt ewige Aktualit\u00e4t zu, und man braucht sich nicht bange machen zu lassen, da\u00df der Himmel einmal zum Stillstand kommen m\u00f6chte, wie die Naturgelehrten besorgen. Es kostet diesen Wesen auch keine M\u00fche, was sie leisten. Denn ihre Bewegung beruht nicht darauf, da\u00df das eine ebensowohl wie sein Gegenteil m\u00f6glich ist, wie bei den verg\u00e4nglichen Dingen, so da\u00df ihnen die Kontinuit\u00e4t der Bewegung zu erhalten eine Anstrengung verursachte. Da\u00df solche Anstrengung sonst f\u00fcr die Dinge erforderlich ist, das liegt daran, da\u00df ihr Wesen Potentialit\u00e4t und Materie, nicht Aktualit\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Ein Abbild des Unverg\u00e4nglichen nun bietet auch das, was in steter Ver\u00e4nderung begriffen ist wie Erde und Feuer; denn auch dieses ist in best\u00e4ndiger T\u00e4tigkeit und hat die Bewegung an sich und in sich. Die anderen Verm\u00f6gen aber sind s\u00e4mtlich, wie fr\u00fcher nachgewiesen worden ist, Verm\u00f6gen zu dem einen wie zum Gegenteil, und was sich in dieser Weise zu bewegen vermag, das hat auch das Verm\u00f6gen, sich nicht in dieser Weise zu bewegen. Gilt dies von dem Verm\u00f6gen, das mit Vernunft verbunden ist, so werden dagegen die Verm\u00f6gen, die nicht mit Vernunft verbunden sind, sich immer gleich verhalten, je nachdem die entgegengesetzten Bedingungen, das was die Wirkung \u00fcbt und das was sie erleidet, eintreten oder nicht.<\/p>\n<p>Wenn demnach Wesen als selbst\u00e4ndige Existenzen von der Art bestehen wie die Verselbst\u00e4ndiger der Begriffe sie als Ideen aufstellen, so w\u00e4re die Folge, da\u00df es etwas gibt, was viel mehr wissenschaftliche Erkenntnis bes\u00e4\u00dfe als die Idee der Erkenntnis selber, und etwas, was viel mehr bewegt w\u00e4re als die Idee der Bewegung selber. Denn jene konkreten Dinge h\u00e4tten einen h\u00f6heren Grad von Aktualit\u00e4t, die Ideen aber stellten die blo\u00dfe Potentialit\u00e4t zu ihnen dar.<\/p>\n<p>Da\u00df die Aktualit\u00e4t der Potentialit\u00e4t und jedem Prinzip der Ver\u00e4nderung vorangeht, ist so unser gesichertes Ergebnis. Da\u00df aber auch der Potentialit\u00e4t als dem Verm\u00f6gen zum Guten gegen\u00fcber die Aktualit\u00e4t das H\u00f6here und Wertvollere ist, geht aus folgender Erw\u00e4gung hervor. Was nach dem ihm innewohnenden Verm\u00f6gen bezeichnet wird, hat als eines und dasselbe das Verm\u00f6gen zu dem Einen und zum Entgegengesetzten; so hat eben dasselbe, von dem das Verm\u00f6gen gesund zu sein ausgesagt wird, auch die M\u00f6glichkeit krank zu sein, und beide M\u00f6glichkeiten hat es zugleich. Denn eigentlich ist es eine und dieselbe M\u00f6glichkeit, die M\u00f6glichkeit gesund und die krank zu sein, zu ruhen und sich zu bewegen, zu bauen und einzurei\u00dfen, aufgebaut zu werden und einzust\u00fcrzen. W\u00e4hrend also das Verm\u00f6gen zu Entgegengesetztem zu gleicher Zeit besteht, ist es ausgeschlossen, da\u00df das Entgegengesetzte zugleich wirklich sei; ausgeschlossen also ist auch das Zugleichsein von wirklichen Zust\u00e4nden wie Gesundsein und Kranksein. Nun kann das Gute notwendig nur das eine der beiden entgegengesetzten sein, schlie\u00dft also das Schlechte aus, w\u00e4hrend das Verm\u00f6gen ebenso das Verm\u00f6gen zum Guten wie zum Schlechten oder zu keinem von beiden ist. Mithin ist die Aktualit\u00e4t das Bessere. Und ebenso ist denn auch notwendigerweise, wo das Schlechte in Betracht kommt, die Vollendung und die Aktualit\u00e4t der Potentialit\u00e4t gegen\u00fcber das Schlechtere. Denn solange etwas blo\u00df potentiell ist, sind bei demselben beide Gegens\u00e4tze, das Gute wie das Schlechte, m\u00f6glich. Es ergibt sich daraus auch dies, da\u00df das Schlechte nicht etwas Selbst\u00e4ndiges neben den Dingen ist. Denn das Schlechte ist von Natur sp\u00e4ter als das Verm\u00f6gen, das ebenso das Verm\u00f6gen zum Guten wie zum Schlechten ist. In den obersten Prinzipien und in dem Ewigen ist mithin kein Platz f\u00fcr das Schlechte, kein Verfehlen noch Verderbnis. Denn auch die Verderbnis geh\u00f6rt zu dem Schlechten.<br \/>\nDer Weg durch die Aktualit\u00e4t ist es auch, auf dem man die Eigenschaften der geometrischen Gebilde findet. Man findet sie n\u00e4mlich durch Linienziehen. W\u00e4ren die Linien schon gezogen, so l\u00e4ge der Satz schon offen zu Tage; aber die Linien sind zun\u00e4chst blo\u00df potentiell vorhanden. Warum z.B. betr\u00e4gt die Winkelsumme im Dreieck 2 Rechte? Weil die Winkel um einen Punkt gleich 2 Rechten sind. W\u00e4re nun die Parallele zu der einen Seite schon gezogen, so w\u00e4re die Sache auf den ersten Blick klar. Oder warum ist ganz allgemein der Winkel im Halbkreis ein rechter? Weil, wenn wir drei gleiche Linien haben, von denen zwei die Basis bilden und die dritte von dem Mittelpunkt zum Scheitel des Winkels gezogen ist, ein Blick auf die Figur dem, der Bescheid wei\u00df, die Sache klar macht. Es wird also offenbar der Satz gefunden, indem das potentiell Vorhandene zur Aktualit\u00e4t gebracht wird. Der Grund ist der, da\u00df die Aktualit\u00e4t Gedanke ist. Die Potentialit\u00e4t stammt also aus der Aktualit\u00e4t, und deshalb gelangt man zur Erkenntnis durch ein Wirklichmachen. Denn die Aktualit\u00e4t als die zahlenm\u00e4\u00dfige Bestimmung ist im Vorgang des Erkennens das Sp\u00e4tere.&#8216;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog97.jpg\" alt=\"Aristoteles und das B\u00f6se\" \/><br \/>\nAristoteles<em><strong>Aristoteles und das B\u00f6se Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Aristoteles ist das Gute die Aktualit\u00e4t. Die Potentialit\u00e4t tr\u00e4gt in sich verschiedene Abirrungen, und in der Ethik beschreibt er, dass das Gute immer ein Mittelding zwischen zwei \u00dcberma\u00dfe ist, ein zu viel und ein zu wenig. 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