{"id":7188,"date":"2016-05-11T00:00:00","date_gmt":"2016-05-10T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/nietzsche-und-das-boese\/"},"modified":"2025-04-14T12:00:33","modified_gmt":"2025-04-14T10:00:33","slug":"nietzsche-und-das-boese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/nietzsche-und-das-boese\/","title":{"rendered":"Nietzsche und das B\u00f6se"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Das B\u00f6se ist f\u00fcr Nietzsche alles, was die Kr\u00e4fte des Menschen schw\u00e4cht,  alles was er nicht aus seinem Instinkt heraus, sondern unter fremden  Zwang denkt oder tut. Wenn der Mensch gedeiht, so waltet das Gute. Durch  diese Ansicht entsteht Nietzsches Bild des \u00dcbermenschen, der\u00a0 wenn man  ihn nicht differenziert versteht, zugleich ein Unmensch sein kann, ein  Mensch, der nur f\u00fcr sich und sein eigenes Wohl lebt, und keine Ahnung  von anderen Menschen und ihren Interessen hat. Rudolf Steiner hat das  Positive des \u00dcbermenschen dargestellt, und es auch vom negativen Aspekt  klar unterschieden.<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/1e6d3e02890b30b240a53c1226d96f21.jpg\" \/><\/a>\n\n--><\/p>\n<p>Das B\u00f6se ist f\u00fcr Nietzsche alles, was die Kr\u00e4fte des Menschen schw\u00e4cht, alles was er nicht aus seinem Instinkt heraus, sondern unter fremden Zwang denkt oder tut. Wenn der Mensch gedeiht, so waltet das Gute. Durch diese Ansicht entsteht Nietzsches Bild des \u00dcbermenschen, der\u00a0 wenn man ihn nicht differenziert versteht, zugleich ein Unmensch sein kann, ein Mensch, der nur f\u00fcr sich und sein eigenes Wohl lebt, und keine Ahnung von anderen Menschen und ihren Interessen hat. Rudolf Steiner hat das Positive des \u00dcbermenschen dargestellt, und es auch vom negativen Aspekt klar unterschieden.<\/p>\n<p>Steiner beschreibt Nietzsches Anschauung wie folgt:<br \/>\n&#8218;Alles Streben des Menschen besteht, wie das eines jeden Lebewesens, darin, von der Natur eingepflanzte Triebe und Instinkte in der besten Weise zu befriedigen. Wenn die Menschen nach Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies deshalb, weil Tugend, Gerechtigkeit und so weiter Mittel sind, durch die die menschlichen Instinkte sich so entwickeln k\u00f6nnen, wie es deren Natur entsprechend ist. Die Instinkte w\u00fcrden ohne diese Mittel verk\u00fcmmern. Es ist nun eine Eigent\u00fcmlichkeit des Menschen, da\u00df er diesen Zusammenhang seiner Lebensbedingungen mit seinen nat\u00fcrlichen Trieben vergi\u00dft und jene Mittel zu einem naturgem\u00e4\u00dfen, machtvollen Leben als etwas ansieht, das an sich einen unbedingten Wert hat. Der Mensch sagt dann: Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis und so weiter m\u00fcssen um ihrer selbst willen erstrebt werden. Sie haben nicht dadurch einen Wert, da\u00df sie dem Leben dienen, sondern vielmehr das Leben erhalte erst einen Wert dadurch, da\u00df es nach jenen idealen G\u00fctern strebt. Der Mensch sei nicht dazu da, nach Ma\u00dfgabe seiner Instinkte zu leben, wie das Tier; sondern er solle seine Instinkte dadurch adeln, da\u00df er sie in den Dienst h\u00f6herer Zwecke stelle. Auf diese Weise kommt der Mensch dazu, das, was er selbst erst zur Befriedigung seiner Triebe geschaffen hat, als Ideale anzubeten, die seinem Leben erst die rechte Weihe geben. Er fordert Unterwerfung unter die Ideale, die er h\u00f6her sch\u00e4tzt, als sich selbst. Er l\u00f6st sich los von dem Mutterboden der Wirklichkeit und will seinem Dasein einen h\u00f6heren Sinn und Zweck geben. Er erfindet einen unnat\u00fcrlichen Ursprung f\u00fcr seine Ideale. Er nennt sie den \u00abWillen Gottes\u00bb, die \u00abewigen sittlichen Gebote\u00bb. Er will die \u00abWahrheit um der Wahrheit willen\u00bb, \u00abdie Tugend um der Tugend willen\u00bb anstreben. Er betrachtet sich als einen guten Menschen erst dann, wenn es ihm angeblich gelungen ist, seine Selbstsucht, das hei\u00dft seine nat\u00fcrlichen Instinkte zu b\u00e4ndigen und selbstlos einem idealen Ziele zu folgen. Einem solchen Idealisten gilt der Mensch als unedel und \u00abb\u00f6se\u00bb, der es bis zu solcher Selbst\u00fcberwindung nicht gebracht hat.<\/p>\n<p>Nun stammen urspr\u00fcnglich alle Ideale aus nat\u00fcrlichen Instinkten. Auch was der Christ als Tugend ansieht, die ihm Gott geoffenbart hat, ist urspr\u00fcnglich von Menschen erfunden, um irgendwelche Instinkte zu befriedigen. Der nat\u00fcrliche Ursprung ist vergessen und der g\u00f6ttliche hinzugedichtet worden. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Tugenden, die die Philosophen und Moralprediger aufstellen.<\/p>\n<p>Wenn die Menschen blo\u00df gesunde Instinkte h\u00e4tten und diesen gem\u00e4\u00df ihre Ideale bestimmten, so w\u00fcrde der theoretische Irrtum \u00fcber den Ursprung dieser Ideale nicht schaden. Die Idealisten h\u00e4tten zwar falsche Ansichten \u00fcber die Herkunft ihrer Ziele, aber diese Ziele selbst w\u00e4ren gesund, und das Leben m\u00fc\u00dfte gedeihen. Aber es gibt ungesunde Instinkte, die nicht auf St\u00e4rkung, F\u00f6rderung des Lebens, sondern auf dessen Schw\u00e4chung, Verk\u00fcmmerung abzielen. Diese bem\u00e4chtigen sich des genannten theoretischen Irrtums und machen ihn zum praktischen Lebenszwecke. Sie verleiten den Menschen, zu sagen: ein vollkommener Mensch ist nicht derjenige, der sich selbst, seinem Leben dienen will, sondern derjenige, der sich der Verwirklichung eines Ideals hingibt. Unter dem Einflu\u00df dieser Instinkte bleibt der Mensch nicht blo\u00df dabei stehen, irrt\u00fcmlich seinen Zielen einen un- oder \u00fcbernat\u00fcrlichen Ursprung anzudichten, sondern er macht sich wirklich solche Ideale zurecht oder \u00fcbernimmt sie von anderen, die nicht den Bed\u00fcrfnissen des Lebens dienen. Er strebt nicht mehr danach, die in seiner Pers\u00f6nlichkeit liegenden Kr\u00e4fte ans Tageslicht zu ziehen, sondern er lebt nach einem seiner Natur aufgezwungenen Musterbilde. Ob er dieses Ziel einer Religion entnimmt, oder ob er es selbst auf Grund gewisser, nicht in seiner Natur liegenden Voraussetzungen bestimmt: darauf kommt es nicht an. Der Philosoph, der einen allgemeinen Zweck der Menschheit im Auge hat und aus diesem seine sittlichen Ideale ableitet, legt der menschlichen Natur ebenso Fesseln an, wie der Religionsstifter, der den Menschen sagt: dies ist das Ziel, das euch Gott gesetzt hat; und dem m\u00fc\u00dft ihr folgen. Es ist auch gleichg\u00fcltig, ob der Mensch sich vorsetzt, ein Ebenbild Gottes zu werden, oder ob er ein Ideal des \u00abvollkommenen Menschen\u00bb erfindet und diesem m\u00f6glichst \u00e4hnlich werden will. Wirklich ist nur der einzelne Mensch und die Triebe und Instinkte dieses einzelnen Menschen. Nur wenn er auf die Bed\u00fcrfnisse seiner eigenen Person sein Augenmerk richtet, kann der Mensch erfahren, was seinem Leben frommt. Der einzelne Mensch wird nicht \u00abvollkommen\u00bb, wenn er sich verleugnet und einem Vorbilde \u00e4hnlich wird, sondern wenn er das verwirklicht, was in ihm zur Verwirklichung dr\u00e4ngt. Die menschliche T\u00e4tigkeit erh\u00e4lt nicht erst einen Sinn, wenn sie einem unpers\u00f6nlichen, \u00e4u\u00dferen Zwecke dient; sie hat ihren Sinn in sich selbst.<\/p>\n<p>Der Anti-Idealist wird zwar auch in der ungesunden Abkehr des Menschen von seinen ureigenen Instinkten noch eine Instinkt\u00e4u\u00dferung erblicken. Er wei\u00df, da\u00df der Mensch selbst das Instinktwidrige nur aus Instinkt vollbringen kann. Er wird aber doch die Instinktwidrigkeit bek\u00e4mpfen, wie der Arzt eine Krankheit bek\u00e4mpft, trotzdem er wei\u00df, da\u00df sie naturgem\u00e4\u00df aus bestimmten Ursachen entstanden ist. Es darf also dem Anti-Idealisten nicht der Einwurf gemacht werden: du behauptest, alles, was der Mensch erstrebt, also auch alle Ideale, seien naturgem\u00e4\u00df entstanden; dennoch bek\u00e4mpfst du den Idealismus. Gewi\u00df entstehen Ideale ebenso naturgem\u00e4\u00df wie Krankheiten; aber der Gesunde bek\u00e4mpft den Idealismus, wie er die Krankheit bek\u00e4mpft. Der Idealist aber sieht die Ideale als etwas an, das gehegt und gepflegt werden mu\u00df.<br \/>\nDer Glaube, da\u00df der Mensch vollkommen erst wird, wenn er \u00abh\u00f6heren\u00bb Zwecken dient, ist, nach Nietzsches Meinung, etwas, das \u00fcberwunden werden mu\u00df. Der Mensch mu\u00df sich auf sich selbst besinnen und erkennen, da\u00df er Ideale nur erschaffen hat, um sich zu dienen. Naturgem\u00e4\u00df leben, ist ges\u00fcnder, als Idealen nachjagen, die angeblich nicht aus der Wirklichkeit stammen. Den Menschen, der nicht unpers\u00f6nlichen Zielen dient, sondern der den Zweck und Sinn seines Daseins in sich selbst sucht, der solche Tugenden zu den seinigen macht, die seiner Kraftentfaltung, seiner Machtvollkommenheit dienen &#8211; diesen Menschen stellt Nietzsche h\u00f6her als den selbstlosen Idealisten.<\/p>\n<p>Dies ist es, was er durch seinen \u00abZarathustra\u00bb verk\u00fcndet. Das souver\u00e4ne Individuum, das wei\u00df, da\u00df es nur aus seiner Natur heraus leben kann, und das in einer seinem Wesen entsprechenden Lebensgestaltung sein pers\u00f6nliches Ziel sieht, ist f\u00fcr Nietzsche der \u00dcbermensch, im Gegensatz zu dem Menschen, der glaubt: ihm sei das Leben geschenkt, um einem au\u00dfer ihm selbst liegenden Zwecke zu dienen.<\/p>\n<p>Den \u00dcbermenschen, das hei\u00dft den Menschen, der naturgem\u00e4\u00df zu leben versteht, lehrt Zarathustra.&#8216;<br \/>\n&#8218;Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle Antriebe seines Tuns entnimmt und keiner \u00e4u\u00dferen Macht gehorcht, ist er tm. freier Geist. Denn ein freier Geist ist derjenige, der nur seiner Natur folgt. Nun ist allerdings in Nietzsches Werken nur die Rede von Instinkten als den Antrieben des freien Geistes. Ich glaube, da\u00df hier Nietzsche mit einem Namen eine Reihe von Antrieben zusammengefa\u00dft hat, die eine mehr ins Einzelne gehende Betrachtung erfordern. Nietzsche nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren vorhandenen Triebe zur Ern\u00e4hrung und Selbsterhaltung, wie auch die h\u00f6chsten Antriebe der menschlichen Natur, zum Beispiel den Erkenntnistrieb, den Trieb, nach sittlichen Ma\u00dfst\u00e4ben zu handeln, den Trieb, sich an Kunstwerken zu erg\u00f6tzen und so weiter. Nun sind zwar alle diese Triebe \u00c4u\u00dferungsformen einer und derselben Grundkraft. Aber sie stellen doch verschiedene Stufen in der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen Antriebe zum Beispiel sind eine besondere Stufe der Instinkte. Wenn auch zugegeben werden kann, da\u00df sie nur h\u00f6here Formen sinnlicher Instinkte sind, so treten sie doch im Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies zeigt sich darin, da\u00df es dem Menschen m\u00f6glich ist, Handlungen zu vollf\u00fchren, die nicht unmittelbar auf sinnliche Instinkte zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, sondern nur auf jene Antriebe, die eben als h\u00f6here Formen des Instinktes zu bezeichnen sind. Der Mensch schafft sich Antriebe seines Handelns, die nicht aus seinen sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern nur aus dem bewu\u00dften Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke vor, aber er setzt sich diese mit Bewu\u00dftsein vor.&#8216;<\/p>\n<p>&#8218;Ein Mensch, der sich blo\u00df seinen sinnlichen Instinkten \u00fcberl\u00e4\u00dft, handelt wie ein Tier; ein Mensch, der seine sinnlichen Instinkte unter fremde Gedanken stellt, handelt unfrei; erst der Mensch, der sich selbst seine moralischen Ziele schafft, handelt frei. Die moralische Phantasie fehlt in Nietzsches Ausf\u00fchrungen. Wer dessen Gedanken zu Ende denkt, mu\u00df notwendig auf diesen Begriff kommen. Aber andererseits ist es auch eine unbedingte Notwendigkeit, da\u00df dieser Begriff der Nietzscheschen Weltanschauung eingef\u00fcgt wird. Sonst k\u00f6nnte gegen dieselbe immerfort eingewendet werden: Zwar ist der dionysische Mensch kein Knecht des Herkommens oder des \u00abjenseitigen Willens\u00bb, aber er ist ein Knecht seiner eigenen Instinkte.&#8216; (GA 5)<\/p>\n<p>Einen interessanten modernen Text (in der Niederl\u00e4ndischen Sprache) kann man finden bei den Humanisten: http:\/\/www.humanistischecanon.nl\/atheisme\/nietzsche<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog106.jpg\" alt=\"Nietzsche und das B\u00f6se\" width=\"250\" \/><br \/>\nFriedrich Nietzsche, 1844 &#8211; 1900<br \/>\n<em><strong>Nietzsche und das B\u00f6se Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das B\u00f6se ist f\u00fcr Nietzsche alles, was die Kr\u00e4fte des Menschen schw\u00e4cht, alles was er nicht aus seinem Instinkt heraus, sondern unter fremden Zwang denkt oder tut. Wenn der Mensch gedeiht, so waltet das Gute. Durch diese Ansicht entsteht Nietzsches Bild des \u00dcbermenschen, der\u00a0 wenn man ihn nicht differenziert versteht, zugleich ein Unmensch sein kann, ein Mensch, der nur f\u00fcr sich und sein eigenes Wohl lebt, und keine Ahnung von anderen Menschen und ihren Interessen hat. 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