{"id":7229,"date":"2016-09-14T00:00:00","date_gmt":"2016-09-13T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/der-geist-des-aelterwerdens\/"},"modified":"2025-04-14T11:42:17","modified_gmt":"2025-04-14T09:42:17","slug":"der-geist-des-aelterwerdens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/der-geist-des-aelterwerdens\/","title":{"rendered":"Der Geist des \u00c4lterwerdens"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Wenn wir das menschliche Wesen als ein lebendiges Wesen ansehen und es  so betrachten w\u00fcrden, als h\u00e4tte es nichts mit uns zu tun, dann w\u00fcrden  wir einen ziemlich komplizierten physischen Organismus sehen, der an der  Spitze der Evolution zu stehen scheint. In der Jugend ist er sch\u00f6n und  lernt sehr viel; sp\u00e4ter stabilisiert er sich und h\u00e4lt das Wissen  aktuell; dann kommt er allm\u00e4hlich in Verfall, wird weniger sch\u00f6n,  handelt langsamer, bis der Tod folgt.<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/b6ac078c0c28f83f5b0a934f9ed69992.jpg\" \/><\/a>\n\n--><\/p>\n<p>Wenn wir das menschliche Wesen als ein lebendiges Wesen ansehen und es so betrachten w\u00fcrden, als h\u00e4tte es nichts mit uns zu tun, dann w\u00fcrden wir einen ziemlich komplizierten physischen Organismus sehen, der an der Spitze der Evolution zu stehen scheint. In der Jugend ist er sch\u00f6n und lernt sehr viel; sp\u00e4ter stabilisiert er sich und h\u00e4lt das Wissen aktuell; dann kommt er allm\u00e4hlich in Verfall, wird weniger sch\u00f6n, handelt langsamer, bis der Tod folgt.<\/p>\n<p>Aber nun sind wir zugleich Teil der menschlichen Art. Wir schauen darauf von au\u00dfen, aber wir sind auch als Teilnehmer darinnen. Das ist eine spezifisch menschliche F\u00e4higkeit, irgendwo darin zu sein und zugleich auch gegen\u00fcber sein zu k\u00f6nnen. Und so haben wir die M\u00f6glichkeit, uns selbst sorgf\u00e4ltig zu betrachten, w\u00e4hrend wir \u00e4lter und \u00e4lter werden. Wir betrachten uns selbst nicht nur im Spiegel, sondern auch wirklich innerlich, nicht nur physisch innerlich, etwa das Empfinden, wie der eigene physische Zustand ist \u2013 m\u00fcde, fit, gesund usw. \u2013, sondern auch psychisch innerlich. Je mehr wir daran gew\u00f6hnt sind, einen innerlichen Blick auf uns zu werfen, desto mehr ist dieser psychische Blick auf uns eine allgemeine t\u00e4gliche Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wenn wir nur auf den physischen Leib blicken, dann ist \u00c4lterwerden ein ziemlich schmerzlicher Prozess. Wenn der Blick weiter ist, dann wird etwas anderes deutlich. Ich habe als \u00c4rztin gearbeitet, w\u00e4hrend einiger Jahrzehnte. Wie viele \u00e4ltere Menschen haben an meinem Schreibtisch gesessen? Eines ist so deutlich wie nur m\u00f6glich: Keiner der \u00e4lteren Menschen, die ich gesehen habe, betrachtete sich selbst als psychisch alt. Nat\u00fcrlich gibt es einen Teil des inneren Lebens, der durch das \u00c4lterwerden beeintr\u00e4chtigt wird. Aber das Gef\u00fchl, dass wir wir selbst sind, das Bewusstsein des Ich, das wird nicht \u00e4lter. Es wird reicher, weiser, hat mehr Lebenserfahrung, kann die Dinge besser in ihrer Perspektive sehen. Aber das Ich-Gef\u00fchl altert nicht.<\/p>\n<p>Darum ist es wirklich unvorstellbar, dass es \u00e4ltere Menschen gibt, die dennoch denken, dass ihr Ich physisch ist, dass der physische Leib der Produzent des Ich-Gef\u00fchls ist. Wenn dies wahr w\u00e4re, dann w\u00fcrden alle \u00e4lter werdenden Menschen \u00e4lter werdende ,Iche\u2019 haben, aber das haben sie nicht. Das Ich bleibt ebenso jung und lebendig wie immer, es wird sogar noch lebendiger \u2013 solange es nicht ganz dem physischen Leib verfallen ist. Und wie ich schon sagte, \u00e4lter werdende Menschen erz\u00e4hlen \u00fcber ihr Ich, sprechen von ihrem Ich aus und zeigen damit, dass das Ich ein selbst wirksames, unabh\u00e4ngiges Wesen ist, das zwar durch den \u00e4lter werdenden Leib einigerma\u00dfen beeintr\u00e4chtigt wird, das aber nicht das Resultat dieses Leibes ist. Alle materialistischen alten Menschen also, die glauben, dass ,nach dem Tod nichts ist\u2019, haben es unterlassen, im inneren psychischen Leben auf sich selbst zu schauen. W\u00fcrden sie sich erinnern, dann m\u00fcssten sie \u00fcber die unlogischen Schl\u00fcsse, die sie ziehen, staunen.<\/p>\n<p>Und wenn wir auf die \u00e4lter werdenden Menschen schauen w\u00fcrden, w\u00e4hrend wir imstande sind, die Aufmerksamkeit von dem blo\u00df Physischen abzuziehen und diese Aufmerksamkeit auf das mehr ich-artige Wesen zu richten, dann w\u00fcrden wir den Geist sehen, weil dieser in dem Ma\u00dfe immer mehr vom Physischen zu unterscheiden ist, wie der Mensch \u00e4lter wird.<\/p>\n<p>In der Philosophie werden die Wesen, die mit einer Seele begabt sind, ,animal\u2019 genannt, weil im Lateinischen ,anima\u2019 die Seele ist. Wenn man aber auf die \u00e4lter werdenden Tiere schaut und diese mit \u00e4lter werdenden menschlichen Wesen vergleicht, dann wird man selbst sehen, dass ein menschliches Wesen, obwohl es in der Tat mit ,anima\u2019 begabt und daher ,animiert\u2019 ist, noch etwas hat, das dar\u00fcber hinausgeht. Zwar wird der physische Leib alt und ruhig, auf der anderen Seite aber wird der Geist, die ,anima humana\u2019, immer freier und immer mehr mit Geist begabt \u2013 zumindest wenn das physisch \u00e4lter werdende menschliche Wesen nicht vergisst, auf sein inneres Leben zu schauen und da zu sehen, dass dieses \u00fcberhaupt nicht \u00e4lter wird.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Zitat aus einem Brief von Vincent van Gogh aus dem Buch: Vincent van Gogh, ein Leben in Briefen 1853-1890. Brief an Theo van Gogh:<br \/>\n,Ich habe jetzt wieder zwei Zeichnungen, die eine ist ein Mann, der in der Bibel liest, und die andere ist ein Mann, der vor seinem Mittagsmahl, das auf dem Tisch steht, sein Gebet spricht. Beide sind gewiss das, was man ein altmodisches Gef\u00fchl nennen k\u00f6nnte, sie sind genau solche Figuren wie der alte Mann mit dem Kopf in den H\u00e4nden.<br \/>\n\u2026<br \/>\nMeine Absicht mit diesen beiden und auch mit dem ersten alten Mann ist jeweils dieselbe, n\u00e4mlich, die spezielle Stimmung von Weihnachten und Sylvester auszudr\u00fccken. In dieser Zeit gibt es sowohl in Holland als auch in England noch immer ein religi\u00f6ses Element \u00fcberall, zumindest in der Bretagne und auch im Elsass. Abgesehen von der Frage, ob man sich nun genau in der Form einig ist, ist es doch etwas, was man respektiert, wenn es aufrichtig ist \u2013 und was mich betrifft, kann ich v\u00f6lligen Anteil daran nehmen und habe sogar ein Bed\u00fcrfnis danach, jedenfalls in der Hinsicht, dass ich ebenso sehr wie so ein alter Mann die Empfindung von und den Glauben an etwas H\u00f6heres habe, auch wenn ich nicht genau wei\u00df, wer oder was das ist. Ich finde, es ist ein sch\u00f6nes Wort von Victor Hugo, dass die Religionen vor\u00fcbergehen, Gott aber bleibt. Und ich finde, es ist ein sch\u00f6nes Wort von Gavarni, wenn er sagt: Es geht darum, in dem, was verg\u00e4nglich ist, dasjenige zu erfassen, was unverg\u00e4nglich ist. Eines der Dinge, die nicht vergehen, ist jenes ,Etwas\u2019, das hoch ist, und der Glaube an Gott, auch wenn die Formen sich \u00e4ndern, eine Ver\u00e4nderung, die ebenso notwendig ist wie die Erneuerung des Gr\u00fcn im Fr\u00fchling. Aber man wird aus dem einen oder anderen verstehen, dass meine Absicht in diesen Zeichnungen nicht ist, der Form zu huldigen, sondern zu zeigen, dass ich das Weihnachts- und Sylvester-Gef\u00fchl tief respektiere. Und wenn da einiges Gef\u00fchl oder ein entsprechender Ausdruck hineingekommen ist, dann, weil ich selbst es mitempfinde.\u2019<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog123.jpg\" alt=\"Der Geist des \u00c4lterwerdens\" \/><br \/>\nZeichnung von Vincent van Gogh.<em><strong>Der Geist des \u00c4lterwerdens Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir das menschliche Wesen als ein lebendiges Wesen ansehen und es so betrachten w\u00fcrden, als h\u00e4tte es nichts mit uns zu tun, dann w\u00fcrden wir einen ziemlich komplizierten physischen Organismus sehen, der an der Spitze der Evolution zu stehen scheint. 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