{"id":7272,"date":"2014-12-17T00:00:00","date_gmt":"2014-12-16T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/das-maerchen-von-goethe\/"},"modified":"2025-04-22T13:48:39","modified_gmt":"2025-04-22T11:48:39","slug":"das-maerchen-von-goethe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/das-maerchen-von-goethe\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von Goethe"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Am Samstag den 13. Dezember presentierten wir in Amsterdam eine  \u00dcbersetzung von Goethes M\u00e4rchen von der gr\u00fcnen Schlange und der sch\u00f6nen  Lilie. Goethe schildert hier in wunderbaren Imaginationen die  innerlichen Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein. Ich zitiere  hier eine Imagination:\n\u201aDiese Heiterkeit, diese anmutigen Scherze  wurden durch die Ankunft des traurigen J\u00fcnglings unterbrochen. Er trat  herein, wie wir ihn schon kennen, nur schien die Hitze des Tages ihn  noch mehr abgemartert zu haben, und in der Gegenwart der Geliebten ward  er mit jedem Augenblicke bl\u00e4sser. Er trug den Habicht auf seiner Hand,  der wie eine Taube ruhig sa\u00df und die Fl\u00fcgel h\u00e4ngen lie\u00df. <u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/6f9c63b2005fdae84095bee5121f67d2.jpg\" \/><\/a>\n\n--><\/p>\n<p>Am Samstag den 13. Dezember presentierten wir in Amsterdam eine \u00dcbersetzung von Goethes M\u00e4rchen von der gr\u00fcnen Schlange und der sch\u00f6nen Lilie. Goethe schildert hier in wunderbaren Imaginationen die innerlichen Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein. Ich zitiere hier eine Imagination:<\/p>\n<p>\u201aDiese Heiterkeit, diese anmutigen Scherze wurden durch die Ankunft des traurigen J\u00fcnglings unterbrochen. Er trat herein, wie wir ihn schon kennen, nur schien die Hitze des Tages ihn noch mehr abgemartert zu haben, und in der Gegenwart der Geliebten ward er mit jedem Augenblicke bl\u00e4sser. Er trug den Habicht auf seiner Hand, der wie eine Taube ruhig sa\u00df und die Fl\u00fcgel h\u00e4ngen lie\u00df.<\/p>\n<p>Es ist nicht freundlich, rief Lilie ihm entgegen, da\u00df du mir das verha\u00dfte Tier vor die Augen bringst, das Ungeheurer, das meinen kleinen S\u00e4nger heute get\u00f6tet hat.<\/p>\n<p>Schilt den ungl\u00fccklichen Vogel nicht! versetzte darauf der J\u00fcngling; klage vielmehr dich an und das Schicksal, und verg\u00f6nne mir, da\u00df ich mit dem Gef\u00e4hrten meines Elends Gesch\u00e4fte mache.<br \/>\nIndessen h\u00f6rte der Mops nicht auf, die Sch\u00f6ne zu necken, und sie antwortete dem durchsichtigen Liebling mit dem freundlichen Betragen. Sie klatschte mit den H\u00e4nden, um ihn zu verscheuchen; dann lief sie, um ihn wieder nach sich zu ziehen. Sie suchte ihn zu haschen, wenn er floh, und jagte ihn von sich weg, wenn er sich an sie zu dr\u00e4ngen versuchte. Der J\u00fcngling sah stillschweigend und mit wachsendem Verdrusse zu; aber endlich, da sie h\u00e4\u00dfliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren wei\u00dfen Busen dr\u00fcckte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen k\u00fc\u00dfte, verging ihm alle Geduld und er rief voller Verzweiflung aus: Mu\u00dfte ich, der durch ein trauriges Geschick vor dir, vielleicht auf immer, in einer getrennten Gegenwart lebe, der ich durch dich alles, auch mich selbst, verloren habe, mu\u00df ich vor deinen Augen sehen, da\u00df eine so widernat\u00fcrliche Mi\u00dfgeburt dich zur Freude reizen, deine Neigung fesseln und deine Umarmung genie\u00dfen kann! Soll ich noch l\u00e4nger nur so hin- und wiedergeben und den traurigen Kreis den Flu\u00df her\u00fcber und hin\u00fcber abmessen? Nein, es ruht noch ein Funke des alten Heldenmutes in meinem Busen; er schlage in diesem Augenblick zur letzten Flamme auf! Wenn Steine an deinem Busen ruhen k\u00f6nnen, so m\u00f6ge ich zu Stein werden; wenn deine Ber\u00fchrung t\u00f6tet, so will ich in deinen H\u00e4nden sterben.<\/p>\n<p>Mit diesen Worten machte er eine heftige Bewegung; der Habicht flog von seiner Hand, er aber st\u00fcrzte auf die Sch\u00f6ne los, sie streckte die H\u00e4nde aus, ihn abzuhalten und ber\u00fchrte ihn nur desto fr\u00fcher. Das Bewu\u00dftsein verlie\u00df ihn, und mit Entsetzen f\u00fchlte sie die sch\u00f6ne Last an ihrem Busen. Mit einem Schrei trat sie zur\u00fcck, und der holde J\u00fcngling sank entseelt aus ihren Armen zur Erde.<\/p>\n<p>Das Ungl\u00fcck war geschehen! Die s\u00fc\u00dfe Lilie stand unbeweglich und blickte starr nach dem entseelten Leichnam. Das Herz schien ihr im Busen zu stocken und ihre Augen waren ohne Tr\u00e4nen. Vergebens suchte der Mops ihr eine freundliche Bewegung abzugewinnen; die ganze Welt war mit ihrem Freunde ausgestorben. Ihre stumme Verzweiflung sah sich nach H\u00fclfe nicht um, denn sie kannte keine H\u00fclfe.<\/p>\n<p>Dagegen regte die Schlange desto emsiger; sie schien auf Rettung zu sinnen, und wirklich dienten ihre sonderbaren Bewegungen wenigstens die n\u00e4chsten schrecklichen Folgen des Ungl\u00fccks auf eine Zeit zu hindern. Sie zog mit ihrem geschmeidigen K\u00f6rper einen weiten Kreis um den Leichnam, fa\u00dfte das Ende ihres Schwanzes mit den Z\u00e4hnen und blieb ruhig liegen.\u2018<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Goethe_9_SMALL.jpg\" alt=\"Das M\u00e4rchen von Goethe\" \/><br \/>\nAquarelle von Daniel van Bemmelen.<em><strong>Das M\u00e4rchen von Goethe Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag den 13. Dezember presentierten wir in Amsterdam eine \u00dcbersetzung von Goethes M\u00e4rchen von der gr\u00fcnen Schlange und der sch\u00f6nen Lilie. Goethe schildert hier in wunderbaren Imaginationen die innerlichen Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein. Ich zitiere hier eine Imagination:<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":4873,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-7272","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7272","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7272"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7272\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8170,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7272\/revisions\/8170"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4873"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7272"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7272"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7272"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}