{"id":7281,"date":"2015-11-18T00:00:00","date_gmt":"2015-11-17T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/schenkende-tugend\/"},"modified":"2025-04-14T12:33:38","modified_gmt":"2025-04-14T10:33:38","slug":"schenkende-tugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/schenkende-tugend\/","title":{"rendered":"Schenkende Tugend"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Es scheint eine Moral-freie innerliche Tat zu sein, dieses Erfassen der  inneren Aktivit\u00e4t des Denkens durch das Denken. Es scheint eine  technische, philosophische F\u00e4higkeit zu sein, die erworben werden kann,  wenn man es nur stark genug versucht. Nichts ist jedoch weniger wahr.  Uns selbst aus unserem inneren Mittelpunkt zu befreien und einen Platz  auf einem Umkreis einzunehmen, der auch noch st\u00e4ndig in Bewegung ist,  dies verlangt eine \u00dcberwindung der Angst vor dem bewussten Verlassen des  Leibes \u2013 das ist etwas, was wirklich eine \u00dcbereinstimmung mit dem  Sterben hat. Nat\u00fcrlich ist es nicht der Tod, der darauf folgt, aber das  Gef\u00fchl ist schon so \u2013 das Verlassen des Gehirns, das uns im Denken, im  Bewusstsein ein Halt ist. Es ist der erste Abgrund, der \u00fcberbr\u00fcckt  werden muss, und wir brauchen Tugenden, um dies zu k\u00f6nnen.<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/de2458d3a85ac6d79716fcd61c30546a.jpg\" \/><\/a>\n\n--><\/p>\n<p>Es scheint eine Moral-freie innerliche Tat zu sein, dieses Erfassen der inneren Aktivit\u00e4t des Denkens durch das Denken. Es scheint eine technische, philosophische F\u00e4higkeit zu sein, die erworben werden kann, wenn man es nur stark genug versucht. Nichts ist jedoch weniger wahr. Uns selbst aus unserem inneren Mittelpunkt zu befreien und einen Platz auf einem Umkreis einzunehmen, der auch noch st\u00e4ndig in Bewegung ist, dies verlangt eine \u00dcberwindung der Angst vor dem bewussten Verlassen des Leibes \u2013 das ist etwas, was wirklich eine \u00dcbereinstimmung mit dem Sterben hat. Nat\u00fcrlich ist es nicht der Tod, der darauf folgt, aber das Gef\u00fchl ist schon so \u2013 das Verlassen des Gehirns, das uns im Denken, im Bewusstsein ein Halt ist. Es ist der erste Abgrund, der \u00fcberbr\u00fcckt werden muss, und wir brauchen Tugenden, um dies zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Ich in der Seele braucht eine Kraft in sich, um bewusst au\u00dferhalb des Gehirns sein zu k\u00f6nnen. Diese Kraft ist nun gerade die ,Tugend\u2019, die moralische Kraft. Im Seminar in Burcht bei Antwerpen studierten wir letzten Samstag die Tugenden, wie sie von Platon, Aristoteles, Paulus, Thomas von Aquin und Rudolf Steiner gelehrt wurden. Rudolf Steiner gab in seiner ,Philosophie der Freiheit\u2019 eine Art ,Organon\u2019 der Freiheit und der Moralit\u00e4t. In seinem Werk \u00fcber Friedrich Nietzsche gibt er eine grundlegende Bedingung f\u00fcr die freie Moralit\u00e4t an. Er ist sicher kein Nietzsche-Anh\u00e4nger, aber ein wichtiger Punkt im Werk von Nietzsche stimmt mit Steiners Einsicht in die freie Moralit\u00e4t \u00fcberein. Es ist der \u00dcberfluss an Vitalit\u00e4t, der ein Kriterium f\u00fcr das Gute ist. G\u00fcte gibt Kraft und Macht, Freude und Frieden. Das B\u00f6se, in dieser Perspektive betrachtet, geht mit Verlust an Vitalit\u00e4t, mit Vernichtung, mit Leid und Streit einher. So k\u00f6nnten wir G\u00fcte als eine Lebenskraft betrachten, die Nahrung braucht. Das Bed\u00fcrfnis nach dieser Nahrung wird auf dieselbe Art wie alle instinktiven Bed\u00fcrfnisse empfunden. Der Mensch hat einen erhabenen menschlichen Instinkt. Steiner schreibt dar\u00fcber folgendes (GA 5, S. 89):<\/p>\n<p><em>,Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle Antriebe seines Tuns entnimmt und keiner \u00e4u\u00dferen Macht gehorcht, ist er ein freier Geist. Denn ein freier Geist ist derjenige, der nur seiner Natur folgt. Nun ist allerdings in Nietzsches Werken nur die Rede von Instinkten als den Antrieben des freien Geistes. Ich glaube, da\u00df hier Nietzsche mit einem Namen eine Reihe von Antrieben zusammengefa\u00dft hat, die eine mehr ins Einzelne gehende Betrachtung erfordern. Nietzsche nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren vorhandenen Triebe zur Ern\u00e4hrung und Selbsterhaltung, wie auch die h\u00f6chsten Antriebe der menschlichen Natur, zum Beispiel den Erkenntnistrieb, den Trieb, nach sittlichen Ma\u00dfst\u00e4ben zu handeln, den Trieb, sich an Kunstwerken zu erg\u00f6tzen und so weiter. Nun sind zwar alle diese Triebe \u00c4u\u00dferungsformen einer und derselben Grundkraft. Aber sie stellen doch verschiedene Stufen in der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen Antriebe zum Beispiel sind eine besondere Stufe der Instinkte. Wenn auch zugegeben werden kann, da\u00df sie nur h\u00f6here Formen sinnlicher Instinkte sind, so treten sie doch im Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies zeigt sich darin, da\u00df es dem Menschen m\u00f6glich ist, Handlungen zu vollf\u00fchren, die nicht unmittelbar auf sinnliche Instinkte zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, sondern nur auf jene Antriebe, die eben als h\u00f6here Formen des Instinktes zu bezeichnen sind. Der Mensch schafft sich Antriebe seines Handelns, die nicht aus seinen sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern nur aus dem bewu\u00dften Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke vor, aber er setzt sich diese mit Bewu\u00dftsein vor. Und es ist ein gro\u00dfer Unterschied, ob er einem unbewu\u00dft entstandenen und erst hinterher in das Bewu\u00dftsein aufgenommenen Instinkte oder einem Gedanken folgt, den er von vornherein mit vollem Bewu\u00dftsein produziert hat.\u2019<\/em><\/p>\n<p>Nach dem Lesen von Steiners Buch \u00fcber Nietzsche schrieb ich: Das Ausleben der Willk\u00fcr des Individuums ist bei Steiner sehr wohl m\u00f6glich, weil da das gute Ich Willk\u00fcr sein kann. Bei Nietzsche kann das Vernichtungs-Ich, das b\u00f6se Ich, schlie\u00dflich der Tr\u00e4ger der Willk\u00fcr werden, weil kein Unterschied in den verschiedenen Stufen des Instinkts gemacht wird. Das b\u00f6se Ich will alles vernichten, was nicht ,ich\u2019 ist.<\/p>\n<p>Hier folgt ein Zitat aus dem Werk von Nietzsche, in dem wir ahnen k\u00f6nnen, was es war, das Steiner an Nietzsche so angezogen hat.<br \/>\nAus: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, \u00dcber die schenkende Tugend.<br \/>\n<em>,Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.<\/em><br \/>\n<em>Wenn ihr erhaben seid \u00fcber Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.<\/em><br \/>\n<em>Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den Weichlichen euch nicht weit genug betten k\u00f6nnt: da ist der Ursprung eurer Tugend.<\/em><br \/>\n<em>Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch Nothwendigkeit hei\u00dft: da ist der Ursprung eurer Tugend.<\/em><br \/>\n<em>Wahrlich, ein neues Gutes und B\u00f6ses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!<\/em><br \/>\n<em>Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der Erkenntnis.\u2019<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog81.jpg\" alt=\"Schenkende Tugend\" \/><br \/>\nKyriotetes und Exusiai (Dominationes et Potestates), Kuppel des Baptisteriums in Florenz. Die Kyriotetes sind die Wesen, von denen die eigentliche ,schenkende Tugend\u2019 stammt.<em><strong>Schenkende Tugend Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es scheint eine Moral-freie innerliche Tat zu sein, dieses Erfassen der inneren Aktivit\u00e4t des Denkens durch das Denken. Es scheint eine technische, philosophische F\u00e4higkeit zu sein, die erworben werden kann, wenn man es nur stark genug versucht. Nichts ist jedoch weniger wahr. Uns selbst aus unserem inneren Mittelpunkt zu befreien und einen Platz auf einem Umkreis einzunehmen, der auch noch st\u00e4ndig in Bewegung ist, dies verlangt eine \u00dcberwindung der Angst vor dem bewussten Verlassen des Leibes \u2013 das ist etwas, was wirklich eine \u00dcbereinstimmung mit dem Sterben hat. Nat\u00fcrlich ist es nicht der Tod, der darauf folgt, aber das Gef\u00fchl ist schon so \u2013 das Verlassen des Gehirns, das uns im Denken, im Bewusstsein ein Halt ist. 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