{"id":7303,"date":"2016-07-20T00:00:00","date_gmt":"2016-07-19T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/ueber-die-weisheit\/"},"modified":"2025-04-14T11:51:37","modified_gmt":"2025-04-14T09:51:37","slug":"ueber-die-weisheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/ueber-die-weisheit\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Weisheit"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>'In unserer \u00bbEthik\u00ab haben wir den Unterschied zwischen praktischer  Kunst, Weisheit und den andern verwandten Begriffen n\u00e4her bestimmt. Der  Zweck, um dessen willen wir den Gegenstand hier behandeln, ist der, zu  zeigen, da\u00df nach allgemeiner Ansicht das, was man wirkliche Weisheit  nennt, auf die ersten Gr\u00fcnde und Prinzipien geht. Darum schreibt man,  wie wir vorher dargelegt haben, dem Praktiker ein h\u00f6heres Ma\u00df von  Weisheit zu als denjenigen, die nur irgend welche sinnliche  Wahrnehmungen gemacht haben, ein h\u00f6heres Ma\u00df dem Theoretiker als dem  Praktiker, dem Arbeitsleiter als dem Arbeiter, und der reinen Theorie  ein h\u00f6heres Ma\u00df als der praktischen Handhabung. Daraus ergibt sich der  Schluss, da\u00df Weisheit die Erkenntnis von irgend welchen Gr\u00fcnden und  Prinzipien sein mu\u00df. <u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/3b1c30dfc9899b2a90d948bc2806c917.jpg\" \/><\/a>\n\n--><br \/>\nAus: Aristoteles, Metaphysik, Buch Alpha (Prima Philosophia), I. und 2. Teil<br \/>\nEine \u00dcbung des reinen Denkens, \u00fcber Deduktion.<\/p>\n<p>1.<br \/>\n&#8230;<br \/>\n&#8218;In unserer \u00bbEthik\u00ab haben wir den Unterschied zwischen praktischer Kunst, Weisheit und den andern verwandten Begriffen n\u00e4her bestimmt. Der Zweck, um dessen willen wir den Gegenstand hier behandeln, ist der, zu zeigen, da\u00df nach allgemeiner Ansicht das, was man wirkliche Weisheit nennt, auf die ersten Gr\u00fcnde und Prinzipien geht. Darum schreibt man, wie wir vorher dargelegt haben, dem Praktiker ein h\u00f6heres Ma\u00df von Weisheit zu als denjenigen, die nur irgend welche sinnliche Wahrnehmungen gemacht haben, ein h\u00f6heres Ma\u00df dem Theoretiker als dem Praktiker, dem Arbeitsleiter als dem Arbeiter, und der reinen Theorie ein h\u00f6heres Ma\u00df als der praktischen Handhabung. Daraus ergibt sich der Schluss, da\u00df Weisheit die Erkenntnis von irgend welchen Gr\u00fcnden und Prinzipien sein mu\u00df.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nDa es nun diese Weisheit ist, deren Wesen wir ermitteln wollen, so wird zu fragen sein, welche Art von Gr\u00fcnden und welche Art von Prinzipien es ist, deren Erkenntnis die Weisheit ausmacht. Vielleicht kann eine Erw\u00e4gung der Vorstellungen, die man mit dem Begriffe des weisen Mannes verbindet, uns die Antwort darauf erleichtern.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, die man sich vom weisen Manne macht, ist nun erstens die, da\u00df er alles wei\u00df, soweit es m\u00f6glich ist, ohne doch die Kenntnis aller Einzelheiten zu besitzen; zweitens, da\u00df er auch das Schwierige zu erkennen vermag, also das was gew\u00f6hnlichen Menschen zu wissen nicht leicht f\u00e4llt. Die blo\u00dfe Sinneswahrnehmung geh\u00f6rt nicht dahin; sie ist allen gemeinsam und deshalb leicht und hat mit Weisheit nichts zu schaffen. Weiter, da\u00df auf jedem Wissensgebiete derjenige mehr eigentliche Weisheit habe, dessen Gedanken die strengere begriffliche Form haben und zur Belehrung anderer die geeigneteren sind. Man h\u00e4lt ferner diejenige Weisheit, die um ihrer selbst willen und blo\u00df zum Zwecke des Erkennens getrieben zu werden verdient, in h\u00f6herem Grade f\u00fcr Weisheit als die, die nur durch ihren Nutzen empfohlen ist, und ebenso in h\u00f6herem Grade diejenige, die geeigneter ist, eine beherrschende Stellung einzunehmen, als die blo\u00df dienende. Denn der weise Mann, meint man, d\u00fcrfe nicht die Stellung eines Geleiteten, sondern m\u00fcsse die des Leitenden einnehmen und nicht von einem anderen seine \u00dcberzeugung empfangen, sondern selber den minder Einsichtigen ihre \u00dcberzeugung vermitteln.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren die gel\u00e4ufigen Ansichten \u00fcber die Weisheit und ihre Vertreter bezeichnet und aufgez\u00e4hlt. Was nun das erste betrifft, so mu\u00df notwendigerweise die Eigenschaft, ein Wissen von allem zu haben, dem am meisten zukommen, der die Kenntnis des Allgemeinen besitzt. Denn dieser wei\u00df damit zugleich in gewissem Sinne alles, was unter dem Allgemeinen befasst ist. Dieses, das am meisten Allgemeine, m\u00f6chte aber auch zugleich das sein, was den Menschen so ziemlich am schwersten zu erkennen ist, denn es liegt von dem sinnlichen Bewu\u00dftsein am weitesten ab. Die strengste Form ferner haben die Erkenntnisse, die sich am unmittelbarsten auf die ersten Prinzipien beziehen. Denn begrifflich strenger sind diejenigen, die aus einfacheren Prinzipien abflie\u00dfen, als diejenigen, die allerlei Hilfsanschauungen heranziehen; so die Arithmetik gegen\u00fcber der Geometrie. Aber auch zur Unterweisung anderer geeigneter ist diejenige Weisheit, die die Gr\u00fcnde ins Auge fa\u00dft; denn diejenigen bieten wirkliche Belehrung, die von jeglichem die Gr\u00fcnde anzugeben wissen. Da\u00df aber Wissen und Verst\u00e4ndnis ihren Wert in sich selbst haben, das ist am meisten bei derjenigen Weisheit der Fall, deren Gegenstand der am meisten erkennbare ist. Denn wer das Wissen um des Wissens willen begehrt, der wird die Weisheit vorziehen, die es im h\u00f6chsten Sinne ist, und das ist die Weisheit von dem Gegenstande, der am meisten erkennbar ist; am meisten erkennbar aber sind die obersten Prinzipien und Gr\u00fcnde. Denn vermittelst ihrer und auf Grund derselben erkennt man das andere, nicht aber erkennt man sie vermittelst dessen, was unter ihnen steht. Die oberste Herrscherin aber unter den Wissenschaften und in h\u00f6herem Sinne zum Herrschen berechtigt als die dienende, ist diejenige, die erkennt, zu welchem Zwecke, jegliches zu geschehen hat. Dies aber ist in jedem einzelnen Falle das Gute und in der Welt als Ganzem das absolute Gut.<\/p>\n<p>Aus allem, was wir dargelegt haben, ergibt sich, da\u00df es eine und dieselbe Weisheit ist, auf die der Name, dessen Bedeutung wir ermitteln wollen, anwendbar ist. Es mu\u00df diejenige sein, die sich mit den obersten Gr\u00fcnden und Prinzipien besch\u00e4ftigt, und unter diese Gr\u00fcnde geh\u00f6rt auch das Gute und der Zweck. Da\u00df sie dagegen nicht auf praktische Zwecke gerichtet ist, ersieht man auch aus dem Beispiel der \u00e4ltesten Philosophen. Wenn die Menschen jetzt, und wenn sie vor alters zu philosophieren begonnen haben, so bot den Antrieb dazu die Verwunderung, zuerst \u00fcber die n\u00e4chstliegenden Probleme, sodann im weiteren Fortgang so, da\u00df man sich auch \u00fcber die weiter zur\u00fcckliegenden Probleme Bedenken machte, z.B. \u00fcber die Mondphasen oder \u00fcber den Lauf der Sonne und der Gestirne wie \u00fcber die Entstehung des Weltalls. Wer nun in Zweifel und Verwunderung ger\u00e4t, der hat das Gef\u00fchl, da\u00df er die Sache nicht verstehe, und insofern ist auch der, der sich in mythischen Vorstellungen bewegt, gewisserma\u00dfen philosophisch gestimmt; ist doch der Mythus auf Grund verwunderlicher Erscheinungen behufs ihrer Erkl\u00e4rung ersonnen. Wenn man also sich mit Philosophie besch\u00e4ftigte, um dem Zustande des Nichtverstehens abzuhelfen, so hat man offenbar nach dem Wissen gestrebt, um ein Verst\u00e4ndnis der Welt zu erlangen, und nicht um eines \u00e4u\u00dferlichen Nutzens willen. Dasselbe wird durch einen weiteren Umstand bezeugt. Diese Art von Einsicht n\u00e4mlich begann man erst zu suchen, als die Menge dessen, was dem Bed\u00fcrfnis, der Bequemlichkeit oder der Erg\u00f6tzung dient, bereits vorhanden war. Offenbar also treibt man sie um keinerlei \u00e4u\u00dferen Nutzens willen. Sondern wie wir sagen: ein freier Mann ist der, der um seiner selbst willen und nicht f\u00fcr einen anderen da ist, so gilt es auch von dieser Weisheit. Sie allein ist freie Weisheit, weil sie allein um ihrer selbst willen getrieben wird.&#8216;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog115.jpg\" alt=\"\u00dcber die Weisheit\" width=\"350\" \/><br \/>\nDie Kathedrale in Chartres, die sieben &#8218;artes liberales&#8216; mit in der Mitte Maria (Sophia).<em><strong>\u00dcber die Weisheit Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damit w\u00e4ren die gel\u00e4ufigen Ansichten \u00fcber die Weisheit und ihre Vertreter bezeichnet und aufgez\u00e4hlt. Was nun das erste betrifft, so mu\u00df notwendigerweise die Eigenschaft, ein Wissen von allem zu haben, dem am meisten zukommen, der die Kenntnis des Allgemeinen besitzt. Denn dieser wei\u00df damit zugleich in gewissem Sinne alles, was unter dem Allgemeinen befasst ist. Dieses, das am meisten Allgemeine, m\u00f6chte aber auch zugleich das sein, was den Menschen so ziemlich am schwersten zu erkennen ist, denn es liegt von dem sinnlichen Bewu\u00dftsein am weitesten ab. Die strengste Form ferner haben die Erkenntnisse, die sich am unmittelbarsten auf die ersten Prinzipien beziehen. Denn begrifflich strenger sind diejenigen, die aus einfacheren Prinzipien abflie\u00dfen, als diejenigen, die allerlei Hilfsanschauungen heranziehen; so die Arithmetik gegen\u00fcber der Geometrie. Aber auch zur Unterweisung anderer geeigneter ist diejenige Weisheit, die die Gr\u00fcnde ins Auge fa\u00dft; denn diejenigen bieten wirkliche Belehrung, die von jeglichem die Gr\u00fcnde anzugeben wissen. Da\u00df aber Wissen und Verst\u00e4ndnis ihren Wert in sich selbst haben, das ist am meisten bei derjenigen Weisheit der Fall, deren Gegenstand der am meisten erkennbare ist. Denn wer das Wissen um des Wissens willen begehrt, der wird die Weisheit vorziehen, die es im h\u00f6chsten Sinne ist, und das ist die Weisheit von dem Gegenstande, der am meisten erkennbar ist; am meisten erkennbar aber sind die obersten Prinzipien und Gr\u00fcnde. Denn vermittelst ihrer und auf Grund derselben erkennt man das andere, nicht aber erkennt man sie vermittelst dessen, was unter ihnen steht. Die oberste Herrscherin aber unter den Wissenschaften und in h\u00f6herem Sinne zum Herrschen berechtigt als die dienende, ist diejenige, die erkennt, zu welchem Zwecke, jegliches zu geschehen hat. 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