{"id":7343,"date":"2018-01-24T00:00:00","date_gmt":"2018-01-23T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/eine-vergessene-stroemung-im-deutschen-geistesleben\/"},"modified":"2025-04-10T13:07:02","modified_gmt":"2025-04-10T11:07:02","slug":"eine-vergessene-stroemung-im-deutschen-geistesleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/eine-vergessene-stroemung-im-deutschen-geistesleben\/","title":{"rendered":"Eine vergessene Str\u00f6mung im Deutschen Geistesleben"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>So tritt in Johann Gottlieb Fichtes Sohn, Immanuel Hermann Fichte, ein Denker auf, der in das Geistige tiefer einzudringen versucht als sein Vater, und als Schelling und Hegel. Wer einen solchen Versuch wagt, der wird nicht nur von au\u00dfen her den Widerspruch aller \u00c4ngstlichen in Weltanschauungsfragen au\u00dfer ihm h\u00f6ren; er wird diesen Widerspruch, wenn er besonnener Denker ist, auch aus der eigenen Seele<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/12b67d1323f3922e3255c4aaadc88c86.jpg\" \/><\/a>\n\n--><br \/>\nZitat aus: Rudolf Steiner, Vom Menschenr\u00e4tsel, GA 20<\/p>\n<p id=\"mcetoc_1c4hlg0m20\">So tritt in Johann Gottlieb Fichtes Sohn, Immanuel Hermann Fichte, ein Denker auf, der in das Geistige tiefer einzudringen versucht als sein Vater, und als Schelling und Hegel. Wer einen solchen Versuch wagt, der wird nicht nur von au\u00dfen her den Widerspruch aller \u00c4ngstlichen in Weltanschauungsfragen au\u00dfer ihm h\u00f6ren; er wird diesen Widerspruch, wenn er besonnener Denker ist, auch aus der eigenen Seele heraus deutlich wahrnehmen. Gibt es denn wirklich eine M\u00f6glichkeit, in der Menschenseele Erkenntniskr\u00e4fte zu entbinden, die in Gebiete f\u00fchren, aus denen die Sinne keine Anschauung geben? Was kann die Wirklichkeit solcher Gebiete verb\u00fcrgen, was den Unterschied solcher Wirklichkeit von den Erzeugnissen der Phantasie und Tr\u00e4umerei kennzeichnen? Wer den Geist dieses Widerspruches nicht gewisserma\u00dfen wie den treuen Begleiter seiner Besonnenheit stets an seiner Seite hat, der wird mit seinen geisteswissenschaftlichen Versuchen leicht straucheln; wer ihn hat, wird in ihm einen hohen Lebenswert erkennen. &#8211; Wer sich in die Ausf\u00fchrungen Immanuel Hermann Fichtes einl\u00e4\u00dft, wird finden k\u00f6nnen, da\u00df von seinen gro\u00dfen Vorg\u00e4ngern in ihn eine Geistesart \u00fcbergegangen ist, die ebenso seine Schritte in das Geistgebiet kr\u00e4ftig macht, wie sie ihm Besonnenheit in dem angedeuteten Sinne verleiht.<\/p>\n<p>Der Gesichtspunkt Hegelscher Weltanschauung, der die Geistwesenheit der Ideenwelt zur Grund\u00fcberzeugung macht, konnte auch f\u00fcr Immanuel Hermann Fichte Ausgangspunkt seiner Gedankenentwickelung sein. Doch empfand er es als Schw\u00e4che dieser Weltanschauung, da\u00df sie von ihrem \u00fcbersinnlichen Gesichtspunkte aus doch nur das schaut, was in der Sinnenwelt offenbar ist. Wer Immanuel Hermann Fichtes Anschauungen nachlebt, der kann etwa das folgende als deren Grundt\u00f6ne empfinden. Die Seele erlebt sich selbst auf eine \u00fcbersinnliche Art, wenn sie sich \u00fcber die Sinnesanschauung zum Weben im Ideenreiche erhebt. Sie hat sich damit nicht nur bef\u00e4higt, die Sinneswelt anders anzusehen, als die Sinne sie ansehen &#8211; was der Hegelschen Weltanschauung entsprechen w\u00fcrde -; sie hat vielmehr dadurch ein Selbsterlebnis, das sie durch nichts haben kann, was in der Sinneswelt zu finden ist. Sie wei\u00df nunmehr von etwas, was selbst \u00fcbersinnlich an ihr ist. Dieses \u00abEtwas\u00bb kann nicht blo\u00df \u00abdie Idee\u00bb ihres sinnlichen Leibes sein. Es mu\u00df vielmehr ein lebendig Wesenhaftes sein, das dem sinnlichen Leib so zugrunde liegt, da\u00df dieser im Sinne seiner Idee gebildet ist. So wird Immanuel Hermann Fichte \u00fcber den sinnlichen Leib hinaus zu einem \u00fcbersinnlichen Leib gef\u00fchrt, der aus seinem Leben heraus den ersteren bildet. Hegel schreitet von der Sinnesanschauung zum Denken \u00fcber die Sinnesanschauung fort. Fichte sucht im Menschen das Wesen, welches das Denken als ein \u00fcbersinnliches erleben kann. Hegel m\u00fc\u00dfte, wenn er im Denken etwas \u00dcbersinnliches sehen will, diesem Denken selber die F\u00e4higkeit des Denkens zuschreiben. Fichte kann das nicht mitmachen. Er mu\u00df sich sagen: Soll man nicht den sinnlichen Leib selbst als den Erzeuger der Gedanken ansehen, so ist man gezwungen, \u00fcber ihn hinaus ein \u00dcbersinnliches anzunehmen. Getrieben von einer solchen Anschauung betrachtet Fichte den menschlichen Sinnenleib naturwissenschaftlich (physiologisch&gt;, und er findet, da\u00df eine solche Betrachtung, wenn sie nur unbefangen genug ist, gen\u00f6tigt ist, dem sinnlichen Leibe einen \u00fcbersinnlichen zugrunde zu legen. Im 118. und 119. Paragraph seiner \u00abAnthropologie\u00bb (2. Auflage 1860) sagt er dar\u00fcber: \u00abIn den Stoffelementen daher kann das wahrhaft Beharrende, jenes einende Formprinzip des Leibes nicht gefunden werden, welches sich w\u00e4hrend unseres ganzen Lebens wirksam erweist\u00bb. &#8211; \u00abSo werden wir auf eine zweite, wesentlich andere Ursache im Leibe hingewiesen.\u00bb &#8211; \u00abIndem\u00bb dieses \u00abdas eigentlich im Stoffwechsel Beharrliche enth\u00e4lt, ist es der wahre, innere, unsichtbare, aber in aller sichtbaren Stofflichkeit gegenw\u00e4rtige Leib. Das andere, die \u00e4u\u00dfere Erscheinung desselben, aus unabl\u00e4ssigem Stoffwechsel gebildet, m\u00f6ge fortan hei\u00dfen, der wahrhaft nicht beharrlich und nicht eins, der blo\u00dfe Effekt oder das Nachbild jener inneren Leiblichkeit ist, welche ihn in die wechselnde Stoffwelt hineinwirft, gleichwie etwa die magnetische Kraft aus den Teilen des Eisenfeilstaubes sich einen scheinbar dichten K\u00f6rper bereitet, der aber nach allen Seiten zerst\u00e4ubt, wenn die bindende Gewalt ihm entzogen ist.\u00bb F\u00fcr Fichte ist damit die Aussicht er\u00f6ffnet, herauszukommen aus der Sinnenwelt, in welcher der Mensch zwischen Geburt und Tod wirkt, in eine \u00fcbersinnliche Welt, der er durch den unsichtbaren Leib so verkn\u00fcpft ist, wie der sinnlichen durch den sichtbaren. Denn die Erkenntnis dieses unsichtbaren Leibes bringt ihn zu der Ansicht, die er mit den Worten ausspricht: \u00abDenn kaum braucht hier noch gefragt zu werden, wie der Mensch an sich selbst sich verhalte &#8211; in diesem Todesvorgange? Dieser bleibt auch nach dem letzten, uns unsichtbaren Akte des Lebensprozesses in seinem Wesen ganz derselbe nach Geist und Organisationskrafl, welcher er vorher war. Seine Integrit\u00e4t ist bewahrt; denn er hat durchaus nichts verloren von dem, was sein war und zu seiner Substanz geh\u00f6rte w\u00e4hrend des sichtbaren Lebens. Er kehrt nur im Tode in die unsichtbare Welt zur\u00fcck, oder vielmehr, da er dieselbe nie verlassen hatte, da sie das eigentlich Beharrende in allem Sichtbaren ist, &#8211; er hat nur eine bestimmte Form der Sichtbarkeit abgestreift. bedeutet lediglich, der gew\u00f6hnlichen Sinnesauffassung nicht mehr perceptibel (wahrnehmbar) bleiben, ganz auf gleiche Weise, wie auch das eigentlich Reale, die letzten Gr\u00fcnde der K\u00f6rpererscheinungen den Sinnen imperceptibel (unwahrnehmbar) sind.\u00bb Und so sicher f\u00fchlt sich Fichte mit einem solchen Gedanken in der \u00fcbersinnlichen Welt stehend, da\u00df er sagen kann: \u00abMit diesem Begriffe der Seelenfortdauer \u00fcberspringen wir daher nicht nur die Erfahrung und greifen in ein unbekanntes Gebiet blo\u00df illusorischer Existenzen hin\u00fcber, sondern wir befinden uns mit ihm gerade mitten in der begreiflichen, dem Denken zug\u00e4nglichen Wirklichkeit. Das Gegenteil davon, ein Aufh\u00f6ren der Seele zu behaupten, w\u00e4re das Naturwidrige, aller Erfahrungsanalogie Widersprechende. Die \u00abgestorbene\u00bb, d.h. sinnlich unsichtbar gewordene Seele existiert um nichts weniger, unentr\u00fcckt ihren urspr\u00fcnglichen Lebensbedingungen fort. &#8230; Ihrer Organisationskraft mu\u00df nur ein anderes Verleiblichungsmittel sich darbieten, um auch in neuer leiblicher Wirksamkeit dazustehen&#8230;.\u00bb (S 133 und S 134 von Fichtes \u00abAnthropologie\u00bb.)<\/p>\n<p>Von solchen Anschauungen aus er\u00f6ffnet sich f\u00fcr Immanuel Hermann Fichte die M\u00f6glichkeit einer Selbsterkenntnis des Menschen, die dieser erlangt, wenn er von dem Gesichtspunkt aus sich betrachtet, welchen er gewinnt durch das Erleben in seiner \u00fcbersinnlichen Wesenheit. Seine sinnliche Wesenheit bringt den Menschen bis zum Denken. Doch im Denken ergreift er sich als \u00fcbersinnliches Wesen. Erhebt er das blo\u00dfe Denken zum inneren Erleben, wodurch es nicht mehr blo\u00df Denken ist, sondern \u00fcbersinnliches Anschauen, so gewinnt er eine Wissensart, durch die er nicht mehr nur auf Sinnliches, sondern \u00dcbersinnliches hinschaut. Ist Anthropologie die Wissenschaft vom Menschen, wenn dieser sein in der Sinneswelt befindliches Teil betrachtet, so kommt durch die Anschauung des \u00dcbersinnlichen eine andere Wissenschaft zum Vorschein, \u00fcber die sich Immanuel Hermann Fichte so ausspricht (S 270):<br \/>\n\u00ab&#8230; die Anthropologie endet in dem von den mannigfaltigsten Seiten her begr\u00fcndeten Ergebnisse, da\u00df der Mensch nach der wahren Eigenschaft seines Wesens, wie in der eigentlichen Quelle seines Bewu\u00dftseins, einer \u00fcbersinnlichen Welt angeh\u00f6re. Das Sinnenbewu\u00dftsein dagegen und die auf seinem Augpunkte entstehende ph\u00e4nomenale Welt (Erscheinungswelt) mit dem gesamten, auch menschlichen Sinnenleben, haben keine andere Bedeutung, als nur die St\u00e4tte zu sein, in welcher jenes \u00fcbersinnliche Leben des Geistes sich vollzieht, indem er durch frei bewu\u00dfte eigene Tat den jenseitigen Geistesgehalt der Ideen in die Sinnenwelt einf\u00fchrt. &#8230;\u00bb Diese gr\u00fcndliche Erfassung des Menschenwesens erhebt nunmehr die \u00abAnthropologie\u00bb in ihrem Endresultate zur \u00abAnthroposophie\u00bb.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog194.jpg\" alt=\"Mieke Mosmuller\" width=\"293\" height=\"382\" \/><br \/>\nImmanuel Hermann Fichte<em><strong>Eine vergessene Str\u00f6mung im Deutschen Geistesleben Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So tritt in Johann Gottlieb Fichtes Sohn, Immanuel Hermann Fichte, ein Denker auf, der in das Geistige tiefer einzudringen versucht als sein Vater, und als Schelling und Hegel. Wer einen solchen Versuch wagt, der wird nicht nur von au\u00dfen her den Widerspruch aller \u00c4ngstlichen in Weltanschauungsfragen au\u00dfer ihm h\u00f6ren; er wird diesen Widerspruch, wenn er besonnener Denker ist, auch aus der eigenen Seele heraus deutlich wahrnehmen. Gibt es denn wirklich eine M\u00f6glichkeit, in der Menschenseele Erkenntniskr\u00e4fte zu entbinden, die in Gebiete f\u00fchren, aus denen die Sinne keine Anschauung geben? Was kann die Wirklichkeit solcher Gebiete verb\u00fcrgen, was den Unterschied solcher Wirklichkeit von den Erzeugnissen der Phantasie und Tr\u00e4umerei kennzeichnen? Wer den Geist dieses Widerspruches nicht gewisserma\u00dfen wie den treuen Begleiter seiner Besonnenheit stets an seiner Seite hat, der wird mit seinen geisteswissenschaftlichen Versuchen leicht straucheln; wer ihn hat, wird in ihm einen hohen Lebenswert erkennen. &#8211; Wer sich in die Ausf\u00fchrungen Immanuel Hermann Fichtes einl\u00e4\u00dft, wird finden k\u00f6nnen, da\u00df von seinen gro\u00dfen Vorg\u00e4ngern in ihn eine Geistesart \u00fcbergegangen ist, die ebenso seine Schritte in das Geistgebiet kr\u00e4ftig macht, wie sie ihm Besonnenheit in dem angedeuteten Sinne verleiht.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":4671,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-7343","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7343","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7343"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7343\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7936,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7343\/revisions\/7936"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4671"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7343"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7343"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7343"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}