{"id":7348,"date":"2015-06-24T00:00:00","date_gmt":"2015-06-23T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/vertrauen\/"},"modified":"2025-04-15T12:52:13","modified_gmt":"2025-04-15T10:52:13","slug":"vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/vertrauen\/","title":{"rendered":"Vertrauen"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Nun vergesse ich alles Politische, Wissenschaftliche, Soziale,  \u00d6konomische und Religi\u00f6se. Ich habe alles verloren, nur die Liebe nicht,  und ich lebe noch immer als Ich gegen\u00fcber einem anderen Ich. Ich  vergesse sogar unser multikulturelles Zusammenleben, ich vergesse alle  Ideale, die mit dem sozialen Leben zu tun haben. Es ist nur noch ein  Ideal \u00fcbrig: Ich gegen\u00fcber Ich, immer wieder und wieder von neuem  beginnend. Ich behaupte nicht, dass Wissenschaft nicht wichtig w\u00e4re,  dass wir nicht unsere Glaubens\u00fcberzeugungen haben k\u00f6nnten. Ich selbst  habe sehr bestimmte Ideen, ich habe die Naturwissenschaft und die  Geisteswissenschaft studiert. Aber im Augenblick, in dem ich da stehe,  in der Begegnung mit einem anderen Ich, vergesse ich all dieses Wissen  und all diese absoluten \u00dcberzeugungen \u00fcber die Wahrheit. Dieses  Einander-Gegen\u00fcberstehen geht nicht schriftlich, es geht nicht per  E-Mail, es geht nicht \u00fcber Facebook &ndash<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/58dbf1643548fee2e94ac4d0855a42d0.jpg\" \/><\/a>\n\n--><br \/>\nNun vergesse ich alles Politische, Wissenschaftliche, Soziale, \u00d6konomische und Religi\u00f6se. Ich habe alles verloren, nur die Liebe nicht, und ich lebe noch immer als Ich gegen\u00fcber einem anderen Ich. Ich vergesse sogar unser multikulturelles Zusammenleben, ich vergesse alle Ideale, die mit dem sozialen Leben zu tun haben. Es ist nur noch ein Ideal \u00fcbrig: Ich gegen\u00fcber Ich, immer wieder und wieder von neuem beginnend. Ich behaupte nicht, dass Wissenschaft nicht wichtig w\u00e4re, dass wir nicht unsere Glaubens\u00fcberzeugungen haben k\u00f6nnten. Ich selbst habe sehr bestimmte Ideen, ich habe die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft studiert. Aber im Augenblick, in dem ich da stehe, in der Begegnung mit einem anderen Ich, vergesse ich all dieses Wissen und all diese absoluten \u00dcberzeugungen \u00fcber die Wahrheit. Dieses Einander-Gegen\u00fcberstehen geht nicht schriftlich, es geht nicht per E-Mail, es geht nicht \u00fcber Facebook \u2013 es ist nur Auge in Auge m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ich habe \u00fcber 25 Jahre lang als \u00c4rztin gearbeitet, an einem Schreibtisch gesessen, und ich habe Patienten gesehen, jeden Tag, jahrein, jahraus. Immer habe ich versucht, jedem Patienten als einem \u201aIch\u2019 zu begegnen, in der vollen, originellen Kraft der Begegnung, und versucht, zu vergessen, was ich in diesem Moment nicht brauchte. Nat\u00fcrlich f\u00e4llt man stets doch wieder aus dieser Originalit\u00e4t heraus, wieder und wieder, aber wir k\u00f6nnen immer wieder von neuem beginnen.<br \/>\nIch vergesse nun also alle politischen, \u00f6konomischen und anderen Formen, und ich betrachte ein Problem unserer Zeit, das ein ungeheures Problem im sozialen Leben bildet. Dann bekomme ich ziemlich unkonventionelle Ideen, ausgehend von dieser \u201aLeere\u2019 der Erinnerung. Nat\u00fcrlich wird die Naivit\u00e4t auf viele Menschen verr\u00fcckt wirken, doch nach meiner \u00dcberzeugung werden wir niemals soziale L\u00f6sungen finden, wenn wir fortfahren, diese auf den alten Wegen der \u00d6konomie, der Politik und der Religion zu finden zu versuchen. Wir werden sie nie finden, wenn wir versuchen, von einem \u00fcbersichtlichen Denken aus zu L\u00f6sungen zu kommen, wir werden sie nur finden, wenn wir in diesem einen Kernpunkt beginnen. Ich wei\u00df sehr gut, dass es in der Welt starke M\u00e4chte gibt, die ihre Motive haben, bei dem alten Schema zu bleiben, und ich erwarte ganz sicher nicht, dass mein Gesichtspunkt die Welt \u00fcberzeugen wird. Doch ich will \u00fcber diese Dinge denken \u2013 es sind schlie\u00dflich \u201aphilosophische Reflexionen\u2019, die ich hier schreibe.<\/p>\n<p>Das ungeheure Problem, \u00fcber das ich denken will, ist das Problem der Migration, in diesem Moment aktuell durch die enorme Zahl der Bootsfl\u00fcchtlinge, die in Europa Zuflucht suchen. Am 27. Mai hat die Europ\u00e4ische Kommission Beschl\u00fcsse bez\u00fcglich der Migration ver\u00f6ffentlicht. Wenn man sie liest, dann klingen sie alle sehr vern\u00fcnftig, und es ist deutlich, dass es ein fast unl\u00f6sbares Problem bildet, weil es viele Tausend Migranten sind, die nach Europa kommen. Es sind meistens Fl\u00fcchtlinge, die in gro\u00dfer Not sind, doch wie es immer ist und gewesen ist, wird diese Situation zugleich von Menschen mit schlechten Intentionen genutzt, die sich unter die Migranten mischen und allerlei Untaten begehen. Man k\u00f6nnte also sagen, dass wir in Europa selbst genug Probleme h\u00e4tten, das wir nicht f\u00fcr all diese Fl\u00fcchtlinge sorgen k\u00f6nnten, dass wir sie von uns fernhalten m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Aber was geschieht, wenn ich Auge in Auge einem Fl\u00fcchtling gegen\u00fcberstehe? Er oder sie ist auch ein \u201aIch\u2019, ist ein menschliches Wesen, wie ich eines bin. Es gibt genug Filme und B\u00fccher, um in Erz\u00e4hlform zu erleben, in welche Not Fl\u00fcchtlinge geraten \u2013 nicht zuletzt, weil sie von Menschen verraten werden, denen sie unterwegs begegnen. Was, wenn ich einem Fl\u00fcchtling auf seinem Weg in die vorgestellte Sicherheit begegne? Was, wenn ich alle ethnischen, \u00f6konomischen, religi\u00f6sen, politischen Theorien vergesse und wenn ich nur konfrontiert bin mit diesem Ich, das mir gegen\u00fcbersteht?<\/p>\n<p>Was, wenn ich dann diese Erfahrung auf alle \u201aIche\u2019 erweitere, die fl\u00fcchten, wo auch immer sie gerade sind?<\/p>\n<p>Was bedeutet es, wenn jemand durch sehr schwere Umst\u00e4nde geht und dann in eine Welt kommt, auf die er gehofft hat \u2013 und nun nach Hause zur\u00fcckgeschickt wird?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass dies nicht ein globales und rationales Denken ist, dass es naiv erscheint und so weiter &#8230; und ich wei\u00df auch, dass von einem \u00fcbersichtlichen Denken aus in dieser Begegnung von Ich zu Ich keinerlei L\u00f6sung zu liegen scheint. Aber wie k\u00f6nnen wir je menschliche Wesen werden, durchdrungen von Humanit\u00e4t, wenn wir nicht bei der individuellen Menschlichkeit anfangen k\u00f6nnen? Wenn wir unsere moralischen Intuitionen nicht in dieser individuellen Menschlichkeit finden k\u00f6nnen, um diese dann zu Weltgestaltungen zu erweitern? Es geht um das mittlere der drei Ideale der sozialen Erneuerung: Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit. Gleichheit ist hier dann nicht in einer juristischen oder politischen Gestalt gedacht, sondern in der Gestalt der Begegnung von individuellem Ich und individuellem Ich.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog60_s2.jpg\" alt=\"Vertrauen\" width=\"350\" height=\"405\" \/><br \/>\n<em>Vertrauen.<\/em> Zeichnung von Ruth Franssen<em><strong>Vertrauen Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber was geschieht, wenn ich Auge in Auge einem Fl\u00fcchtling gegen\u00fcberstehe? Er oder sie ist auch ein \u201aIch\u2019, ist ein menschliches Wesen, wie ich eines bin. Es gibt genug Filme und B\u00fccher, um in Erz\u00e4hlform zu erleben, in welche Not Fl\u00fcchtlinge geraten \u2013 nicht zuletzt, weil sie von Menschen verraten werden, denen sie unterwegs begegnen. Was, wenn ich einem Fl\u00fcchtling auf seinem Weg in die vorgestellte Sicherheit begegne? 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