{"id":7391,"date":"2015-01-28T00:00:00","date_gmt":"2015-01-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/der-laeuterungsberg-in-der-divina-commedia-von-dante\/"},"modified":"2025-04-22T13:41:01","modified_gmt":"2025-04-22T11:41:01","slug":"der-laeuterungsberg-in-der-divina-commedia-von-dante","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/der-laeuterungsberg-in-der-divina-commedia-von-dante\/","title":{"rendered":"Der L\u00e4uterungsberg in der Divina Commedia von Dante"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Dann gibt es die S\u00fcnde, die auf einem Mangel an Liebe beruht, auf zu  wenig Liebe. Sie wird Acedia genannt, die Tr\u00e4gheit (auch Lauheit). Diese  S\u00fcnde wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr als die Haupts\u00fcnde  gesehen, woraus eigentlich alle andern S\u00fcnden hervorgehen.  Es ist  eine Art Gleichg\u00fcltigkeit, eine innere Passivit\u00e4t. Buchst\u00e4blich bedeutet  das Wort 'ohne Sorge, ohne F\u00fcrsorge'. Manchmal wird statt Acedia auch  Tristitia verwendet, aber es gibt doch eine feine Unterscheidung  zwischen den beiden Bedeutungen. Tristitia bedeutet, dass man sich von  seinen Aufgaben abwendet, dass man die schwere Arbeit, zu der man  verpflichtet ist, nicht leistet. Acedia bedeutet, dass man sich einer  Ruhe hingibt, die man nicht verdient hat. In den Kl\u00f6stern bedeutete  Tr\u00e4gheit, dass der M\u00f6nch seine leiblichen und seelischen Exerzitien  nicht machte.<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/38e6e45a09269355653b37e2a3b82930.jpg\" \/><\/a>\n\n--><br \/>\nDann gibt es die S\u00fcnde, die auf einem Mangel an Liebe beruht, auf zu wenig Liebe. Sie wird Acedia genannt, die Tr\u00e4gheit (auch Lauheit). Diese S\u00fcnde wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr als die Haupts\u00fcnde gesehen, woraus eigentlich alle andern S\u00fcnden hervorgehen.<br \/>\nEs ist eine Art Gleichg\u00fcltigkeit, eine innere Passivit\u00e4t. Buchst\u00e4blich bedeutet das Wort &#8218;ohne Sorge, ohne F\u00fcrsorge&#8216;. Manchmal wird statt Acedia auch Tristitia verwendet, aber es gibt doch eine feine Unterscheidung zwischen den beiden Bedeutungen. Tristitia bedeutet, dass man sich von seinen Aufgaben abwendet, dass man die schwere Arbeit, zu der man verpflichtet ist, nicht leistet. Acedia bedeutet, dass man sich einer Ruhe hingibt, die man nicht verdient hat. In den Kl\u00f6stern bedeutete Tr\u00e4gheit, dass der M\u00f6nch seine leiblichen und seelischen Exerzitien nicht machte.<\/p>\n<p>Petrarca (14. Jahrhundert) gibt Acedia eine ganz eigene Bedeutung, die f\u00fcr uns im 21. Jahrhundert sehr aktuell ist. Er sieht in der Acedia eine Melancholia, eine Krankheit der Seelenstimmung, eine Depression. Die Abneigung gegen welche Aktivit\u00e4t auch immer ist das Merkmal dieser Stimmung.<\/p>\n<p>Die zu grosse Liebe zu irdischen Gen\u00fcssen f\u00fchrt zu drei weiteren S\u00fcnden. Diese Liebe f\u00fchrt nicht zur &#8218;ewigen Seligkeit, noch nach dem h\u00f6chsten Gut, das Frucht und Wurzel alles Guten ist.&#8216; Es sind die drei S\u00fcnden, die auf W\u00fcnschen beruhen: Avaritia (Habsucht), Gula (V\u00f6llerei, Fressgier) und Luxuria (Wollust).<\/p>\n<p>In Dantes <em>Divina Commedia<\/em> werden die Haupts\u00fcnden anschaulich geschildert, indem die Busse imaginiert wird. Die Busse dauert so lange, bis die Seele ganz vom \u00dcbel gereinigt ist. Erst dann erlangt sie die Fl\u00fcgel, die sie in das himmlische Paradies, zur Anschauung Gottes tragen.<\/p>\n<p>Der Stolz wird in der untersten Schicht des L\u00e4uterungsberges abgeb\u00fcsst. Diese Schicht ist mit Reliefs geschm\u00fcckt, die alle die Demut darstellen. Die Busse selbst wird im Zehnten Gesang wie folgt beschrieben. Vergil erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p><em>&#8218;Es kr\u00fcmmt zu Boden sie<\/em><br \/>\n<em>So tief die schwere B\u00fcrde ihrer Plage;<\/em><br \/>\n<em>Mein Auge selber hatte Not um die.<\/em><br \/>\n<em>Doch sp\u00e4h nur scharf, und zu entwirren wage,<\/em><br \/>\n<em>Was unter Steinen dort kommt hergeschlichen!<\/em><br \/>\n<em>Schon siehst du, wie die Brust ein jeder schlage.&#8216;<\/em><br \/>\n<em>(&#8230;)<\/em><br \/>\n<em>Wie, Dach und W\u00f6lbung st\u00fctzend, man Gestalten<\/em><br \/>\n<em>Wohl auf dem Simse hocken sieht von Stein, <\/em><br \/>\n<em>Die bis zur Brust gekr\u00fcmmt die Kniee halten \u2013 <\/em><br \/>\n<em>(&#8230;) so sah ichs dort an ihnen, <\/em><br \/>\n<em>Als ich mit Fleiss erforschte, was sie sein.&#8216;<\/em><\/p>\n<p>Der Neid wird in der zweiten Schicht abgelegt. Hier gibt es keine Figuren und Bilder. Es klingt nur allerlei Anspornung zur N\u00e4chstenliebe auf. Die Busse wird ergreifend geschildert:<\/p>\n<p><em>Denn als ich nah und Mien&#8216; und Art der Armen<\/em><br \/>\n<em>Mir kenntlich ward, da presste bittres Leid<\/em><br \/>\n<em>Aus meinen Augen gleich den Tau, den warmen.<\/em><br \/>\n<em>Der h\u00e4rnen Kutte glich ihr schlechtes Kleid;<\/em><br \/>\n<em>Der lehnt&#8216; an jenes Schulter, an den Ecken<\/em><br \/>\n<em>Der Felswand alle, dran sie aufgereiht.<\/em><br \/>\n<em>So sieht man Blinde, die, nach Brot zu strecken<\/em><br \/>\n<em>Die d\u00fcrftige Hand, am Gnadentore stehn,<\/em><br \/>\n<em>Eins \u00fcbers andre ihre H\u00e4upter recken<\/em><br \/>\n<em>Dass Mitleid eilends r\u00fchre, die sie sehn<\/em><br \/>\n<em>(&#8230;)<\/em><br \/>\n<em>Denn allen war das Auge fest vern\u00e4ht<\/em><br \/>\n<em>Mit Draht, wie wirs am Wildfang-Sperber sehen,<\/em><br \/>\n<em>Wenn der Unb\u00e4ndige Lehr und Zucht verschm\u00e4ht.<\/em><\/p>\n<p>Beim Ersteigen der dritten Schicht, wo die <em>Zornigen <\/em>b\u00fcssen, ger\u00e4t Dante in Extase und hat Visionen von <em>Sanftmut<\/em>. Sobald er aber die dritte Schicht erreicht hat, steigen dort schwarze Wolken auf, die sich als schwarzer Rauch offenbaren.<\/p>\n<p>In der vierten Schicht m\u00fcssen die <em>Tr\u00e4gen <\/em>fortw\u00e4hrend in grosser Eile um den Berg rennen.<br \/>\nIn der f\u00fcnften Schicht liegen die <em>Habs\u00fcchtigen <\/em>ununterbrochen am Boden, mit ihrem Antlitz diesem zugewandt.<\/p>\n<p><em>Die Fressgierigen<\/em> laufen in der sechsten Schicht hungernd und abgemagert herum.<br \/>\nBeim Ersteigen der siebenten Schicht kommt ein versengendes Feuer aus der Felswand. In diesem Feuer leben die Seelen, eine Hymne singend. Sie l\u00e4utern sich in den Flammen und singen von <em>Keuschheit und Unkeuschheit<\/em>. Die Luxuria wird hier abgelegt.<\/p>\n<p>Das sind die sieben Haupts\u00fcnden. Wenn man sie so beschreibt, kann man sie ausserhalb der eigenen Wesenheit erleben. In der <em>Selbsterkenntnis <\/em>werden sie erlebt, wenn man sich meditativ in die Wirkungen und Bilder der Busse vertieft. Da die Liebe aller S\u00fcndhaftigkeit zu Grund gelegt worden ist, kann man die verschiedenen S\u00fcnden dynamisch erleben. In diesem Erleben taucht eine Ahnung auf, eine \u00c4hnlichkeit mit einer anderen Beschreibung der L\u00e4uterung der Seele. Sie wird ja auch in Rudolf Steiners <em>Theosophie <\/em>beschrieben. Ist es m\u00f6glich, die alte S\u00fcndenlehre mit diesem anthroposophischen L\u00e4uterungsweg der Seele in Einklang zu bringen?<\/p>\n<p>Dante gibt der Liebe die Hauptrolle in der S\u00fcndenlehre. Thomas von Aquin sieht in der Vernunft den Kern der Tugend. Rudolf Steiner gibt in der <em>Theosophie <\/em>das dynamische Verh\u00e4ltnis zwischen Sympathie und Antipathie in der Seele als Leitmotiv der Reinigung der Seele. Diese L\u00e4uterung muss nach jedem Tod durchlebt werden. Der Geistessch\u00fcler sucht sie jedoch bereits im irdischen Leben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Hieronymus_Bosch.jpg\" alt=\"Der L\u00e4uterungsberg in der Divina Commedia von Dante\" \/><br \/>\nDie sieben Haupts\u00fcnden, Gem\u00e4lde von Hieronymus Bosch, 15. Jahrundert. Madrid, Museo del Prado.<em><strong>Der L\u00e4uterungsberg in der Divina Commedia von Dante Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Dantes Divina Commedia werden die Haupts\u00fcnden anschaulich geschildert, indem die Busse imaginiert wird. Die Busse dauert so lange, bis die Seele ganz vom \u00dcbel gereinigt ist. 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