{"id":7427,"date":"2015-12-30T00:00:00","date_gmt":"2015-12-29T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/blog\/der-weise-alte-und-der-neugeborene\/"},"modified":"2025-04-14T12:26:56","modified_gmt":"2025-04-14T10:26:56","slug":"der-weise-alte-und-der-neugeborene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/der-weise-alte-und-der-neugeborene\/","title":{"rendered":"Der weise Alte und der Neugeborene"},"content":{"rendered":"<p><!--\n\n\n<h2>Als ich in den zwanziger Jahren war und meine Assistenzzeit im  Medizinstudium absolvierte, lernte ich eine prominente Pers\u00f6nlichkeit  kennen. Er war Professor in der Inneren Medizin und Leiter der  Universit\u00e4tsklinik von Amsterdam. Die Klinik lag damals noch mitten im  Zentrum von Amsterdam und hie\u00df das \u201eBinnengasthuis\u201c. Als beginnende  \u00c4rzte hatten wir das Gef\u00fchl, dass wir wirklich da waren, wo alles  geschah. Hier arbeitete Professor Borst, der den Krebs-Zyklus lehrte, die  Oxygenierung des Blutes. Sein Nachfolger war ein j\u00fcngerer Internist. Er  ist jene prominente Pers\u00f6nlichkeit, die ich oben erw\u00e4hnte.<u><em><a title=\"YouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">YouTube<\/a><\/em><\/u><\/h2>\n\n\n<a title=\"ouTube\" href=\"https:\/\/youtu.be\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"><img alt=\"Mieke Mosmuller\" data-src=\"https:\/\/www.miekemosmuller.com\/uploads\/db146ff18e1ed09fdc20b1ad6b3feb9f.jpg\" \/><\/a>\n\n--><br \/>\nAls ich in den zwanziger Jahren war und meine Assistenzzeit im Medizinstudium absolvierte, lernte ich eine prominente Pers\u00f6nlichkeit kennen. Er war Professor in der Inneren Medizin und Leiter der Universit\u00e4tsklinik von Amsterdam. Die Klinik lag damals noch mitten im Zentrum von Amsterdam und hie\u00df das \u201eBinnengasthuis\u201c. Als beginnende \u00c4rzte hatten wir das Gef\u00fchl, dass wir wirklich da waren, wo alles geschah. Hier arbeitete Professor Borst, der den Krebs-Zyklus lehrte, die Oxygenierung des Blutes. Sein Nachfolger war ein j\u00fcngerer Internist. Er ist jene prominente Pers\u00f6nlichkeit, die ich oben erw\u00e4hnte.<\/p>\n<p>Er war ein gro\u00dfer Wissenschaftler, ein guter Lehrer, aber vor allem lernte ich ihn als einen echten Menschen kennen, einen Arzt mit einer spirituellen Sicht auf den Menschen und mit einem moralischen Blick in der Medizin.<\/p>\n<p>Ich war jung und f\u00fchlte diese F\u00e4higkeiten nur, ohne sie klar zu begreifen. Aber ich war so beeindruckt von diesem vorsichtigen, moralischen, bescheidenen gelehrten Mann, dass ich in ihm ein wirkliches Vorbild eines echten Arztes sah.<\/p>\n<p>Auch merkte ich sehr wohl, dass er ein abstrakter Denker war. Sein moralischer Gesichtspunkt war nicht so sehr ein Teil seines Denkens, sondern geh\u00f6rte zu einer anderen Welt, die aber sein medizinisches Handeln impulsierte.<\/p>\n<p>Als ich in den vierziger Jahren war, publizierte ich mein erstes Buch ,Suche das Licht, das im Abendland aufgeht\u2019. Ich hatte keinen Vater mehr, dem ich das erste Exemplar geben konnte. Aber es gab zwei \u00e4ltere Herren, denen ich dieses Buch geben wollte. Einer der beiden war dieser Professor, der inzwischen emeritiert war und noch immer in Amsterdam wohnte. Seine Reaktion war sehr nett. Er rief mich an und wir lernten einander pers\u00f6nlich gut kennen und wurden in den darauffolgenden Jahren wirkliche Freunde.<\/p>\n<p>Er besuchte immer meine Seminare in Amsterdam und war da ein herausragender Teilnehmer. Fr\u00fch am Morgen kam er auf seinem Fahrrad und sa\u00df inmitten der anderen Teilnehmer, als ob er ein Student w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p>Er mochte meine Art, Vortr\u00e4ge zu geben, und nannte sie eine ,Tour de force\u2019.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlte uns von seinen spirituellen Vorstellungen, von seinem Glauben an Gott. F\u00fcr ihn war Gott ein Wesen, dem sich der Mensch nicht n\u00e4hern kann. Ich erkannte in seiner Sicht die Ideen des Scholastikers Duns Scotus (1266-1308) wieder. Dieser betrachtet den Willen Gottes als einen Willen, der von dem menschlichen Willen v\u00f6llig verschieden und zugleich f\u00fcr den Menschen nicht zu erkennen ist. Der Wille Gottes w\u00e4re ein anderer als der Wille des Menschen oder w\u00fcrde einer anderen Ratio folgen als der des Menschen. Wir hatten also sehr verschiedene Ideen \u00fcber das Wesen von Gott. Aber dies hatte auf die wachsende Freundschaft keinen Einfluss. Allm\u00e4hlich gab er zu, dass diese ,Tour de force\u2019 des Denkens, die ich in den Seminaren entwickelte, ihm eine Art Vertrauen gab, dass der Mensch tats\u00e4chlich imstande ist, etwas vom Willen Gottes kennenzulernen, aber nur, wenn wir all unsere Veranlagung und Kraft zu denken entfalten.<\/p>\n<p>In dem besonderen Buch \u00fcber die Scholastik von Professor Joseph Pieper finden wir die folgenden Worte:<br \/>\n,In den Gedanken von Duns [Scotus] finden wir zum ersten Mal, so scheint es, diese paradoxe Zweiheit, die eine Art Modell f\u00fcr die nach ihm folgende Zeit sein wird. Ich meine: Dass die Forderung nach einer beinahe menschenunm\u00f6glichen, absolut zwingenden Evidenz verbunden ist mit einer fast dem Opfer gleichkommenden Resignation in Bezug auf das Erkennen von Gr\u00fcnden.\u2019<\/p>\n<p>Dann kam die Jahrtausendwende. Der \u00dcbergang des alten Jahres in das neue Jahr l\u00e4sst mich daran zur\u00fcckdenken. Das reine, aber abstrakte Denken des Professors war nicht imstande, zu denken, dass es einen Unterschied machen k\u00f6nnte, ob heute der 31. Dezember 1999 oder der 1. Januar 2000 ist. F\u00fcr ihn war dies nur ein Tag, dem ein anderer folgte.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns am Ende des Jahres einmal die Frage stellen: Wie erlebe ich dieses Ende des alten Jahres? Das alte Jahr ist verbraucht und kann uns nichts mehr geben \u2013 das neue hat noch keine Geschehnisse in sich, es wird uns sehr viel bringen, manche Dinge werden wir friedlich erleiden, andere k\u00f6nnen wir bewusst in Freiheit selbst schaffen. Aber die Frage ist: Macht es einen Unterschied, ob wir vom 18. zum 19. August gehen, um nur ein Beispiel zu nennen, oder vom 31. Dezember zum 1. Januar?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/miekemosmuller.com\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Blog87.jpg\" alt=\"Der weise Alte und der Neugeborene\" \/><br \/>\nJohannes Duns Scotus, Doctor Subtilis, 1266\u20131308, ein Franziskanerm\u00f6nch.<br \/>\n(Johannes Scotus Eriugena, den ich das vorige Mal erw\u00e4hnte, war ein irischer Theologe und neuplatonischer Philosoph)<\/p>\n<p>Wochenspruch zum Jahreswechsel:<\/p>\n<p>An Geistetsoffenbarung hingegeben<br \/>\nGewinne ich des Weltenwesens Licht<br \/>\nGedankenkraft, sie w\u00e4chst<br \/>\nSich kl\u00e4rend mir mich selbst zu geben,<br \/>\nUnd weckend l\u00f6st sich mir<br \/>\nAus Denkermacht das Selbstgef\u00fchl.<em><strong>Der weise Alte und der Neugeborene Von Mieke Mosmuller<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir k\u00f6nnen uns am Ende des Jahres einmal die Frage stellen: Wie erlebe ich dieses Ende des alten Jahres? Das alte Jahr ist verbraucht und kann uns nichts mehr geben \u2013 das neue hat noch keine Geschehnisse in sich, es wird uns sehr viel bringen, manche Dinge werden wir friedlich erleiden, andere k\u00f6nnen wir bewusst in Freiheit selbst schaffen. Aber die Frage ist: Macht es einen Unterschied, ob wir vom 18. zum 19. August gehen, um nur ein Beispiel zu nennen, oder vom 31. Dezember zum 1. Januar?<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":4499,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-7427","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7427"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7427\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8086,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7427\/revisions\/8086"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}