{"id":9637,"date":"2025-09-19T10:13:22","date_gmt":"2025-09-19T08:13:22","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/?p=9637"},"modified":"2025-09-19T13:44:57","modified_gmt":"2025-09-19T11:44:57","slug":"herzdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/herzdenken\/","title":{"rendered":"Herzdenken"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben in der Anthroposophie eine Art von Verwirrung mit Bezug auf das Denken. Das Denken ist in unserer Zeit nat\u00fcrlich ganz abstrakt, und wir k\u00f6nnen manchmal auch das Gef\u00fchl haben, dass es auch herzlos ist. Und das f\u00fchrt dazu, dass wir eine Sehnsucht empfinden, \u00fcber das Denken hin\u00fcberzukommen zu etwas, was wieder mit dem Herzen erf\u00fcllt ist. Oder vielleicht ohne es zu bemerken, dass wir nicht dar\u00fcber hin\u00fcberkommen, sondern dass wir zur\u00fcckrutschen in etwas, was der Vergangenheit geh\u00f6rt. Und das m\u00f6chte ich heute versuchen, etwas mehr deutlich zu machen. Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, und erkennen tut man mit Hilfe des Denkens. Und das ist, glaube ich, auch etwas, was Anthroposophie nicht so popul\u00e4r macht, dass wir daf\u00fcr unser Denken stark einsetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wir haben das Gef\u00fchl, ja, in der Wissenschaft, okay, da ist es nun einmal so, dass mit dem Denken die Erkenntnis erlangt wird, aber f\u00fcr die Spiritualit\u00e4t ist das doch wirklich etwas anderes und sollte es nicht herzlos sein. Ich nehme zuerst ein St\u00fcckchen Text von Rudolf Steiner aus seinem Buch Die Philosophie der Freiheit. Das hat er in 1894 publiziert; in 1918 war eine Neuausgabe geplant und er hat dann f\u00fcr diese Neuausgabe mehrere Zus\u00e4tze geschrieben, und auf Seite 142 gibt es einen wichtigen Zusatz, der etwas aufkl\u00e4ren kann \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Denken, F\u00fchlen und Wollen und das Missverst\u00e4ndnis, das \u00fcber das Denken gef\u00fchlt wird, weil wir nun einmal in unserer Zeit nicht imstande sind, so unmittelbar zu empfinden, was Denken eigentlich in seiner tieferen Wesenheit ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da schreibt Rudolf Steiner: \u201cDie Schwierigkeit, das Denken in seinem Wesen beobachtend zu erfassen, liegt darin, dass dieses Wesen der betrachtenden Seele nur allzu leicht schon entschl\u00fcpft ist, wenn diese es in die Richtung ihrer Aufmerksamkeit bringen will. Dann bleibt ihr nur das tote Abstrakte, die Leichname des Lebendigen Denkens.\u201d Hier wird uns also darauf hingewiesen, dass es nicht am Denken liegt, dass wir es als abstrakt empfinden, sondern dass wir es nicht zustande bringen, um das Denken in seiner wahren Wesenheit zu erfassen. \u201cSieht man nur auf dieses Abstrakte, so wird man leicht ihm gegen\u00fcber sich gedr\u00e4ngt f\u00fchlen, in das lebensvolle Element der Gef\u00fchlsmystik oder auch der Willensmetaphysik einzutreten. Man wird es absonderlich finden, wenn jemand in blo\u00dfen Gedanken das Wesen der Wirklichkeit ergreifen will. Aber wer sich dazu bringt, das Leben im Denken wahrhaft zu haben, der gelangt zur Einsicht, dass dem inneren Reichtum und der In sich ruhenden, aber zugleich in sich bewegten Erfahrungen innerhalb dieses Lebens, das Weben in den blo\u00dfen Gef\u00fchlen oder das Anschauen des Willenselementes, nicht einmal verglichen werden kann, geschweige denn, dass diese \u00fcber jenes gesetzt werden d\u00fcrften. Gerade von diesem Reichtum, von diesen inneren Gef\u00fchlen des Erlebens, r\u00fchrt es her, dass sein Gegenbild in der gew\u00f6hnlichen Seeleneinstellung tot, abstrakt aussieht. Keine andere menschliche Seelenbet\u00e4tigung wird so leicht zu verkennen sein wie das Denken. Das Wollen, das F\u00fchlen, sie erw\u00e4rmen die Menschenseele auch noch im Nacherleben ihres Ursprungszustandes. Das Denken l\u00e4sst nur allzu leicht in diesem Nacherleben kalt. Es scheint das Seelenleben auszutrocknen. Doch dies ist eben nur der stark sich geltend machende Schatten einer lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit. Dieses Untertauchen geschieht mit einer in der Denkbet\u00e4tigung selbst dahinflie\u00dfenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist. Man darf nicht einwendend sagen, wer so Liebe im t\u00e4tigen Denken sieht, der verlegt ein Gef\u00fchl, die Liebe in dasselbe. Denn dieser Einwand ist in Wahrheit eine Best\u00e4tigung des hier geltend gemachten. Wer n\u00e4mlich zum <em>wesenhaften <\/em>Denken sich hinwendet, der findet in demselben sowohl Gef\u00fchl als auch Willen die letzten auch in den Tiefen ihrer Wirklichkeit. Wer von dem Denken sich ab und nur dem blo\u00dfen F\u00fchlen und Wollen zuwendet, der verliert aus diesen die wahre Wirklichkeit. Wer im Denken <em>intuitiv erleben<\/em> will, der wird auch dem gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen und willensartigen Erleben gerecht. Nicht aber kann gerecht sein gegen die intuitiv denkerische Durchdringung des Daseins, die Gef\u00fchlsmystik und die Willensmetaphysik.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, f\u00fcr mich ist das immer ein sehr bedeutendes St\u00fcck Text gewesen, weil es ja, wie m\u00f6chte ich das sagen, wiederum eine sehr deutliche Best\u00e4tigung daf\u00fcr ist, dass die Anthroposophie eigentlich von uns fordert, dass wir das Denken entwickeln und erfassen lernen und dass wir dann, wenn wir das so tun, auch Gef\u00fchl und Wille zur gleichen Zeit entwickeln und erfassen. Aber der Mensch sehnt sich nach F\u00fchlen der Gef\u00fchle. Und das ist verst\u00e4ndlich. Es wird immer schwieriger, um das sich entwickelnde kalte, abstrakte Denken zu haben und dann doch noch zu glauben, dass in diesem Denken urspr\u00fcnglich die warme Liebe zu Hause ist. Und da gibt es in der Gesamtausgabe der Vortr\u00e4ge von Rudolf Steiner eine Vortragsreihe mit dem Titel Makrokosmos und Mikrokosmos, und darin beschreibt Rudolf Steiner sehr ausf\u00fchrlich den Entwicklungsweg, den meditativen Entwicklungsweg durch Imagination, Inspiration, Intuition hindurch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man das zu sich nimmt und versucht nachzufolgen, dann entdeckt man schon schnell und leicht, wie schwierig das eigentlich ist. Und wenn dann Rudolf Steiner sagt, dass wenn wir die Intuition erreicht haben, dass dann eigentlich erst die wahrhaftige Imagination, die wahrhaftige Inspiration und die wahrhaftige Intuition anfangen, dass man also Imagination, Inspiration, Intuition zuerst meditativ zu Vorstufen entwickelt. Und wenn man dann die innerliche Stufe der Intuition gefunden hat, dass dann erst die M\u00f6glichkeit zur Erkenntnissicherheit im Geiste entsteht. Dann sagt er selbst, es ist ein entsagungsvoller Weg. Aber wenn man die Energie, Mut, Wirksamkeit aufbringt, dann ist die Arbeit an den Vorstufen auch schon so segensreich, dass es gar nicht schwierig ist, um das zu tun. Und auch wenn gar kein Inhalt erscheint, wenn man in der Intuitionsstufe gekommen ist, und man muss da verharren, verharren, verharren, ohne dass diese wahrhaftigen Imaginationen erscheinen, dann ist es noch nicht schlimm, weil man f\u00fchlt, wie stark und gesund man in seinem Seelenleben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber das Interessante ist, dass dann nach diesen Vortr\u00e4gen \u00fcber die wahrhaftige Imagination, Inspiration, Intuition aus der erkannte Stufe der Intuition heraus, dass nach diesen Vortr\u00e4gen Rudolf Steiner anf\u00e4ngt zu sprechen \u00fcber ein neues Denken, das entstehen wird, wenn man so weit gekommen ist. Wenn man so weit gekommen ist, dass man zuerst \u00dcbungen gemacht hat f\u00fcr die Imagination, das sind Bildmeditationen. Dann \u00dcbungen gemacht hat f\u00fcr die Inspiration, das sind lebendige Denkkraftmeditationen. Dann \u00dcbungen gemacht hat f\u00fcr die Intuition, das sind \u00dcbungen, worin sowohl Bild als Kraft mehr oder weniger ausgeschaltet sind und man in eine innerliche Leere hineinkommt. Wenn man diese \u00dcbungen gemacht hat und man schreitet dann weiter in oder nach der Stufe der \u00dcbungsintuition, wenn ich es so zu sagen darf, wenn man so weit gekommen ist, dann kommt die Zeit, dass ein neues Denken sich einstellen wird, und das nennt Rudolf Steiner dann Herzdenken. Das ist also gar nicht etwas, womit man anfangen k\u00f6nnte. Das ist eher etwas, was, ja, ich will nicht sagen, ganz am Ende des Weges, aber doch ein ganzes St\u00fcck weit auf dem Weg liegt. Und er setzt dann auch ganz deutlich auseinander, dass es fr\u00fcher in sehr alten Zeiten f\u00fcr die Menschheit der normale Zustand war, dass die Menschen. ein Herzdenken hatten, die hatten noch gar nicht dieses Denken, das f\u00fcr uns das Ma\u00dfgebende ist. Kein intellektuelles Denken, sondern ein unmittelbares Erkennen der Wahrheit mit dem Herzen. Und wenn man dann die vorhergegebenen Vortr\u00e4ge ein bisschen vergisst, dann k\u00f6nnte man durch seine Sehnsucht nach einem solchen Denken meinen, dass Rudolf Steiner dann \u00fcber das neue Herzdenken spricht, das man so einfach haben k\u00f6nnte. Aber wie gesagt, das neue Herzdenken liegt auf dem Weg der Entsagung. Und wenn wir zum Beispiel in dem B\u00fcchlein, dem franz\u00f6sischen B\u00fcchlein, liest: Man sieht nur mit dem Herzen gut, dann ist das nat\u00fcrlich sehr anziehend, wenn das doch nur m\u00f6glich w\u00e4re. Aber das ist f\u00fcr uns Menschen nicht m\u00f6glich. Denn wir haben die Aufgabe, durch das abstrakt intellektuelle Denken hindurchzugehen, durch eine meditative Entwicklung im reinen sinnlichkeitsfreien Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wenn wir das \u00fcberspringen m\u00f6chten, dann gehen wir nicht weiter, aber dann rutschen wir zur\u00fcck. Wenn wir dann dieses St\u00fcck aus der Philosophie der Freiheit, diesen Zusatz aufnehmen, dann finden wir darin auch Trost, dass, wenn wir das Denken wirklich beobachtend zu erfassen versuchen und wir haben gen\u00fcgend Energie, um das immer wieder und wieder aufzunehmen und zu versuchen, dass wir dann gerade in dem Denken selbst dasjenige finden, wonach wir so viel Sehnsucht haben, n\u00e4mlich die Liebesw\u00e4rme in dem Licht des Denkens. Ich kenne den Trost schon seit vielen Jahren, und der Trost kommt nicht nur aus dem Buch, der kommt aus der Realit\u00e4t, aus dem praktischen \u00dcben mit der Entwicklung des Denkens. Und das war mir ein Herzensanliegen, um das einmal \u00f6ffentlich auszusprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rudolf Steiner hat nat\u00fcrlich in seinen Michael Leits\u00e4tzen geschreiben, dass wenn das Michaelisches Denken sich durchsetzt, dass dann die Herzen anfangen, Gedanken zu haben. Das wei\u00df ich nur zu gut, dass er das schreibt. Aber auch dort m\u00fcssen wir das nicht zu leicht nehmen, das geht nicht zo ein zwei drei, das ist eine Zeitaufgabe und das hat man nicht in einem Griff so einfach zustande gebracht. Fangen wir doch mit dem reinen Denken an, mit dem Vertrauen, dass es in diesem reinen Denken eine waltende Kraft gibt, die W\u00e4rme der Liebe ist. Dann haben wir in dem Licht der Erkenntnis zugleich auch die W\u00e4rme des Herzens. Und dann verwandelt sich das gew\u00f6hnliche, abstrakt intellektuelle Denken allm\u00e4hlich in ein neues Denken mit dem Herzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben in der Anthroposophie eine Art von Verwirrung mit Bezug auf das Denken. Das Denken ist in unserer Zeit nat\u00fcrlich ganz abstrakt, und wir k\u00f6nnen manchmal auch das Gef\u00fchl haben, dass es auch herzlos ist. Und das f\u00fchrt dazu, dass wir eine Sehnsucht empfinden, \u00fcber das Denken hin\u00fcberzukommen zu etwas, was wieder mit dem Herzen erf\u00fcllt ist. Oder vielleicht ohne es zu bemerken, dass wir nicht dar\u00fcber hin\u00fcberkommen, sondern dass wir zur\u00fcckrutschen in etwas, was der Vergangenheit geh\u00f6rt. Und das m\u00f6chte ich heute versuchen, etwas mehr deutlich zu machen. Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, und erkennen tut man mit Hilfe des Denkens. Und das ist, glaube ich, auch etwas, was Anthroposophie nicht so popul\u00e4r macht, dass wir daf\u00fcr unser Denken stark einsetzen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":9641,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-9637","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9637","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9637"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9637\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9653,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9637\/revisions\/9653"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9641"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}