{"id":9752,"date":"2025-12-17T15:34:17","date_gmt":"2025-12-17T13:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/miekemosmuller.com\/?p=9752"},"modified":"2025-12-17T16:09:23","modified_gmt":"2025-12-17T14:09:23","slug":"einweihung-der-zuschauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/miekemosmuller.com\/de\/blog\/einweihung-der-zuschauer\/","title":{"rendered":"Einweihung: Der Zuschauer"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe beim letzten Mal \u00fcber die Einweihung und \u00fcber die Selbsterziehung gesprochen. Und ich habe dabei gesagt, dass im Altertum die Sch\u00fcler auserw\u00e4hlt wurden und dass sich in der heutigen Zeit der Mensch selbst ausw\u00e4hlt. Nun ist es so, dass ich meine Videos in der Regel auf ungef\u00e4hr zwanzig Minuten beschr\u00e4nke, weil ich dieses Medium f\u00fcr l\u00e4ngere Ausf\u00fchrungen nicht wirklich geeignet finde. Der Nachteil ist allerdings, dass man dann immer nur sehr wenig sagen kann und dass das, was man sagt, leicht etwas extrem wirkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn eigentlich geh\u00f6rt zu der Aussage, der Mensch w\u00e4hle sich selbst aus, noch etwas Wesentliches dazu. N\u00e4mlich, dass ein Mensch \u00fcberhaupt nur deshalb dazu kommt, sich selbst auszuw\u00e4hlen, weil seine Vorgeschichte ihn dorthin gef\u00fchrt hat. Es ist ja nicht so, dass ein Mensch aus dem Nichts heraus pl\u00f6tzlich beschlie\u00dft, Eingeweihter werden zu wollen. Das hat immer eine Vergangenheit. Und selbst wenn sich jemand \u00fcbersch\u00e4tzt, so liegen doch auch dann in der Vergangenheit Impulse, die im Jetzt wirksam werden. Auch das ist eine Art von Auserw\u00e4hltsein. Nur kommt dieses Auserw\u00e4hltsein nicht von au\u00dfen, sondern von innen \u2013 wobei dieses Innere nat\u00fcrlich wiederum mehr oder weniger vom \u00c4u\u00dferen gepr\u00e4gt ist. Das alles m\u00fcsste man eigentlich sehr ausf\u00fchrlich bedenken und auch besprechen. Das habe ich beim letzten Mal nat\u00fcrlich nicht getan. Ich habe einfach gesagt: Man w\u00e4hlt sich selbst aus. Und das musste eigentlich noch erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist au\u00dferdem so: Man kann sich selbst ganz ernsthaft ausw\u00e4hlen, man kann mit der Meditation beginnen \u2013 und dann gelingt es zum Beispiel nicht. Auch das hat wiederum mit der Vergangenheit zu tun: mit dem, was dieser Mensch in fr\u00fcheren Zeiten bereits getan hat. Das wei\u00df man in der Regel nicht, meistens wei\u00df man es gar nicht. Aber es zeigt sich in dem, was sich w\u00e4hrend der Meditation ereignet. Man kann sagen, man hat dar\u00fcber eigentlich gar nicht das Sagen, ob man in die geistige Welt hineinkommt. Ob man dort zugelassen wird, h\u00e4ngt von vielem ab \u2013 und am wenigsten von dem, was der Mensch selbst will. Auch das musste noch gesagt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir nun die Selbsterziehung anschauen und wenn ich sage, man m\u00fcsse lernen, seine moralischen Schw\u00e4chen zu betrachten, dann meine ich damit nicht, dass man einfach die Ereignisse des Tages oder des Jahres durchgeht. Es geht nicht um diese einzelnen Ereignisse, sondern darum, dass man versucht, hinter die Ereignisse zu schauen und zu erkennen, worin eigentlich die moralische Schw\u00e4che liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn es geht nicht um die allt\u00e4glichen Details, sondern darum, was der Mensch im Grunde ist, und darum, inwiefern das Gewissen darauf hinweist, dass es noch bestimmte M\u00e4ngel gibt. Wenn man zum Beispiel am Abend zur\u00fcckblickt und feststellt, dass man schon wieder seine Administration nicht gemacht hat, obwohl man es sich seit Tagen oder Wochen vornimmt \u2013 man sagt sich immer wieder: Ich muss das tun \u2013 und man tut es nicht, man tut es nicht, man tut es nicht. Ist das an sich eine moralische Schw\u00e4che? So kann man das eigentlich nicht sagen. Aber das, was darunter liegt und dazu f\u00fchrt, dass man es nicht tut, das ist etwas anderes. Und genau das ist es, was man anschauen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun sagen: Ja, da muss ich anfangen zu fantasieren, denn ich wei\u00df ja gar nicht, warum ich es nicht tue. Aber das glaube ich nicht. Ich denke, dass jeder Mensch sehr wohl wei\u00df \u2013 wenn er oder sie nur genau hinschaut \u2013, welche Schw\u00e4che darunter liegt. Man kann vieles aufz\u00e4hlen, aber letztlich kann jeder Mensch das f\u00fcr sich selbst erkennen und wissen, was es eigentlich ist, warum das Unterlassen einer Tat aus einer moralischen Schw\u00e4che heraus geschieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man darin Fortschritte macht \u2013 und diese Fortschritte bestehen darin, dass man immer genauer sehen lernt, worin diese moralischen Schw\u00e4chen liegen \u2013, dann kommt ein Moment, in dem man etwas Neues tun kann und auch tun sollte. Dann gen\u00fcgt es nicht mehr, beim blo\u00dfen Anschauen stehen zu bleiben und vielleicht das eine oder andere auszubessern. Dann beginnt man zu fragen: Wie ist es eigentlich m\u00f6glich, dass ich zwei Menschen bin?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin der Mensch, den ich anschaue. Der schwache Mensch, der so vieles auszubessern hat. Aber gleichzeitig bin ich offenbar auch der Mensch, der wei\u00df, dass es Schw\u00e4chen sind, der wei\u00df, welche Schw\u00e4chen es sind, und der auch wissen kann, wie sie ausgebessert werden k\u00f6nnen. F\u00fcr mich ist das eigentlich der beste Beweis daf\u00fcr, dass der Mensch nicht nur derjenige ist, der im Leibe umhergeht, sondern dass es noch einen anderen Menschen gibt, der mit dem, was der erste Mensch tut, nicht einverstanden ist \u2013 wenigstens nicht immer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oft ist dieser zweite Mensch sogar der sch\u00e4rfste Kritiker. Und ich wei\u00df: Auch dieser zweite Mensch bin ich selbst. Aber es ist nicht dasselbe Selbst, das ich anschaue und an dem ich all diese Schw\u00e4chen feststelle. Das ist doch ein deutlicher Hinweis darauf, dass ich auch ein Mensch bin, der in der moralischen Welt zu Hause ist. Denn sonst k\u00f6nnte ich das alles nicht erkennen, und ich w\u00fcsste auch nicht, wie ich ein moralischerer Mensch werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist also der n\u00e4chste Schritt auf dem Weg zur Einweihung: dass man bei den \u00dcbungen zur Selbsterziehung nicht beim blo\u00dfen Anschauen stehen bleibt, sondern dass man lernt, sich gewisserma\u00dfen umzuwenden und dieser anderen Wesenheit bewusst zu werden, die das alles wei\u00df und auch kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interessant ist nun, dass der idealistische Philosoph Fichte genau das beschrieben hat. Rudolf Steiner kn\u00fcpft in seinen Vortr\u00e4gen daran an und zeigt, wie unglaublich deutlich bei Fichte das Ich erscheint. Fichte findet nicht nur das gew\u00f6hnliche Selbst, sondern auch jenes Selbst, das zur Entwicklung f\u00e4hig ist. Dieses Selbst ist der Zuschauer. Er geht mit uns mit, er ist immer dabei. Wir wissen es nur nicht, weil wir unser Bewusstsein nicht bis zu diesem Selbst ausdehnen, das im Gewissen zu Hause ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein ungemein wichtiger Schritt auf dem Weg der Selbstentwicklung, dass man nicht nur seine Schw\u00e4chen anschaut und versucht, sie durch das Anschauen zu \u00fcberwinden, sondern dass man zur\u00fcckblickt auf denjenigen, der das alles scheinbar wei\u00df und auch tun kann. Das ist ein t\u00e4tiges Wesen, ein handelndes Wesen. Es schaut zu \u2013 und gleichzeitig ist es das Wesen, das imstande ist, das, was es anschaut, in F\u00e4higkeiten zu verwandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir an die Waldorfp\u00e4dagogik denken, dann gibt es dort diese merkw\u00fcrdige Erscheinung, dass bestimmte Lerninhalte nicht ununterbrochen hintereinander vermittelt werden, sondern dass immer wieder Pausen gemacht werden. Warum? Weil diese Pausen genau daf\u00fcr da sind, dass das Gelernte \u2013 seien es Tatsachen oder F\u00e4higkeiten \u2013 sich durch die T\u00e4tigkeit des Zuschauers, dieses zweiten Menschen, der beim Kind selbstverst\u00e4ndlich auch da ist, verwandeln kann. So k\u00f6nnen sich diese Lerninhalte in bleibende F\u00e4higkeiten verwandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und in diesem Sinne k\u00f6nnen wir auch sp\u00e4ter noch wie die Kinder sein. Wir k\u00f6nnen vieles lernen, wir k\u00f6nnen lernen, unsere moralischen Schw\u00e4chen anzuschauen. Aber letztlich geht es darum, dass dieser h\u00f6here Mensch erkannt wird und dass wir lernen, aus dieser Erkenntnis heraus zu schauen. In diesem h\u00f6heren Menschen lebt die geistige Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe beim letzten Mal \u00fcber die Einweihung und \u00fcber die Selbsterziehung gesprochen. 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