Ich habe letztes Mal gesagt, alles bleibt immer dasselbe. Es ist natürlich klar, dass sich das nicht auf den Inhalt bezieht, denn inhaltlich gibt es natürlich fortwährend sehr große Unterschiede, aber die Weise, wie der Inhalt zustande kommt, die ist immer dieselbe. Und dann macht es eigentlich überhaupt nichts aus, wer bestimmte Handlungen verrichtet oder Taten initiiert.
Die Quelle, aus der das hervorgeht, ist doch immer dieselbe. Und natürlich gibt es Unterschiede in dem Sinne, dass Menschen verschiedene Charaktere haben und verschiedene Temperamente, und dadurch gibt es scheinbar wohl Unterschiede. Aber wir laufen im Augenblick in eine Falle, könnte man sagen, die überhaupt nicht gesehen wird.
Wens du als Mensch, Menschlein, auf der Erde geboren wirst, dann bist du gewiss kein unbeschriebenes Blatt, so wie das aus der gewöhnlichen Wissenschaft gesehen wird; dieses Blatt ist sehr wohl durch eine ferne Vergangenheit beschrieben, aber du kommst natürlich in eine ganz neue Welt und du musst dich darin einleben, einarbeiten, und dafür musst du natürlich ganz allmählich an diese Welt gewöhnt werden, in der du dann geboren bist. Und das dauert eine ganze Zeit, du bist sehr lange damit beschäftigt, deine Sinne zu üben, später damit, dein Gedächtnis zu üben, alle möglichen Kenntnisse aufzunehmen, und dann, wenn du vielleicht zur Universität gehst, dann benutzt du alle erworbenen Begriffe und Denkweisen, um das aufzunehmen, was die Wissenschaft dir zu bieten hat, und es scheint, als könne das ganze Leben so weitergehen. Und das ist eigentlich vergleichbar mit der Situation, in der wir uns als Menschheit befinden: Es scheint, als sei die Entwicklung der Menschheit immer so gewesen, wie sie ist, und als könne sie auch immer so weitergehen, wie sie ist, und dann kannst du natürlich irgendwann sagen: Nun ja gut, wir haben Technik, und damit können wir ein schönes Beispiel von Fortschritt liefern, und dann wird alles anders, aber es wird natürlich überhaupt nicht anders, denn das, was diese Technik zu bieten hat, beruht ebenfalls darauf, dass alles immer gleich bleibt.
Wenn du dich also als Mensch entwickelt hast, sagen wir einmal bis etwa zu deinem achtundzwanzigsten Lebensjahr, dann bricht eine Zeit an, in der du, denke ich, doch allmählich beginnst zu erleben, dass du an eine Art Grenze kommst; nur wird darauf die Aufmerksamkeit nicht gelenkt, niemand sagt dir, dass es so ist, und niemand erklärt dir, was eigentlich genau geschieht, aber es geschieht etwas. Und wenn du dann noch einige Jahre später in deinem Leben bist, dann solltest du eigentlich merken, dass du im Denken, insbesondere dort, wo du dein Bewusstsein hast, dass du dort fortwährend damit weitergehst, alle Begriffe, alle Meinungen, alle Urteile, die du erworben hast, miteinander zu kombinieren, und dass dir die Kraft fehlt, wirklich erneuernd in dir selbst zu denken. Das solltest du eigentlich merken, und meiner Meinung nach merkst du das auch; nur noch einmal: Man weist dich nicht darauf hin, also kannst du es wohl bemerken, aber du lebst dennoch darüber hinweg. Das ist es, was jetzt auch in der großen Entwicklung der Menschheit geschieht.
Wir haben eine gewaltige Geschichte der Entwicklung von Wissenschaften und Kultur, und auch das kommt an einen Punkt, an dem die Erneuerung nicht mehr möglich ist. Man kann wohl neue Entdeckungen machen, man kann gewaltige Fortschritte machen, zum Beispiel in der spezialisierten Medizin, aber wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass das alles doch darauf beruht, die Begriffe, die bereits vorhanden sind, und die Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, auf eine andere Weise zusammenzulegen. Ich weiß nicht, ob deutlich wird, was ich sage.
Es kommt eine Grenze für das, was mit diesem historisch gewaltig entwickelten Denken zustande gebracht werden kann. Nun gut, dann haben wir doch die Technik, und die kann es von uns übernehmen, aber das Interessante ist, dass man in der technischen Entwicklung, in der Entwicklung der künstlichen Intelligenz, ebenfalls sieht, dass diese Grenze erreicht wird. Ich fand es außerordentlich interessant und auch in gewisser Weise befriedigend zu lesen, dass bei chat-GPT irgendwann alle Daten darin enthalten sind und dass eigentlich nichts Neues mehr hinzukommen kann, außer wenn bestimmte urheberrechtliche Grenzen durchbrochen werden, aber im Grunde kommt ein Moment, in dem ein solches System alles, was im Internet zu finden ist, in sich trägt. Und derjenige, der diesen Artikel schrieb – ich habe leider vergessen, wer das war – wies darauf hin, dass, wenn man dann weitergeht und also über die gesetzten Grenzen der Daten hinaus mit chat-GPT fortfährt, dieses dann beginnt, Unsinn zu erzählen.
Nun, das kennen wir, denke ich, alle, wenn man dieses System benutzt: dass man bis zu einer bestimmten Grenze gehen kann. Wenn man weitergeht, wenn man in ein Gebiet kommt, über das es keine Daten hat, dann antwortet es zwar weiterhin, aber dann wird es unsinnig. Also auch in der Technik gibt es diese Grenze. Man kann irgendwann, auch wenn man noch so viele Daten hat, nicht weitergehen mit dem Kombinieren und dem Wissen davon in einer gewissen Vollkommenheit.
Und wenn diese erreicht ist, dann gibt es nur noch einen Weg, und das ist, dass es dekadent wird. Dann geht es nicht mehr nach oben, sondern nach unten. Meiner Meinung nach sehen wir das auch in der klassischen Musik.
Ich habe es jedenfalls so erlebt, dass irgendwann im neunzehnten Jahrhundert eine Art Grenze kommt für das, was die Musik noch an Erneuerung bringen kann, und dass dann eigentlich jemand kommen müsste, der aus einer anderen Inspirationsquelle komponiert, wodurch dann ein Umschwung in dieser Musik entsteht. Nun, wir haben im zwanzigsten Jahrhundert natürlich sehr viel andere Art von klassischer Musik erlebt. Ich weiß noch, dass ich diese Musik in meinen jüngeren Jahren erlebte wie von einem Orchester gespielte Verkehrsstaus.
Das gilt natürlich nicht für alle Musik, aber ich habe darunter doch sehr gelitten. Und irgendwann – ich habe als Kind sonntags immer im Hintergrund Wagner-Musik gehört, weil das irgendein Opernmorgen im Radio war oder so – und ich fand das überhaupt nichts. Ich fand es so dramatisch und eigentlich unerquicklich, aber ja, es war natürlich auch Hintergrundmusik.
Und später, als ich die Anthroposophie kennenlernte, las ich bei Rudolf Steiner, dass er darüber eigentlich doch etwas ganz anderes sagt. Und als dann irgendwann in Amsterdam eine Aufführung von Wagners Parsifal kam, sind wir doch dorthin gegangen. Und ich erinnere mich noch, dass ich dort in dieser Reihe saß und das Orchester zu spielen begann, und ich dachte: Ja, das ist nun Erneuerung der Musik.
Und das ist es natürlich auch nicht ganz, aber was für eine unglaubliche Wirkung auf deine Lebenskraft. Da fühlt man also einen Augenblick lang, was geschehen könnte, wenn in der Entwicklung der Menschheit ein solcher Umschwung sich durchsetzen würde. Der hat sich nicht durchgesetzt.
Vielleicht höre ich falsch, vielleicht habe ich die Quellen nicht richtig, aber ich glaube es nicht. Bei Wagner ist etwas zu hören, und Rudolf Steiner sagt, bei Bruckner und bei Mahler ist das auch so; da ist etwas zu hören, was in der Zeit davor nicht vorkam. Darauf beruhte natürlich auch die Kritik, die diese Komponisten bekamen, denn sie taten etwas, ja, was eigentlich nicht vorkam.
Das finde ich ein Beispiel für das, was in unserem Denkvermögen stattfinden müsste. Wir müssen einen Weg finden, unser Denkvermögen so zu schulen, dass es sich erneuert. Wir werden dieselben Begriffe haben, aber die Weise, wie wir sie dann handhaben werden, die wird erneuert sein.
Und dann hört hier und da die Dekadenz auf. Wenn wir die Situation im Nahen Osten sehen, dann kann man einerseits sagen: Nun, das ist natürlich nicht immer dasselbe, denn es ist ziemlich einzigartig, was dort geschieht, jedenfalls wie es geschieht. Aber gleichzeitig sieht man natürlich, dass es doch wirklich Dekadenz ist, wodurch ein solcher Krieg entsteht und sich auch fortsetzt.
Das dürfte in der Entwicklung der Menschheit so nicht mehr geschehen. Und ja, ich bleibe dabei dafür zu plädieren, dass die Menschen einsehen, dass eine Veränderung in der Welt nicht anders möglich ist, als dass im Denken die erneuernde Kraft gesucht wird. Und man muss das Rad nicht neu erfinden, denn es ist schon erfunden.
Das findet man in der reichlich vorhandenen Literatur von Rudolf Steiner; darin, und auch in meinen eigenen Büchern, findet man genügend Hinweise darauf, wie man das Denken so entwickeln könnte, dass eine Erneuerung möglich wird. Dass neues Leben hineinkommt, und dass dann aus diesem neuen Leben im Denken eine völlig andere Sicht auf Mensch und Welt entsteht.
Soweit für diesmal.



