Erwägung

Je reiner und majestätischer die Natur um einen herum ist, desto schmerzhafter fühlt man die Distanz, die das gewöhnliche Bewusstsein zwischen einem und dieser grandiosen Natur schafft. Man kann zu der Essenz der Natur überhaupt nicht durchdringen, sie bildet sich außerhalb von einem ab, sobald man ihr nahe kommen will…. Sollte nicht jeder Mensch daher die Frage erleben müssen: Wie lerne ich, im Buch der Natur zu lesen?
Die Freiheit

‘Wenn der Mensch nicht etwas, was fortwährend ihm bleibt, retten könnte aus seinem vorgeburtlichen Leben durch sein Erdenleben hindurch, wenn er nicht etwas retten könnte von dem, was zuletzt während seines vorgeburtlichen Lebens zum bloßen Gedankenleben geworden ist, dann würde er niemals zur Freiheit kommen können. Denn der Mensch würde verbunden sein mit dem Toten, und er würde in dem Augenblick, wo er das, was in ihm selbst mit der toten Natur verwandt ist, zur Freiheit aufrufen wollte, ein Sterbendes zur Freiheit aufrufen wollen. Er würde, wenn er desjenigen sich bedienen wollte, was ihn als Willenswesen mit der Natur verbindet, betäubt werden; denn in dem, was ihn als Willenswesen mit der Natur verbindet, ist alles noch keimhaft. Er würde ein Naturwesen sein, aber kein freies Wesen. Über diesen zwei Elementen – der Erfassung des Toten durch den Verstand und der Erfassung des Lebendigen, des Werdenden durch den Willen – steht im Menschen etwas, was nur er, kein anderes irdisches Wesen, von der Geburt bis zum Tode in sich trägt: das ist das reine Denken, dasjenige Denken, das sich nicht auf die äußere Natur bezieht, sondern das sich nur auf dasjenige Übersinnliche bezieht, was im Men- schen selber ist, was den Menschen zum autonomen Wesen macht, zu etwas, was noch über demjenigen ist, was im Untertoten und im Über- lebendigen ist. Will man daher von der menschlichen Freiheit reden, so muß man auf dieses Autonome im Menschen sehen, auf das reine, sinnlichkeitsfreie Denken, in dem immer auch der Wille lebt.’
Konkretes Denken

Von meiner ersten Begegnungmit der Anthroposophie an erlebte ich den michaelischen Impuls, der abstrakt-intellektuelles Denken in ein lebendiges und konkretes Denken zu verwandeln vermag. Dieser Impuls sollte in allen Bereichen der Anthroposophie erzeugt werden.
Der Ich-Mensch im Denken

‚Mit anderen Worten: der Mensch ist im allgemeinen heute noch nicht dazu gekommen, die Realität, die er als unabhängige Realität im Schlafe erlebt, während des Wachlebens durch Willensstärke hineinzugießen in die Gedanken des Wachlebens. Wenn man Anthroposoph werden will in der Art, daß man die anthroposophischen Gedanken aufnimmt und dann nicht einfach passiv sich ihnen hingibt, sondern durch einen starken Willen dasjenige, was man während jeder Nacht im traumlosen Schlafe ist, hineingießt in die Gedanken, in die reinen Gedanken der Anthroposophie, dann hat man die erste Stufe desjenigen erklommen, was man heute berechtigt ist, Hellsehen zu nennen, dann lebt man hellsichtig in den Gedanken der Anthroposophie. Man lese ein Buch mit dem starken Willen, daß man nicht nur sein Tagleben in das anthroposophische Buch hineinträgt, daß man nicht so liest: vorgestern ein Stück, dann hört es auf, gestern, dann hört es auf, heute, dann hört es auf usw. Die Menschen lesen heute nur mit einem ihrer Lebensstücke, nämlich nur mit dem Tagesleben. So kann man ja natürlich Gustav Freytag lesen, so kann man auch Dickens lesen, Emerson kann man so lesen, aber nicht ein anthroposophisches Buch. Wenn man ein anthroposophisches Buch liest, muß man mit seinem ganzen Menschen hinein, und weil man im Schlafe bewußtlos ist, also keine Gedanken hat – aber der Wille dauert fort -, muß man mit dem Willen hinein. Wollen Sie dasjenige, was in den Worten eines wirklichen anthroposophischen Buches Hegt, so werden Sie durch dieses Wollen wenigstens gedankenhaft unmittelbar hellsichtig. Und sehen Sie, dieser Wille, der muß noch hinein in diejenigen, die unsere Anthroposophie vertreten! Wenn dieser Wille hineinfährt wie ein Blitz in diejenigen, die unsere Anthroposophie vertreten, dann wird die Anthroposophie vor der Welt in der richtigen Weise vertreten werden können. Nicht irgendwelcher Zauberkünste bedarf es dazu, sondern des energischen Wollens, das nicht nur die Lebensstücke während des Tages hineinträgt in ein Buch. Heute lesen ja die Leute übrigens nicht einmal mehr mit diesem vollständigen Lebensstück Werke, sondern heute bei der Zeitungslektüre genügt es, wenn man ein paar Tages- minuten regemacht, um sich anzueignen, was man da hat. Da braucht man nicht einmal den ganzen wachen Tag. Wenn man aber mit seinem ganzen Menschen untertaucht in ein Buch, das aus der Anthroposophie entstammt, dann wird es in einem lebendig.‘
Der Nachtmensch und der Tagesmensch

Das Zitat von letzter Woche wird durch Folgendes ausgeglichen. Natürlich können wir mit rein intellektuellem Denken nicht Rudolf Steiners Werk weiterdenken, aber wir müssen etwas mit unserem Denken unternehmen. Ich werde versuchen, dies mit diesem Zitat und dem Zitat von nächster Woche zu untermauern. Rudolf Steiner:
Unbeschränktes Weiterdenken der Texte von Rudolf Steiner

Vor langer, langer Zeit las ich in einem Buch aus der Gesamtausgabe eine Passage, die mir den Mut gegeben hat, die Inhalte der Anthroposophie so intensiv und herzlich mitzudenken, dass sie in der eigenen geistigen Tätigkeit zu wachsen und blühen anfangen. Es gibt innerhalb der anthroposophischen Kreise Menschen, die meinen, dass man sich nur an die Worte, die geschrieben stehen, zu halten hat, und nichts selbst darüber hinaus denken darf. Ich suchte die Passage, wusste aber nicht mehr, wo sie stand. Ich habe den Standpunkt zwar nie verlassen, ich habe aber immer den Mut behalten, selbstständig mit- und weiterzudenken. Wieviel Widerstand es auch gab…
Die andere Hemisphäre

Anfang Mai fand in Werkhoven, in Samaya, ein dreitägiges Intensivseminar statt. Nachdem wir in den letzten Jahren das Thema Karma und Reinkarnation untersucht hatten, hatten wir beschlossen, uns für diese drei Tage die „andere Hemisphäre“ anzusehen, d.h. das Leben zwischen Tod und Geburt und das Leben mit den Verstorbenen. 2017 hatte ich „Impressionen aus dem Tod“ geschrieben, ein Versuch, Eindrücke vom Leben zwischen Tod und Geburt zu beschreiben, in einer Form zwischen Prosa und Dichtung.
Freiheit und Liebe

‚Sie sehen, wir werden immer innerlicher und innerlicher, indem wir unsere Eigenkraft als Wille in das Denken hineinschicken, das Denken gewissermaßen ganz vom Willen durchstrahlen lassen. Wir bringen den Willen in das Denken hinein und gelangen dadurch zur Freiheit. Wir gelangen dazu, indem wir immer mehr und mehr unser Handeln ausbilden, in dieses Handeln die Gedanken hineinzutragen. Wir durchstrahlen unser Handeln, das ja aus unserem Willen hervorgeht, mit unseren Gedanken. Auf der einen Seite, nach innen, leben wir ein Gedankenleben; das durchstrahlen wir mit dem Willen und finden so die Freiheit. Auf der anderen Seite, nach außen, fließen unsere Handlungen von uns aus dem Willen heraus; wir durchsetzen sie mit unseren Gedanken.
Dionysius Areopagita

Der zweite Abend in Zeist war der Verwandlung von Eros in Agape gewidmet. Wiederum wollte ich zum Ausdruck bringen, wie unaussprechlich und unerklärlich die Liebe ist, und ich nahm die Schriften von Dionysius Areopagita auf, um zu zeigen, dass die Liebe so etwas wie Gott selbst ist, der mit dem Menschenverstand nicht verstanden werden kann, und der nicht in der üblichen Sprache beschrieben werden kann. Dionysius Areopagita soll Richter am Areopag in Athen gewesen sein, wo er eine Rede des Apostels Paulus hörte. Er wurde sein Lehrling. Er wurde selbst zum Lehrer der ätherischen Astronomie, die die Lehre der neun Himmlischen Hierarchien ist, und er kam zu einer Erklärung der Göttlichen Namen und Wörter. Aber am tiefsten bewegend ist seine mystische Theologie, auch bekannt als negative Theologie. Er führt uns zu den höchsten Begriffen, zu denen der Mensch fähig ist, und lässt uns die Ohnmacht erleben, diese zu übertreffen. Gott – und mit ihm die Liebe – ist in allem mehr als unsere Fähigkeit, mit Begriffen zu verstehen.
Sokrates

Der ungebetene Gast, der betrunken und nach dem Symposion kommt, ist Alkibiades. Er beschwert sich über Sokrates, lobt ihn aber auch in allen Tonarten. Er beschwert sich darüber, dass Sokrates keineswegs zu einem physischen Liebesspiel verführt werden konnte, wodurch Alkibiades zum abgelehnten Liebhaber wurde… Aber er beschreibt ihn auch in all seiner Herrlichkeit während eines gemeinsamen Schlachtzuges, wie folgt: