Die Vernunft ist das menschliche Vermögen, das nicht nur auf ursächliche Prinzipien gerichtet ist, sondern auf den universellen Zusammenhang der Dinge und Prozesse und auf die Möglichkeit, darin sinnvoll aktiv zu sein.
Wir wollen einmal so selbstständig denken, dass wir unser Denken nicht vom Einfachsten zum immer Komplizierteren führen lassen wollen, sondern dass wir einmal das Komplizierteste als Ausgangspunkt nehmen, wie es auch ein Künstler tun kann. Auch jemand, der eine Ausbildung macht, tut das im Grunde. Wenn man Arzt werden willn, dann hat man den letztendlichen Berufsstatus als Ursache für sein Studium. Sechs Jahre schwere Anstrengung sind eine Folge der Tatsache, dass die letztliche Folge – nämlich der Status als Arzt, was er für einen auch bedeuten möge – die Ursache des eigenen Strebens ist, das heißt, dass wir das, was noch in der Zukunft verborgen liegt und was im Grunde vom gewöhnlichen Denken aus eine Folge des Entschlusses, Arzt zu werden, wäre, auf diese Weise umdrehen und sagen: Das letztliche Ziel ist Ursache, während es auch die Folge ist.
In dieser Weise könnte man es auch einmal wagen, über die Evolution zu denken. Der Verstand weist das ab, er kann nicht anders, als sich in Gedanken vom Einfachsten zum Kompliziertsten zu entfalten. Doch der Mensch ist nicht nur mit Verstand begabt, diese Verengung verdanken wir dem, was im 19. Jahrhundert geschehen ist. Der Mensch ist auch mit Vernunft begabt, und die Vernunft übersteigt den Verstand, weil sie sich nicht nur in Begriffen entfaltet, sondern sich auch in dem Gang der Begriffe entfaltet.
Ausgehend von diesem Prinzip der Entwicklung des Begriffes könnte man die ganze Evolutionslehre einmal umgekehrt denken. Man könnte sich einmal auf die Frage besinnen: Wir würde für mich der ideale Mensch aussehen? Ich beschäftige mich für kurze Zeit einmal nicht nicht mit allem, was am Menschen problematisch ist, sondern ich will mich einmal auf die Frage besinnen: Wie würde ich den Menschen sehen, wenn er sich zu einer gewissen Vollkommenheit entwickelt hätte? Wenn ich das dann einmal nicht allein als Endpunkt der Entwicklung ansehe, sondern als Ausgangspunkt, dann würde ich die Natur, die Erde, den Kosmos einmal für einen Moment nicht wie einen technischen Apparat betrachten, sondern würde diese sehr kurz als ein Kunstwerk sehen, wobei das letztliche Ziel, die letztilche Folge, als Ursache der Evolution gesehen werden müsste.
Es geht dann überhaupt nicht darum, dass wir das plötzlich als die neue Sicht auf die Schöpfung annehmen, denn wenn wir das tun wollten, müssten wir mit ganzen Wagenladungen an Gegenargumenten kommen. Darum geht es jetzt nicht. Es geht jetzt nur darum, aus einer gewissen spielerischen Haltung im Denken die Evolution nicht als eine Entfaltung von Einfach nach Kompliziert zu sehen – wie wir es in der Technik ausschließlich kennen –, sondern diese einmal als ein Kunstwerk anzusehen, wobei das letztliche Idealbild schon zu Beginn anwesend war…

Technische Entwicklung

Annäherung an das Idealbild (Leonardo da Vinci)

Streben nach dem Idealbild mit Hilfe von Vorstudien (Leonardo da Vinci)
Ein hörbares und sichtbares Streben nach einem menschlichen Idealbild:
Spanische Darbietung von “Alle Menschen werden Brüder” (Beethoven/Schiller):
Hier können Sie sehen, wie auch eine Bank etwas Gutes tun kann…
Die Vernunft: Ursachliche Prinzipien und der universelle Zusammenhang der Begriffe Von Mieke Mosmuller



