Die Wahrheit Hören

Wir sprechen noch immer über die Wahrheit, und ich rufe noch einmal die Aussage von Aristoteles in Erinnerung: Wenn etwas so ist und man sagt, dass es so ist, dann ist das Wahrheit; wenn etwas so ist und man sagt, dass es nicht so ist, dann ist das Unwahrheit, und das kann man dann auch noch umkehren. Nun ist das bei einfachen Tatsachen natürlich noch einigermaßen nachzuvollziehen, aber sobald etwas ein wenig komplizierter wird, wird es auch schwieriger zu sagen, dass etwas so ist und dass das dann auch damit übereinstimmt, dass es wirklich so ist. Wenn ich sage, in meinem Garten steht ein Kastanienbaum, ja, das lässt sich überprüfen, aber wenn ich eine ausführliche Geschichte erzähle und jemand erzählt sie nach, dann ist es viel schwieriger, sie erstens exakt nachzuerzählen und zweitens zu überprüfen, ob es auch wirklich so gesagt wurde.

Da liegt ein sehr großes Problem. Wir schauen uns natürlich alle hin und wieder Videos auf YouTube an, Gesprächssendungen, das tun Sie jetzt auch, während Sie mir zuschauen, und was natürlich doch auffällt, ist, dass es unglaublich viele verschiedene Meinungen gibt. Die Aufgabe für den Menschen besteht darin, in all diesen Meinungen die Wahrheit zu finden.

Aber ja, dann muss man doch eigentlich mit einem gewissen Training an sich selbst beginnen. Was ich in den Jahren, in denen ich Vorträge halte und sehr viel mit Menschen spreche, bemerke, ist, dass dasjenige, was ich sage, oft zu mir zurückkommt, so etwas wie: Ja, aber Mieke hat gesagt, oder so, oder jemand kommt zu mir und sagt: Du hast einmal gesagt, dass …, und was dann oft geschieht, ist, dass ich überhaupt nicht wiedererkenne, dass ich das jemals gesagt haben könnte. Ja, das sage ich dann natürlich auch, aber was ist inzwischen mit dem geschehen, was ich ursprünglich gesagt habe, und damit, wie es jetzt zu mir zurückkommt?

Dann muss ich sagen: Ja, das ist nicht wahr, was du jetzt sagst. Dann sagen sie: Ja, aber du hast es selbst gesagt. Nein, das kann nicht sein, und so weiter und so weiter.

Ich erinnere mich dann immer an eine Frage von Toon Hermans, der irgendwann zu mir sagte: Du bist Ärztin, du sitzt in deinem Sprechzimmer, du sprichst mit Menschen, hörst du auch zu, was sie sagen? Ich fand das natürlich eine etwas merkwürdige Frage. Ich denke, dass man als Arzt zumindest die Absicht hat, den Menschen zuzuhören, obwohl man, wenn man als Patient zum Arzt kommt, oft nicht das Gefühl hat, dass einem zugehört wird, aber das nur in Klammern.

Ich habe mich jedenfalls immer bemüht, den Menschen wirklich zuzuhören. Also sagte ich zu ihm: Ja, natürlich höre ich den Menschen zu, jedenfalls gebe ich mir Mühe dabei. Und dann sagte er: Nun, das sollst du nicht tun, du musst schauen.

Denn was man sieht, das ist wahr, aber was Menschen sagen, ja, da ist immer noch die Frage, ob das wahr ist. Ich hatte darüber eine etwas andere Auffassung, aber ich verstehe sehr gut, was er gemeint hat, weil man im Sprechen versucht, ein sehr kompliziertes Ganzes von Tatsachen in Worte zu fassen, während das, was einem da gegenübersitzt, ja, das ist natürlich eine Tatsache. Und das ist auch sehr kompliziert, aber das ist doch viel mehr das, was es ist.

Und so habe ich damals, als ich das Büchlein Denken lernen schrieb, auch mit der visuellen Wahrnehmung begonnen. Dass man versucht, sich nach einem Tag einmal hinzusetzen und sich bei einem Ereignis, einer Begegnung mit einem Menschen, zu fragen: Was habe ich da nun eigentlich gesehen? Später kann man auch sagen: Was habe ich gehört, und wie war dieses Hören? Aber zunächst: Was habe ich nun eigentlich gesehen? Und dann versucht man, sich ein Bild von dem zu machen, was man nun eigentlich gesehen hat.

Und das ist im Allgemeinen eine ziemlich erschütternde Erfahrung, nämlich: Außer wenn man jemand ist, der wirklich ein Genie im Wahrnehmen ist, ist es doch meistens so, dass man dann feststellen muss, dass man sehr vieles nicht gesehen hat. Hatte diese Person eine Brille auf, sah sie gesund aus oder nicht, welche Farbe hatte der Pullover oder die Jacke oder das Kleid, die er oder sie trug, wie waren die Handbewegungen, waren sie still, ruhig, oder war das sehr aufgeregt? Ein ganzer Komplex visueller Wahrnehmungen, von denen man sich selbst eingestehen muss, dass davon ein großer Teil fehlt.

Noch viel stärker ist das der Fall, wenn man dasselbe mit dem tut, was man gehört hat, dass jemand gesagt hat. Und das ist natürlich im Allgemeinen nicht so leicht festzustellen, was da inzwischen alles fehlt oder schon verändert ist, aber ein Versuch, gleichsam nachzuerzählen, was der andere gesagt hat, so genau wie möglich, ist meistens auch ein großer Misserfolg. Das muss wirklich geübt werden, man muss wirklich – oder man muss natürlich gar nichts –, aber wenn man nicht als unbewusster Lügner durchs Leben gehen will, dann muss man doch etwas an sich selbst tun, wodurch man immer mehr und mehr in die Lage kommt, dasjenige, was jemand einem erzählt, auch wirklich genau so nacherzählen zu können, wie es erzählt wurde, und nicht die eigene Interpretation davon.

Wie viel von dem, was jemand einem erzählt, entgeht einem? Sehr viel. Und so sind die Berichte von Menschen, die irgendwo gewesen sind und die beispielsweise einen Empfang mit einer Rede besucht haben, und man würde dann zwanzig Menschen fragen: Erzählt doch einmal, wie das war und was ihr gehört habt, und dann ist es erschütternd, wie unterschiedlich das ist und auch wirklich abweichend. Sehen Sie, man kann sich noch vorstellen, dass der eine einen anderen Teil hört als der andere, aber doch das hört, was wirklich gesagt wurde, aber das ist oft nicht so, es wird dann oft ergänzt durch etwas, das man aus sich selbst herausholt.

Das wird umso stärker, je länger dasjenige dauert, was man hört. Es ist bekannt, dass unsere Konzentrationskraft nicht unendlich ist, man kann von jemandem nicht verlangen, dass er anderthalb Stunden konzentriert einem Redner zuhört, das geht nicht. Dann muss man also hin und wieder seinen Fokus zerstreuen, man lässt ihn dann kurz los und dann entgeht einem also etwas.

Nichts daran zu ändern. Und dem einen entgeht dies und dem anderen entgeht das, also wenn es dann zusammenkommt, ist es im Allgemeinen doch schon wieder das Ganze, aber wenn einem ein Stück entgeht und man nicht bemerkt, dass man selbst ergänzt, was einem entgangen ist, dann bekommt man also wirklich ein verzerrtes Bild. Das ist die Unwahrheit, mit der wir fortwährend zu tun haben, hervorgebracht von uns selbst und hervorgebracht vom Mitmenschen, wodurch man dasjenige, was jemand erzählt, tatsächlich, wie Toon Hermans sagte, nicht für die absolute Wahrheit halten kann, denn wir Menschen sind dazu einfach ungeübt nicht imstande, etwas, das eine komplizierte Wahrnehmung ist, besonders wenn sie länger dauert, genau so wiederzugeben, wie sie war.

Sehen Sie, das hat man bei einem Filmchen natürlich schon. Das ist auch die große Verlockung unserer Zeit und auch eine enorme Hilfe, dass man alles aufnehmen kann. Wenn ich jetzt einen Vortrag halte, dann wird er aufgenommen, und dann kann man hinterher immer wissen, was man gesagt hat; wenn man es selbst nicht mehr wissen sollte, dann weiß das Gerät es jedenfalls noch.

Aber das war früher natürlich nicht so, da war der Vortragende, der trug die Geschichte vor, und wenn das nicht aufgenommen wurde, sondern beispielsweise durch Notizen festgehalten wurde, dann bestand doch eine sehr große Möglichkeit, dass das nicht ganz mit dem übereinstimmt, was wirklich gesagt wurde. Es gibt beispielsweise einen sehr großen Teil an Informationen darüber, was Rudolf Steiner in Privatgesprächen gesagt hat, und ja, man muss sich dabei doch immer vor Augen halten, dass da diese Privatperson dazwischensteht, die das gehört hat und die vielleicht etwas Bestimmtes hören wollte und es dann auch gehört hat, während es nicht gesagt wurde. Das sind alles gewöhnliche menschliche Prozesse.

Das hat noch nicht einmal etwas mit einer bewussten Lüge zu tun, sondern das hat mit der Tatsache zu tun, dass wir mehr oder weniger untrainiert im Leben stehen und dass wir nicht imstande sind, so ganz exakt gegenwärtig zu sein, fortwährend die Geistesgegenwart zu haben, wodurch man dasjenige, was vor einem erscheint und was man hört, was gesagt wird, exakt wiedergeben kann. Also das war etwas, das sich anschloss, dieser Gedankengang, an dasjenige, was ich das vorige Mal gesagt habe, und ich sage das jetzt, weil es doch wirklich eine Herausforderung ist, all diese gesprochenen Worte auf YouTube, Nachrichten, da haben wir es schon, was ist daran wahr, was als Nachricht gegeben wird, aber dann die Interpretationen davon, ja, das ist erst recht eine Herausforderung, bei der enormen Vielfalt, die es gibt, noch den Wald zu sehen, während man all diese Bäume sieht, das geht eigentlich einfach nicht. Und ich habe deshalb auch aufgehört, viele dieser Gespräche auf YouTube, viele dieser Äußerungen zu verfolgen, weil man wirklich nicht weiß, womit man es zu tun hat.

Ich halte mich – ich spreche natürlich auch für YouTube, das ist klar, das tue ich jetzt –, aber ich halte mich dann lieber an diese Thematik, nämlich an den Prozess der Wahrheit. Versuchen wir, ihn mehr in den Griff zu bekommen, sodass man auch im alltäglichen Leben immer mehr und mehr imstande ist, dasjenige, was sich einem darbietet, so zu nehmen, wie es ist. Und wenn man dann anderen davon erzählt, dass man es dann auch so sagen kann, wie es ist. Und dass man es nicht so sagt, wie es nicht ist. Dass man nicht diese Regel, diese uralte Regel von Aristoteles, fortwährend durchbrechen muss. Wenn man sagt, dass etwas so ist, und es ist nicht so, dann spricht man nicht die Wahrheit, und umgekehrt. Und das geht fortwährend so weiter. Man kann natürlich sagen: Nun ja, gut, du bist darin übertrieben genau. Im alltäglichen Leben gelingt es natürlich überhaupt nicht, darin immer so genau zu sein. Aber eigentlich sollten wir versuchen, in dieser Hinsicht so exakt zu werden wie die künstlichen Aufnahmen. Die tun das schon. Sie wissen ganz genau wiederzugeben, was da war, aber ohne Bewusstsein.

Gerade das Bewusstsein bringt uns davon ab. Das wollte ich meiner Darlegung über die Wahrheit noch hinzufügen. Und vielleicht gibt es das nächste Mal doch wieder etwas Neues, das dem hinzuzufügen ist.

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Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann….

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