In Bezug auf die Gedanken über Frieden und guten Willen empfing ich einige Reaktionen von Menschen, die bezweifeln, dass es noch Menschen von gutem Willen, von einer Intention, die in die Richtung des guten Willens geht, gibt. In der Bibel steht geschrieben, dass Christus die Jünger zurechtweist, als sie ihn ‚gut’ nennen. Nur der Vater ist gut! Es ist auch deutlich, dass ein Mensch nicht in diesem vollkommenen Sinn gut sein kann. Aber der Willensimpuls kann gut sein. Und wenn dies nicht so ist, kann es doch noch so werden. Ich würde also jedem, der an dem guten Willen des Menschen zweifelt, sagen wollen: Es gibt nur eine Person auf der ganzen Welt, die durch deine Versuche gut werden kann – und das bist du selbst. Was hat es für einen Sinn, die Regierung zu kritisieren, die Minister, den Ministerpräsidenten oder wen auch immer? Es hat noch nie etwas geholfen und wird es auch niemals.
In diesen heiligen Nächten müssten wir einmal den Blick nach innen richten und auf die Suche nach dem guten Willen dort gehen – und erkennen, wo dieser ungenügend ist. Wenn ich über guten Willen schreibe, denke ich überhaupt nicht an Politiker. Vielleicht beginnen manche von ihnen ihre Aufgabe mit gutem Willen, aber sie werden diesen gewiss vergessen müssen, denn sie müssen mit Kompromissen arbeiten. Guter Wille kennt keinen Kompromiss – und Politiker gehen fortwährend Kompromisse ein. Versuchen wir also einmal, selbstbewusst zu sein, und vergessen, was es alles an Übeln in der Welt gibt – und die Welt verändert sich bereits…
Das Jahr geht zuende. Indem man an Frieden denkt, kommt man zu Gedanken über die verschiedenen Nationen, die Völker. Ein selbstbewusster Mensch empfindet die Nationalität nicht als etwas Wesentliches, als etwas, um stolz darauf zu sein. Selbstverständlich ist man dankbar für bestimmte Qualitäten, die man dem Ort, wo man geboren wurde, und dem Volk, dessen Kind man ist, verdankt. Es ist deutlich, dass die Völker sich in ihrer Anlage sehr unterscheiden. Aber wir können sicher sein, dass eine bestimmte Vortrefflichkeit immer mit einer geringern Anlage auf einem anderen Gebiet einhergeht – die gerade wieder die Vortrefflichkeit einer anderen Nation ist. Als Mensch wollen wir doch zu einem ‚homo universalis’, einem ‚ganzen Menschen’ werden? Dies war in der Renaissance eines der großen Ideale. Der Mensch will entwickeln, was er noch nicht weiß oder kann. So würde die niederländische Schlichtheit sehr gut mit der deutschen Gründlichkeit, dem englischen Kosmopolitismus und ‚La douce France’ zusammengehen können, um ein paar Beispiele zu geben. Warum sollte sich das eine Volk besser fühlen als das andere? Es wäre viel schöner, wenn wir bewundern könnten, was wir noch nicht können – und dies lernen wollten.
Außerdem übersteigt ein individueller Mensch seine Nation, er müsste wirklich dieser Mensch werden wollen, der er individuell ist. Da spielt selbst das Geschlecht keine Rolle. Als menschliches Wesen gehe ich schließlich auch über mein Frau-Sein hinaus. Ich lebe in meinem weiblichen Leib, habe dessen Vor- und Nachteile – aber im inneren Leben verliere ich völlig das Bewusstsein meines Frau-Seins. Ich bin von der Notwendigkeit dieses bewussten innerlichen Lebens überzeugt, wenn wir jemals zu gutem Willen und Frieden kommen wollen. Geschlecht und Nation trennen – wahre Individualität vereint.
Wenn es uns gelingen würde, uns selbst und die Anderen als Individuen anzusehen, die es alle wert sind, dass es sie gibt, dann gäbe es auch keinen religiösen Fanatismus mehr. Es wäre nicht meine Sorge, welche Religion mein Mitmensch hat. Lass jeden glauben, was er glaubt – was geht mich das an? Das Einzige, was ich dann noch tun würde, ist, in Gedanken über den Inhalt und die Weisheit einer bestimmten Religion zu kommunizieren – ohne alle starken Gefühle, die damit einhergehen. Wie interessant ist es, von der Weisheit zu hören, die in den verschiedenen Religionen lebt – und wir könnten diese frei empfangen, insoweit wir deren Wahrheit selbst einsehen würden. Nur dieser Schutzengel der Wahrheit würde uns unterweisen, was wahr ist und was nicht. Und wir würden das Vertrauen haben, dass diese Schutzengel der Wahrheit bei allen Menschen sind…
Nicht: Jeder für sich und Gott für uns alle;
Sondern: Gott als Führer des Individuums und das Individuum in Hingabe an den Mitmenschen.

Fra Angelico: Engel in AnbetungGuter Wille Von Mieke Mosmuller



