Eine vergessene Strömung im Deutschen Geistesleben

So tritt in Johann Gottlieb Fichtes Sohn, Immanuel Hermann Fichte, ein Denker auf, der in das Geistige tiefer einzudringen versucht als sein Vater, und als Schelling und Hegel. Wer einen solchen Versuch wagt, der wird nicht nur von außen her den Widerspruch aller Ängstlichen in Weltanschauungsfragen außer ihm hören; er wird diesen Widerspruch, wenn er besonnener Denker ist, auch aus der eigenen Seele heraus deutlich wahrnehmen. Gibt es denn wirklich eine Möglichkeit, in der Menschenseele Erkenntniskräfte zu entbinden, die in Gebiete führen, aus denen die Sinne keine Anschauung geben? Was kann die Wirklichkeit solcher Gebiete verbürgen, was den Unterschied solcher Wirklichkeit von den Erzeugnissen der Phantasie und Träumerei kennzeichnen? Wer den Geist dieses Widerspruches nicht gewissermaßen wie den treuen Begleiter seiner Besonnenheit stets an seiner Seite hat, der wird mit seinen geisteswissenschaftlichen Versuchen leicht straucheln; wer ihn hat, wird in ihm einen hohen Lebenswert erkennen. – Wer sich in die Ausführungen Immanuel Hermann Fichtes einläßt, wird finden können, daß von seinen großen Vorgängern in ihn eine Geistesart übergegangen ist, die ebenso seine Schritte in das Geistgebiet kräftig macht, wie sie ihm Besonnenheit in dem angedeuteten Sinne verleiht.
Eine Prälude zur Anthroposophie

‚Die Anthropologie hat zu ihrem letzten Ziele gründliche Selbsterkenntnis des Menschen, welche nur in der erschöpfenden Anerkennung des Geistes liegt. Sie wird damit zur ‚Anthroposophie‘ erhoben. Wahrhaft gründlich oder ergründend aber, wie sich von allen Seiten erwiesen hat, kann der Menschengeist sich nicht erkennen, ohne eben damit der Gegenwart und Bewährung des göttlichen Geistes an ihm inne zu werden. Der allein genügende Standpunkt der Selbstbetrachtung ist es daher, das menschliche Selbst in dem an ihm hindurchschreitenden Wirken Gottes seine Wahrheit finden zu lassen. Indem der Mensch sich erfassen will, kann er sich nur in Gott erfassen. Denn das ist eben das greifliche Wunder, das offenbare Mysterium der göttlichen Gegenwart im Menschen, dass er, der durchaus endliche und versinnlichte, von einer begeisternden Macht ergriffen zu werden vermag, die ihn über sich selbst erhebt und ihn in seiner sinnlichen Eigenwilligkeit vernichtend, eben damit doch seines eignen Wesens sicher macht. Dass Gott sei und dass er in uns wirke, ist kein abstract verblasstes, hypothetisches Philosophem; es ist eine Tatsache, welche in jeder begeisterten, die Schranken der Selbstsucht überwindenden Erkenntnis- und Willensthat uns entgegentritt, die mitten in der Welt der Endlichkeit und Menschenschwäche ein mehr als Menschliches uns vor Augen stellt. Und dies ist auch der Gipfel des philosophischen Beweises; denn jene geistige, heiligende Macht in uns haben wir eben auch philosophisch Gott zu nennen.
Epiphanie 2018

In den heiligen Nächten kam ich bis in die spirituellen Tiefen, und nun wird meine Seele mit der Feuerkraft des Weltenwortes erfüllt, wo sonst der leere Wahn der Eigenheit lebt. Dies ist eine wahrhaftige Imagination von Epiphanias. Es ist eine Erleuchtung, die klingt.
Die Weisen aus dem Osten

‚Der Sinn, der verbunden ist mit der Kraft des menschlichen Sehnens, wie sie viele Jahrhunderte hindurch in den menschlichen Herzen Platz gegriffen hat mit dem Feste, dessen Symbolum in der neueren Zeit der Weihnachtsbaum geworden ist, dieser Sinn ist auszudrücken in den Worten, die da ertönen seit dem Beginn der Zeitrechnung, welche vom Mysterium von Golgatha ausgeht, und die sich in die Entwickelung des Erdenwesens weiter hineinverpflanzen sollen. Dieser Sinn, der durch diese Zeit hindurchleuchtet, ist verbunden mit den Worten: « Et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine.»
Weihnachten 2017

Einmal, in einer lang vergangenen Zeit, ereignete sich an einem frischen Tag in einem Land, das von hier weit entfernt ist, ein Wunder. Es lebte da ein Mädchen, das das allerschönste und lieblichste und auch gütigste Mädchen in der Welt war. Sie war so schön, dass ein schlichtes Kleid, wenn sie es trug, aussah wie bestickt mit Gold und Edelsteinen. Sie strahlte ohne es zu wissen…
Dreizehn Heilige Nächte

Dann aber kam der Augenblick, dass ein Kind in dieser Mittwinterzeit geboren wurde (da wo es auf der Erde Winter ist), am Heiligabend. Es wurde geboren um uns für immer und ewig zu schützen, in jeder Zeit der Einsamkeit der Erde und des Menschen, so lange als diese beiden zusammen leben werden. Seitdem sind die Nächte dreizehn geworden, von der Dämmerung am 24. Dezember, bis zum 6. Januar. Sie sind heilig geworden, denn Christus und Erde sind in diesen Tagen und Nächten am allernächsten zueinander.
Schluss des Aufsatzes von Rudolf Steiner über die atomistischen Begriffe

‚Wir müssen diese beiden Begriffe daher einer Diskussion unterwerfen. Die mechanische Naturerklärung bedarf zur Annahme ihrer Atomenwelt außer den in Bewegung begriffenen Atomen noch den absoluten Raum, das ist ein leeres Vakuum, und eine absolute Zeit, das ist einen unveränderlichen Maßstab des Nacheinander. Was ist aber Raum? Absolute Ausdehnung kann die einzige Antwort sein. Allein diese ist nur ein Merkmal der sinnlichen Gegenstände und, abgesehen von diesen, eine bloße Abstraktion, nur da an und mit den Gegenständen und nicht neben denselben, wie der Atomismus notwendig annehmen muß. Wenn Ausdehnung vorhanden sein soll, so muß etwas ausgedehnt sein, und dies kann nicht wieder die Ausdehnung sein. Man wird hier etwa zum Beweise der Absolutheit des Raumes den Kantischen Einfall von den beiden Handschuhen der linken und rechten Hand einwenden können. Man sagt, die Teile derselben haben doch dasselbe Verhältnis zueinander, und doch kann man beide nicht zur Deckung bringen. Daraus schließt Kant, daß das Verhältnis zum absoluten Raum ein anderes ist, dieser mithin bestehe. Viel näher liegt es aber doch anzunehmen, das Verhältnis der beiden Handschuhe zueinander sei eben derart, daß sie nicht zur Deckung gebracht werden können. Wie sollte auch ein Verhältnis zum absoluten Räume gedacht werden? Und selbst angenommen, es wäre möglich, so begründeten doch die Verhältnisse der beiden Handschuhe zum absoluten Räume erst wieder ein solches derselben zueinander. Warum sollte dies nicht ebensogut ein ursprüngliches sein können? Der Raum, abgesehen von den Dingen der Sinnenwelt, ist ein Unding. Wie der Raum nur etwas an den Gegenständen, so ist auch die Zeit nur an und mit den Prozessen der Sinnenwelt gegeben. Sie ist denselben immanent. An sich sind beide bloße Abstraktionen. Konkrete Gebilde der Sinnenwelt sind nur die sinnlichen Dinge und Prozesse. Sie stellen Begriffe und Gesetze in Form äußeren Daseins vor. Daher müssen sie in ihrer einfachsten Form Grundpfeiler der empirischen Naturlehre sein. Die einfache sinnliche Qualität und nicht das Atom, die Grundtatsache und nicht die hinterempirische Bewegung sind die Elemente derselben. Damit ist ihr eine Richtung gegeben, welche die einzig mögliche ist. Wenn man sich darauf stützt, wird man gar nicht versucht werden, von Grenzen des Erkennens zu sprechen, weil man es nicht mit Dingen zu tun hat, denen man willkürliche negative Merkmale wie übersinnlich und dergleichen beilegt, sondern mit wirklich gegebenen konkreten Gegenständen. Aus diesen Andeutungen werden sich auch für die Erkenntnistheorie wichtige Folgerungen ergeben. Vor allem steht aber fest, daß das Atom und die hinterempirische Bewegung gegen die sinnlichen Grundelemente der äußeren Erfahrung vertauscht werden müssen und fortan nicht mehr als Prinzipien der Naturlehre gelten können.‘
Das wahre Antlitz des Atoms
Das klare Denken des jungen Rudolf Steiners nimmt die relevanten Gedanken aus dem Ganzen der Gedanken über die atomistischen Begriffe (1882) und findet, dass das Atom als das einzige Prinzip der Wirklichkeit angeschaut wird. Es liegt allen materiellen und sinnlichen Qualitäten zu Grunde, hat sie aber selbst nicht. Es ist weder räumlich, noch definiert, es ist nur ein ‚etwas‘ und dieses etwas ist Grundlage und Essenz alles Seins. Würde man es kennzeichnen wollen, so könnte es ja keine Grundlage mehr sein, weil es Teil wäre von demjenigen was es bestimmen soll. Es muss also das merkmallose Etwas sein. Aber es kann auch nicht Begriff sein, denn es muss in der Wirklichkeit existieren. Das Atom soll etwas Spezielles sein, aber allgemein.
Fortsetzung des Aufsatzes über die Atomistische Begriffe von Rudolf Steiner

Man könnte dagegen etwa einwenden, daß es denn doch ganz gleichgültig sei, was unter Atom verstanden wird, man solle den Naturhistoriker ruhig damit operieren lassen – denn zu vielen Aufgaben der mathematischen Physik sind ja atomistische Vorstellungen doch vom Vorteile -; der Philosoph wisse ja schließlich doch, daß man es nicht mit einer räumlichen Realität zu tun hat, sondern mit einer Abstraktion gleich andern mathematischen Vorstellungen. Gegen die Annahme des Atomes in dieser Hinsicht sich zu wenden, wäre allerdings verfehlt. Aber darum handelt es sich nicht. Es ist den Philosophen um jenen Atomismus zu tun, dem Atom und Kausalität die einzig möglichen Triebfedern der Welt sind, der entweder alles nicht Mechanische leugnet oder doch als über unser Erkenntnisvermögen hinausgehend für unerklärlich hält. Es ist ein anderes, das Atom als bloßen Gedankenpunkt anzusehen, ein anderes, darinnen das Grundprinzip alles Daseins sehen zu wollen. Der erstere Standpunkt geht mit demselben nie über die mechanische Natur hinaus, der zweite hält alles für eine mechanische Funktion.‘
Einzig mögliche Kritik der atomistischen Begriffe. Besprechung 3. Teil

Wenn wir diese Sätze vergleichen mit den Sätzen aus Rudolf Steiners spätem Leben, den Sätzen, die er Leitsätze genannt hat, dann finden wir die Umgestaltung, die spirituelle Bedeutung dieser frühen Sätze. Wir sehen dann, dass die sinnlich wahrnehmbare Natur Abbild der göttlich-geistigen Wesenheit ist, eine nicht mehr lebendige Welt. Darin lebt der Mensch als eine Wesenheit, die in seiner Intelligenz die lebendige Gott-Durchdrungenheit noch haben kann. Ein Bild eines Kosmos entsteht, das ganz unlebendig und Gott-leer ist, in dem aber der von Gott durchdrungene Mensch lebt, der diese Gott-Durchdrungenheit in ein lebendiges Verhältnis mit dem Kosmos bringen kann. Das ist die Spiritualisierung der Gedanken aus dem Aufsatz, den wir hier besprechen: ‚Einzig mögliche Kritik der atomistischen Begriffe‘ aus 1882. Die Sinnesobjekte sind Form, die äußerlich erscheint, der ursprünglich lebendig göttlich-geistigen Intelligenz, die im Menschen innerlich da ist, aber in abgeschatteter Form. Michaelisch ist, dass diese Gedanken-Schatten in der ursprünglich lebendigen Art erfasst werden, wodurch diese Lebendigkeit dem Kosmos zurückgegeben wird. Sieht man im Objekt das Wesentliche, ist man Ahriman verfallen. Sieht man im Begriff das Wesentliche, so findet man den Anschluss an Michael, den Gedankenfürsten.