Nachsommer

Zwei Sprüche aus dem Seelenkalender von Rudolf Steiner:
Das Geistgeschenk im Innern der Seele kann jetzt immer klarer empfunden werden, und ich kann fühlen, wie es immer mehr wächst und fruchtet, wie es mich mir gibt, während es stärker wird. Es ist nicht das Denken, das diese Macht erkennt, auch ist es nicht das alltägliche Gefühl. Es ist Intuition, es ist eine Ahnung die im Innern webt, es ist eine Wirklichkeit, die da lichtvoll tätig ist und die Macht der Selbstheit zum Reifen bringt.

Die Substanz des Denkens

Als Grundlage der Geisteswissenschaft sollten wir zur Substanz des Denkens kommen. Die täglichen Gedanken, auch die wissenschaftlichen Gedanken, sind nur Bilder – wahr oder nicht, richtig oder falsch. Dies ist das Merkmal des intellektuellen Denkens. Wir brauchen diesen Begriff „Denken“ nicht weiter zu unterscheiden. Jeder Gedanke ist ein Bild, und es hat kein Sein. Deshalb ist lügen so leicht, weil die Lügen nicht zu sein scheinen. Man kann denken und sagen, was passt, was uns gut gefällt. Das Denken hat keine Substanz, keine ‚Materie‘, es erzeugt Bilder.

Aristoteles durch Fichte ergänzt

‚Aristoteles kann hier durch Fichte ergänzt werden. Im Sinne des Aristoteles kann man zunächst zu der Formel kommen: Alles, was um uns herum ist, auch das, was unsichtbaren Welten angehört, macht es notwendig, daß wir dem Formalen der Wirklichkeit ein Materielles entgegensetzen. Für Aristoteles ist nun der Gottesbegriff eine reine Aktualität, ein reiner Akt, das heißt, ein solcher Akt, bei dem die Aktualität, also die Formgebung, zugleich die Kraft hat, ihre eigene Wirklichkeit hervorzubringen, nicht etwas zu sein, dem die Materie entgegensteht, sondern etwas, das in ihrer reinen Tätigkeit zugleich selbst die volle Wirklichkeit ist.

Die Materie des Geistes

Wenn man aus der bloßen Logik heraus, nach der ja die moderne Menschheit strebt, sich seine Gedanken selber macht, so ist man dadurch mit seinem Bewußtsein an den physischen Leib gebunden. Nicht, als ob die Gedanken selber aus diesem physischen Leib er-stünden. Das ist natürlich durchaus nicht der Fall, aber die Kräfte, die in diesen Gedanken wirken, werden dem modernen Menschen nicht bewußt. Er lernt die Gedanken gar nicht in ihrer wahren Wesenheit kennen. Alle Gedanken, die der moderne Mensch schon in der Schule empfängt durch das, was ihm als populäre Wissenschaft übermittelt wird, was in der populären Literatur enthalten ist, alle diese Gedanken sind ihrer eigentlichen Substanz nach, dem nach, was in ihnen lebt, dem modernen Menschen unbekannt. Er kennt sie nur als Spiegelbilder. Der physische Leib ist der Spiegel, und der Mensch lernt nicht erkennen, was in seinen Gedanken eigentlich lebt, sondern er lernt nur das erkennen, was ihm der physische Leib von diesen Gedanken zurückspiegelt. Denn würde der Mensch sich hineinleben in diese Gedanken, dann würde er das vorirdische Dasein wahrnehmen können. Das kann er nicht. Der moderne Mensch kann das vorirdische Dasein nicht wahrnehmen, weil er gar nicht in der Substanz seiner Gedanken, sondern nur in den Gedankenspiegelbildern lebt. Sie sind keine Realitäten, diese Gedanken.

Ausführen des Denkens

Gedanken sind Reflexionen, sie ,fallen in das Bewusstsein’, sie werden nicht ausgeführt. Wenn ein Schauspieler seine Rolle auswendig lernt, hat er viele Gedanken in seinem Geist. Aber dann beginnen die Repetitionen, und was zunächst Gedanken waren, muss nun ausgeführt werden. Wir müssen Akteure in der Welt des Denkens selbst werden – und eine Meditation wie die von voriger Woche ist eine Art Repetition, um einem eine echte Leistung zu werden. Das ist die ,Rolle’, ich wiederhole das Zitat:

Denken und Zeit

Es ist wichtig, zu unterscheiden zwischen Gedanken mit Willen und dem Bringen von Willen in die Gedanken. Es gibt zwei miteinander zusammenhängende Meditationen, die Rudolf Steiner gegeben hat.

Das abstrakte Denken

Es ist also an der Zeit, in unseren Gedanken zu erwachen. Natürlich ,sehen’ wir sie. Wir wissen, was wir denken. Aber wir sehen sie als Bilder, die zwar viel mit uns zu tun haben, die aber auch außerhalb unseres Willens da zu sein scheinen. Und wenn wir wirklich beginnen, zu denken, wenn wir Gedanken, Begriffe und Zusammenhänge formen, dann sind wir noch immer außerhalb der Gedanken. Darum nennt Rudolf Steiner Gedanken Leichen, tote Leichname, geistreiche Strukturen ohne eine lebende Seele darinnen. Sie sind da, aber es ist niemand zuhause. Jeder lebt außerhalb.

Denken mit Willenskraft

‚Die Menschen nehmen Anthroposophie auf, nehmen sie zunächst so auf, wie der moderne Mensch es gewöhnt ist, nach Art des passiven Denkens. Man kann sie ja verstehen, wenn der Menschenverstand nur gesund ist, man braucht nicht einen bloßen Glauben anzuwenden. Wenn der Menschenverstand bloß gesund ist, kann man die Gedanken verstehen. Aber man lebt dennoch passiv in ihnen, wie man in den äußeren Naturgedanken passiv lebt. Dann kommt man und sagt: Ja, ich habe diese Gedanken von anthroposophischer Forschung her, ich kann aber selbst nicht für sie eintreten, denn ich habe sie bloß aufgenommen -, wie es manchem heute zu sagen beliebt: Ich habe sie aufgenommen von geisteswissenschaftlicher Seite. – Wir hören das ja so oftmals betonen: die Naturwissenschaft sagt das, und wir hören dann das oder jenes von geisteswissenschaftlicher Seite. Was bezeugt das, wenn jemand sagt, ich höre das von geisteswissenschaft-licher Seite her? Das heißt, er weist darauf hin, daß er im passiven Denken verharrt, daß er auch die Geisteswissenschaft nur im passiven Denken aufnehmen will. Denn in dem Momente, wo er sich entschließt, die Gedanken, die ihm die anthroposophische Forschung überliefert, selbst in sich zu erzeugen, wird er auch imstande, mit seiner ganzen Persönlichkeit für ihre Wahrheit einzutreten, denn er erlebt dadurch die erste Stufe ihrer Wahrheit.

Gedanken und Denken

Gedanken kommen und gehen, sie füllen das Bewusstsein den ganzen Tag hindurch. Wenn wir Wissen erwerben wollen, wenden wir ein wenig mehr Konzentration, Andacht und Willenskraft auf. Aber wirkliches Denken ist noch etwas anderes. Wissen erwerben wir durch das intellektuelle Denken. In unserer westlichen Kultur scheinen wir geboren und erzogen worden zu sein, um intellektuelle Denker zu werden. Rudolf Steiner weist darauf hin, dass wir durch dieses intellektuelle Denken während des Tages nachts im Nichts leben.

Metamorphose des Denkens II

Es kann eine tragische Entdeckung im Leben werden, wie passiv wir modernen Menschen in unserem inneren Leben sind. Der Körper kann natürlich auch passiv sein, aber nichts ist mit der Passivität des inneren Lebens zu vergleichen. In einem witzigen Vergleich schilderte Rudolf Steiner den Lehrern der Waldorfschule einmal das Folgende: