Wie können wir in der Welt, wie sie ist, im Gleichgewicht leben?

In einem Kommentar auf den Text der vorigen Woche wurde die folgende Frage gestellt: Wahrnehmen des Denkens ist also das, was das Gleichgewicht zwischen Sinneswahrnehmung und gewöhnlichem Denken bringt. Gibt es eine Art und Weise, auf diese Weise im äußeren Leben aktiv zu sein? Also aktiv in äußeren Handlungen, wo die Wahrnehmung und das gewöhnliche Denken ein unvermeidlicher Teil des äußeren Beschäftigtseins mit allen möglichen Kleinigkeiten sind?
Eine Reflexion auf das Böse

In den zurückliegenden Monaten habe ich mehrere religiöse und philosophische Gedanken zitiert, wie sie im Verlauf vieler Jahrhunderte aufgeschrieben worden sind. Wenn wir die Möglichkeit hätten, im selben Moment alles gleichzeitig zu denken, würden wir wahrscheinlich eine vollständige Idee des Bösen in seinem Wesen haben, und wir würden auch eine Vorstellung haben, wie die Anschauungen in Bezug auf das Böse sich im Lauf der Zeit verändert haben. Aber wir können nur eines nach dem anderen denken, nicht alles zugleich. Das Ganze, das übersichtliche Bild bleibt ein Geheimnis.
Die Seele, das Ich und der Geist

Der Mensch ist nicht nur mit einer Seele begabt, er hat auch eine andere Instanz, ein Wesensglied, das auf Erden entwickelt werden muss, das noch ,jung’ ist, das aber zugleich auch eine Instanz ist, die urteilen und formen kann. Diese Instanz kann das ,Ich’ genannt werden, aber nur, wenn wir es nicht mit dem vornehmlich egoistischen ,Ich’ vermischen, das ein Teil der Seele ist. Das ,Ich’, das hier gemeint ist, ist noch nicht das höhere Selbst, aber es ist auch nicht das niedere Selbst. Es ist das Wesen, das sich von der Seele lösen kann und ein reines Denken formen kann, das aus der Seele kommt, das aber auch ein innerer Zuschauer ist, ein Denken des Gedankens an sich, und eine Macht, die aus diesem selbstbewussten Denken entsteht, das sich zur Seele umdrehen und sie so formen kann, dass sie sich verändert.
Die Seele

Worte haben viele verschiedene Bedeutungen und Konnotationen. Ich will versuchen, die Bedeutung des Wortes ‚Seele’ zu geben, wie ich es verwende. Im Leben auf Erden haben wir ein klares Bewusstsein von dem Sein unseres Leibes – solange wir nicht schlafen. Sogar wenn ich niemals philosophische Überlegungen anstelle, weiß ich von meinem Sein als einem lebenden Leib. Wenn ich wirklich nichts anderes als dieses Wissen habe, muss ich den Tod meines geliebten Leibes fürchten – weil es das Ende von mir bedeuten wird. Es bleibt jedoch ein ungelöstes Rätsel, woher mein bewusstes Wissen kommt, und wenn ich der Wissenschaft diese Frage stelle, werde ich keine klaren Antworten bekommen. Ich selbst hatte einmal eine Podiumsdiskussion mit einem Professor an der Universität, der behauptete, das menschliche Bewusstsein unterscheide sich nicht von dem ,Bewusstsein’ eines Computers oder Roboters. Das Einzige, was ein Mensch dann wäre, wäre ein schicker Körper mit einem schlauen Gehirn. Techniker würden dann also versuchen, diese Schlauheit zu ,lesen’ und sie so perfekt wie möglich zu kopieren – und diese Perfektion wäre dann nur eine Frage der Zeit. In dieser Vorstellung des Menschen ist kein Platz für eine Seele, sie macht keinerlei Sinn.
Was die Engel in unserer Seele tun

Die Menschen können sich sträuben, anzuerkennen, daß Engel in ihnen Zukunftsideale auslösen wollen, aber es ist doch so. Und zwar wirkt ein ganz bestimmter Grundsatz bei dieser Bilderformung der Angeloi. Es wirkt der Grundsatz, daß in der Zukunft kein Mensch Ruhe haben soll im Genusse von Glück, wenn andere neben ihm unglücklich sind. Es herrscht ein gewisser Impuls absolutester Brüderlichkeit, absolutester Vereinheitlichung des Menschengeschlechtes, richtig verstandener Brüderlichkeit mit Bezug auf die sozialen Zustände im physischen Leben. Das ist das eine, der eine Gesichtspunkt, nach dem wir sehen, daß die Angeloi die Bilder im menschlichen astralischen Leibe formen.
Nietzsche und das Böse

Das Böse ist für Nietzsche alles, was die Kräfte des Menschen schwächt, alles was er nicht aus seinem Instinkt heraus, sondern unter fremden Zwang denkt oder tut. Wenn der Mensch gedeiht, so waltet das Gute. Durch diese Ansicht entsteht Nietzsches Bild des Übermenschen, der wenn man ihn nicht differenziert versteht, zugleich ein Unmensch sein kann, ein Mensch, der nur für sich und sein eigenes Wohl lebt, und keine Ahnung von anderen Menschen und ihren Interessen hat. Rudolf Steiner hat das Positive des Übermenschen dargestellt, und es auch vom negativen Aspekt klar unterschieden.
Die Idee des Bösen bei Solovjov and Tolstoi

In den Reflexionen über das Böse habe ich Zitaten aus der Arbeiten der verschiedenen Autoren gegeben, und Zitate von Rudolf Steiner. In der nächsten Woche werde ich diese Reflexionen abschließen mit einer Betrachtung der Idee des Bösen bei Nietzsche. Dann aber werde ich die Frage noch mal aufnehmen: Was tut der Engel in unserer Seele? Webt er moralische Intuitionen?
Luther – spirituell angeschaut

‚Aber dennoch: niemand kann Luther recht verstehen, der nicht weiß, daß die Bewußtseinserfassung dessen, was man aus dem Geiste seiner Zeit heraus den Teufel nennt, wir nennen es heute Ahriman und Luzifer, für ihn wirkliche geistige Erlebnisse sind, nicht bloß an der einen Stelle auf der Wartburg, sondern überall, wo Luther von diesen Dingen spricht. Suchen Sie nur einmal diese Dinge im Zusammenhange aufzufassen, Sie können nicht anders, als zu der Überzeugung kommen: So spricht nur ein Mensch von dem Teufel, der ihn gesehen hat, der ihn geschaut hat, und der da weiß: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.»‘
Das Böse bei Luther

Wir müssen auch auf das Übel, dass diese bösen und uns feindlichen Menschen erfahren, achten, uns daran nicht erfreuen, sondern Mitleid mit ihnen haben. Sie sind darin unglücklicher als wir, da sie außerhalb jener geistigen Gemeinschaft leben, in der wir uns durch Gottes Gnade im Glauben befinden, sodass das Übel, das wir erleiden, nicht zu vergleichen ist mit dem ihren. Sie sind doch in ihren Sünden und ihrem Unglauben in den Stricken des Teufels und seiner Sklaven gefangen. Wenn wir dies bedenken, wie groß wird dann Gottes Güte über uns, die wir in seinem Dienst, durch den Glauben angesichts der kleinen äußerlichen Beschwerden, so mild schmecken dürfen. Wahrhaftig, diese Unseligkeit unserer Feinde und der bösen Menschen muss einem gottesfürchtigen Herz so leid tun und es so bekümmern, dass es sein eigenes Leiden für nichts erachtet. Ja, der Mensch muss sich dadurch bewegen lassen, für sie zu bitten und so zu handeln, wie Christus gehandelt hat, seinen eigenen Schmerz, Recht und Unschuld zu vergessen und nur besorgt zu sein, wie er seine Feinde von dieser Drangsal befreien kann, durch die sie viel schwerer gefoltert werden, als er selbst je durch sein körperliches Leiden bedrückt werden kann.
Thomas von Aquin und das Böse

‚Das Schlechte ist nämlich, wie gesagt (III, 6), nichts anderes als die Privation dessen, auf dessen Besitz man von Natur aus angelegt ist und das man haben muß. So ist bei allen der Gebrauch des Wortes ‚Schlechtes‘. Die Privation ist aber kein Wesen, sondern sie ist ‚eine Negation in der Substanz‘ (Aristoteles). Das Schlechte ist also kein Wesen in den Dingen.‘ (ScG, III, Kap. 7)