Reines Denken

Warum sollten wir ein reines Denken entwickeln wollen? Weil wir hier unmittelbar ein spirituelles Denken finden. Es ist keine Theorie, wir können wirklich fühlen, dass der Körper nicht mehr mitspricht, dass es der Geist ist, der denkt, ohne jede Wahrnehmung des Leibes. Wir brauchen keine philosophischen, keine wissenschaftlichen Theorien, um zu beweisen, dass der Geist existiert – er ist eine Erfahrung geworden.

Der Wert des Denkens

Wenn wir morgens wach werden, aus dem Schlaf kommend, vielleicht einen Traum passierend, dann werden wir uns bewusst, dass es eine Welt um uns herum gibt, und wir werden uns bewusst, dass wir selbst da sind. Wir werden nicht nur durch die Sinneswahrnehmung wach; unsere Sinneswahrnehmungen sind immer von Gedanken durchdrungen. Wenn das nicht so wäre, würden wir zwar sehen, hören, fühlen und so weiter, aber wir würden nicht wissen, was wir sehen, hören, fühlen… Das wissende Bewusstsein ist unser wacher Zustand. Dennoch sind wir nicht ganz wach, denn das assoziative Denken vermischt sich unmittelbar mit dem reinen Denken in den Sinnen. Dies sind die Urteile, Erinnerungen, Sympathien und Antipathien, Gedanken über das, was wir getan haben, was wir tun werden – und so weiter. Wir würden sehr viel gewinnen, wenn wir diese Gedanken zum Schweigen bringen könnten und nur reine Gedanken denken könnten, die auf der Wahrnehmung mit den Sinnen beruhen. Wir würden noch immer einen Schleier über der geistigen Welt haben, aber wir würden rein menschlich sein, mit einem in aller Reinheit in der Sinneswahrnehmung lebenden Begriffsdenken. Wir würden den Wert des Denkens erkenne, die Schönheit des Denkens, die Schönheit der Welt und des Selbst.

Sozialer Pessimismus

In den vorhergehenden Texten habe ich von einem optimistischen Gesichtspunkt aus die sozialen Verhältnisse beschrieben. Es ist eine idealistische, aber auch eine realistische Möglichkeit, um wahrhaftige Liebe zwischen den Menschen zu entwickeln. Aber es ist natürlich ebenso gut möglich, einen pessimistischen Standpunkt einzunehmen und Finsternis in dem sozialen Zustand zu sehen, den man global wahrnimmt. Innerlich können wir sehr gut fühlen, dass wir das Talent haben, als Menschen in Brüderlichkeit, in Gleichheit und in Freiheit neben- und miteinander zu leben. Aber wir sehen natürlich sehr wohl, dass dieses innerlich gefühlte Ideal gewiss nicht äußerlich realisiert wird. Das Leben des Alltags liefert allerlei Geschehnisse, die es unmöglich machen, die ruhige Seele zu bewahren, die für diese Verwirklichung nötig ist. Warum verfinstern diese alltäglichen Geschehnisse unsere Ideale?

Das dreifache spirituelle Ideal des Menschen

Das menschliche Ich ist der Geist auf Erden, es ist das einzige spirituelle Wesen, das jeder Mensch in sich trägt und das mit den Fähigkeiten des Willens, des Gefühls und des Denkens des Alltags erkannt werden kann. Es kann sowohl im eigenen Ich als auch in dem des Anderen erkannt werden. So hat jeder Mensch eine spirituelle Art des Erkennens, auch wenn er der überzeugteste Materialist ist. Der Unterschied zwischen einem Materialisten und jemandem mit einer spirituellen Überzeugung ist die Tatsache, dass der Materialist ganz vergessen hat, dass sein Ich eine spirituelle Entität ist, während der spirituelle Denker dies noch weiß.

Barmherzigen Samariters

Als Erstes Weltkrieg wurde Rudolf Steiner gefragt, ob er den Krankenschwestern und Pflegern der Verwundeten Rat geben könne. Er gab damals einen Kurs, der den Titel ‚Samariter-Kurs’ bekam. In diesem Kurs gab er einen Spruch, der ausdrückt, was die Hauptsache ist.

Vertrauen

Aber was geschieht, wenn ich Auge in Auge einem Flüchtling gegenüberstehe? Er oder sie ist auch ein ‚Ich’, ist ein menschliches Wesen, wie ich eines bin. Es gibt genug Filme und Bücher, um in Erzählform zu erleben, in welche Not Flüchtlinge geraten – nicht zuletzt, weil sie von Menschen verraten werden, denen sie unterwegs begegnen. Was, wenn ich einem Flüchtling auf seinem Weg in die vorgestellte Sicherheit begegne? Was, wenn ich alle ethnischen, ökonomischen, religiösen, politischen Theorien vergesse und wenn ich nur konfrontiert bin mit diesem Ich, das mir gegenübersteht?

Das goldene Gewebe der Liebe…

Es gibt eine großartige Legende, erzählt von Selma Lagerlöf in dem Buch ‚Christuslegenden’, Die Kerzenflamme. Francesca heiratet in Florenz im Mittelalter ihren Geliebten Rainiero di Rainieri, sie lieben einander sehr. Es ist die Zeit der Kreuzzüge. Aber Rainiero ist ein Prahlhans, und er denkt nicht viel nach über die moralischen Aspekte seiner Taten. Dadurch tut er seiner Geliebten wieder und wieder Leid an. Am Anfang vergibt sie ihm, denn sie liebt ihn so sehr. Dann aber bekommt sie Imaginationen von ihrer Liebe, die sie als ein goldenes strahlendes Gewebe schaut, und sie sieht, dass dieses nicht unendlich ist. Jedesmal, wenn Rainiero ihre Gefühle verletzt, ist ein kleines Stückchen Stoff verschwunden, das Gewebe wird kleiner und kleiner. Sie bekommt Angst, dass ihre Liebe völlig verschwinden wird, und sie verlässt Rainiero, damit das nicht geschieht. Sie kehrt zu ihrem Vater zurück.

Sozialer Optimismus

Liebe ist: immer wieder von neuem beginnen, ohne Erinnerung an all den Schmerz, der gewesen ist, immer wieder alle Sorgen und alles Leid vergessen – einfach von neuem anfangen, mit all dem Optimismus des jungen Kindes und der Weisheit des alten weisen Mannes oder der alten weisen Frau… Die Ehrfurcht, die Verwunderung, das offene Fragen, während man hört und schaut, das absolute Vertrauen in die Erfüllung der höchsten Liebe, die zwischen Menschen möglich ist, sind die Instrumente, um der Substanz Form zu geben. So wächst ein unüberwindlicher sozialer Optimismus – weil alle Erfahrungen im Leben, die diesem Optimismus widersprechen, dennoch nie zu Pessimismus führen. In jedem Moment entsteht eine neue Gelegenheit – der man mit Ehrfurcht, Verwunderung, offenem Fragen und absolut optimistischem Vertrauen begegnet.

Soziale Kunst

Wie würde ein soziales Zusammenleben, das auf spirituellen Einsichten basiert, aussehen? Es wäre eine soziale Kunst. Das Material, das diese Kunst verwendet, wäre die Begegnung. Das wahrhaftige Gespräch, aber auch die schweigende Begegnung. Dies ist ein spirituelles Medium, das zwischen Menschen wirkt. Es kann auf eine künstlerische Weise eingesetzt werden.

Innere Aktivität

Wenn immer wir aktiv werden wollen, müssen wir unseren Willen einsetzen. Für das Wesen des Wollens macht es keinen Unterschied, ob diese Aktivität durch einen persönlichen Wunsch oder ein Gebot zustande kommt. ‚Wollen‘ bezeichnet hier aktiv werden. Das Wollen ist in noch viel stärkerem Maße Kraft als das Fühlen. Die Kraft des Wollens verdichtet sich hier zu meinem Wesen, und ich nenne dieses Wesen ‚Ich‘. Ich erlebe jede Handlung, die ich ausführe, als meine ureigene Aktivität. Ich selber muß meinen Körper zur Aktivität anregen, sei es auch mit Widerwillen, wenn ich zur Arbeit gezwungen werde. Das Resultat der Aktivität ist immer mein Werk.