Das Märchen von Goethe

Am Samstag den 13. Dezember presentierten wir in Amsterdam eine Übersetzung von Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Goethe schildert hier in wunderbaren Imaginationen die innerlichen Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein. Ich zitiere hier eine Imagination:

Finden, ohne zu suchen

In Parzivals Suche sehen wir die Notwendigkeit, den Weg der Mitte zu finden, mitten zwischen den Gegensätzen. Von seiner Natur aus hätte er bestimmt sehr viele, zu viele Fragen gestellt. Durch die Erziehung zum Ritter, hat er gelernt, zu überlegen – und fragt überhaupt nicht. So verfehlt er seine Aufgabe. Er hat keine Sehnsucht nach dem Gral, er weiß gar nichts davon und hat die Burg überhaupt nicht gesucht. Doch obwohl er nicht sucht, findet er sie dennoch. Während er nach dem Gral blickt, ist er verwundert, doch nicht genügend, um nach der Bedeutung zu fragen.

Die Burg des Fischerkönigs

Die Burg ist ein Bild für die Höhle, in der der ‘verwundete Mensch’ bleibt, es scheint eine Imagination des menschlichen Schädels zu sein. Darin wohnt der Fischerkönig, le roi pecheur, dieser verwundete Mensch, und sein Vater, der von der Hostie lebt. Darin findet man das Bild für den menschlichen Gegensatz: der verwundete Mensch und der reine Mensch. Parzival kommt während seiner Reisen versehentlich zu der Burg, der man sich nicht zu nähern vermag. Er hat den Weg nicht gesucht, die Burg nicht gesucht, sondern findet sie. Er wird eingeladen, an dem Mahl teilzunehmen. Er sieht ein Gefolge hereinkommen, eine schöne Jungfrau trägt eine goldene, mit Edelsteinen besetzte Schale, ‘einen Gral’. Darin liegt eine Hostie für den alten Vater, den man nicht sieht. Auch eine blutende Lanze wird in dem Gefolge getragen.

Plato, Die Allegorie von der Grotte

Aber wenn er nun, während sein Blick noch verdunkelt wäre, wiederum im Erraten jener Schattenwelt mit jenen ewig Gefangenen wetteifern sollte, und zwar ehe seine Augen wieder zurechtgekommen wären – und die zu dieser Gewöhnung erforderliche Zeit dürfte nicht ganz klein sein –: würde er da nicht ein Gelächter veranlassen, und würde es nicht von ihm heißen, weil er hinaufgegangen wäre, sei er mit verdorbenen Augen zurückgekommen, und es sei nicht der Mühe wert, nur den Versuch zu machen, hinaufzugehen? Und wenn er sich gar erst unterstände, sie zu entfesseln und hinaufzuführen, – würden sie ihn nicht ermorden, wenn sie ihn in die Hände bekommen und ermorden könnten?

Das objektive Ich

Mit einiger Mühe wird jeder das objektive Ich in sich finden können. Es weiß, was gut ist, was wahr ist, was geliebt werden müsste – aber es spricht nicht laut genug. Es liegt begraben unter Mode, Trends, Wissen von allerlei Art – und es lässt sich nicht so einfach ausgraben. Wir müssen einen Punkt finden, wo es immer zu finden ist, bei jedem, der dies will, ohne Ausnahme.

Wie subjektiv ist das ‚Ich‘?

Wenn man sich in das Phänomen des menschlichen Ich vertieft, tritt unmittelbar die Frage auf, wie man dieses Ich dann untersuchen soll. Wissenschaftlich kann eine Untersuchung nur dann sein, wenn sie einen objektiven Charakter hat. Das Ich ist das Subjekt selbst, also kann es eigentlich nicht untersucht werden – außer in allgemeinem Sinne. Doch das ist unsinnig, denn das Merkmal des Ich ist nun gerade das vollständig Individuelle. Das würde bedeuten, dass eine Untersuchung des Ich unmöglich ist, weil sie einerseits immer subjektiv sein wird, anderseits subjektiv sein muss.

Prozess und Einsicht

Wichtig jedoch wäre es, dass der Mensch wirklich aus Einsicht auch darüber entscheiden könnte: Ein Mensch hat das Vermögen zur Einsicht; ein Computer, wie komplex auch immer, kann zu scheinbar unnachahmlichen intellektuellen Leistungen gebracht werden – Einsicht wird der Apparat nicht haben können, auch nicht mit „Biochips“, oder was die Zukunft noch alles verborgen hält. Warum nicht? Einsicht beruht nicht auf einer Prozedur, einem Prozess, sondern sie ist eine gnadenvolle Öffnung für den Geist, eine „Epiphanie“. Jeder Einsicht, sei sie noch so einfach, übersteigt jede Prozedur, auch wenn sie aus einer solchen hervorgeht. Einsicht ist Intuition des Geistes. Und das Werkzeug des Geistes ist das „ICH“.

Ich bin und die DNA ist

Während ich über die Untersuchung der DNA nachdachte, traf mich eine Ähnlichkeit zwischen der Vagheit des Wissens über das eigene „ich“ und des Wissens über die eigene DNA – doch zugleich traf mich auch ein großer Unterschied.

Das ‚Ich‘ und die DNA

Wenn man diese Wahrnehmung des eigenen Ich in Zusammenhang mit einer biologisch-wissenschaftlichen Theorie des menschlichen Körpers zu bringen versucht, dann würde es darauf hinauslaufen, dass man eine Art von Algorithmus – das heißt eine Programmierung dieser Totalität, dieser komplizierten organischen, psychologisch-geistigen Entität, die man ist – in den Genen finden könnte. Genauer gesagt: in der Struktur der DNA.

Die Bedeutung des ‚Ich‘

Das Wort ‚ich‘ wird natürlich überhaupt nicht immer bewusst verwendet. Man gebraucht es als eine Art Reflex, auch in seinem innerlichen Gedankenleben. Doch dem zugrunde liegt natürlich dennoch eine Gewahrwerdung, worauf das ‚Ich-Sagen‘ beruht. Es ist für die Lebenseinstellung von großem Belang, welche Bedeutung man dem ‚ich‘ gibt.