Das ICH und der Egoismus

Wenn man sich in die Bedeutung des Ich zu vertiefen beginnt, dann zeigt es sich, dass viele sich ausschließende Auffassungen darüber bestehen. Hinzu kommt noch, dass dem Wort „Ich“ das ursprüngliche lateinische „Ego“ anhaftet und dass die meisten Menschen „Egoismus“ nicht als eine schöne Eigenschaft ansehen.

Adam Kadmon

Der Mensch, der auf Erden lebt, nach der Austreibung aus dem Paradies, hat drei göttliche Eigenschaften verloren. Adam Kadmon stand durch diese drei Eigenschaften neben Gott, es sind: Weisheit, Herrlichkeit und Unsterblichkeit. Adam Kadmon stieg aus dem Göttlichen Haupt auf. Er ist von Gott nicht zu unterscheiden, ist jedoch zugleich neben Gott anwesend, als Schöpfung der Welt. Hier finden wir ein Gleichnis mit dem Beginn des Evangeliums nach Johannes, wo gesagt wird, dass das Wort, durch das alles geworden ist, bei Gott war und dass es Gott war.

Zarathustra

In der esoterischen Tradition wird die wirkliche, ursprüngliche Inkarnation Zarathustras viel früher gesehen, nämlich fünf- bis sechstausend Jahre vor Christus. Die spätere bekannte Inkarnation Zarathustras muss dann als eine schwächere Wiederholung der ursprünglichen Größe betrachtet werden. In der ursprünglichen Lehre brachte Zarathustra der Menschheit die Einsicht, dass die Natur die Neigung in sich trägt, alles allmählich auf einen niedereren Plan zu bringen. Eine langsame Dekadenz kommt aus den Kräften der Natur heraus zustande. Damit ist ein Wesen verbunden, das ‚Ahriman’ genannt wird. Doch der Mensch trägt in sich eine Kraft, um gerade in sich selbst immer höhere Stufen zu erreichen, und während er dies tut, bringt er auch die Natur auf einen höheren Plan. So kann er das wilde Tier zum Beispiel von seiner Wildheit befreien. Dieses Vermögen kommt auch von einem Wesen, das von Zarathustra ‚Große Aura’ genannt wird, Ahura Mazdao. Der Mensch ist in diesen Dualismus hineinversetzt.

Weisheit und Sachverstand

Fähigkeiten beim Menschen sind viel universeller, sie existieren als Anlage, einen bestimmten Sachverstand zu entwickeln. Ein Konzertviolinist ist mit einer Anlage geboren, Violine zu spielen. Aber er könnte auch alt werden, ohne je dieser Konzertviolinist geworden zu sein. Die Anlage muss im Leben entwickelt werden, durch hartes Studium und Übung. Eine Biene braucht nicht zu üben.

Schöpferische Weisheit

In meiner Anschauung ist Krishna die Imagination des Vermögens, weise zu werden, eine Weisheit, die schöpferische Kraft hat. Ich sehe diese Weisheit als eine Gabe, die in der alten, vorchristlichen Zeit noch eine unpersönliche göttliche Gabe war, als Gottmensch Arjuna, dem Krieger, erscheinend. Durch die Gabe von Christus, dem “Menschensohn”, der auf die Erde kam, durch den Tod und die Auferstehung ging, ist diese Gabe nun persönlich zu erwerben. In Krishna sehen wir diese Gabe, dieses Vermögen, in einem menschlichen Wesen, das sich als ein übermenschliches Wesen erweist, dem Menschen gegenübergestellt. In diesem Bild steht Krishna Arjuna gegenüber, er ist kein eigenes Vermögen von Arjuna, sondern steht ihm in seiner ganzen Glorie gegenüber. Arjuna kennt Krishna im gewöhnlichen Leben als seinen Freund und Lehrer, nun wird ihm sein wahres Wesen offenbart. Was wir hier als Offenbarung kennen lernen, können wir als eine Möglichkeit ansehen lernen, die in jedem Menschen schlummert. Diese Möglichkeit kann in jedem zur Verwirklichung kommen, der aus Freiheit die ersten Schritte auf dem Weg zu ihrer künftigen Verwirklichung setzt. Arjuna hat sich selbst gegenüber dasjenige, was wir in uns als schlummernde Kapazität haben.

Intellektuelle Bescheidenheit

Man kann sich vorstellen, dass ein Wissenschaftler wie Richard Feynman diese Bescheidenheit bezüglich der menschlcihen Möglichkeiten, etwas zu wissen, entwickelt hat, weil er ehrlich erfahren hat, wie wenig sein Wissen während eines ganzen Lebens zugenommen hat. Bei ihm haben die Ehrfurcht und das Mysterium, die er in Bezug auf die Großartigkeit der Natur immer mehr empfand, nicht zu einem Glauben an Gott geführt. Im Gegenteil, es machte ihm diesen Glauben sehr schwer oder sogar unmöglich. Man kann das sehr gut verstehen. Das Sammeln von Wissen in der Physik macht die Kluft zwischen dem menschlichen Vermögen zu verstehen und der wirklichen Struktur der Natur tiefer und breiter, statt eine Brücke zu schlagen.

Glaube

In dieser Weise müsste man sich jedesmal, wenn man meint, dass man von irgendetwas überzeugt ist, mit Hilfe dieses ‚zweiten sapiens‘ fragen: Beruht diese Überzeugung auf wirklicher Einsicht in das Phänomen, oder beruht sie doch auf dem, was wir ‚Glauben‘ nennen. Natürlich hat jeder das Recht, bestimmte Dinge zu haben, an die er glaubt, aber wir müssten Selbsterkenntnis entwickeln, damit wir den Unterschied zwischen dem Annehmen von Tatsachen durch Einsicht in das Phänomen oder aber durch einen Glauben sehen können. Es gibt nun einmal Dinge, die nicht mit Sicherheit gewusst werden können. Es gibt auch viele Dinge, die wir sehr wohl sicher wissen. In einem solchen Fall haben wir gleichsam einen Glauben, der auf einem sicheren Wissen beruht. Wir müssten lernen, zwischen diesen verschiedenen Prozessen des Annehmens von Wahrheit zu unterscheiden.

Angst und Schrecken und die Medien

Jetzt, im August, wird durch die Medien eine neue Angst generiert. In Afrika existiert schon seit einiger Zeit eine Virusinfektion, die größtenteils tödlich verläuft und für die es bis heute keine gute Behandlung gibt. Das Virus verbreitet sich schnell, und viele Afrikaner sind bereits daran gestorben. Die Infektion wird sicher nicht auf Afrika beschränkt bleiben. Man fühlt sich hilflos, es wird einem ein Schrecken eingejagt, und dieser Schrecken breitet sich virulenter als der Virus selbst in der Welt aus.

Homo sapiens sapiens

Es ist ein faszinierender Ausdruck: Homo sapiens sapiens. Er verweist auf das Selbstbewusstsein des Menschen, verweist darauf, dass der Mensch nicht nur geboren ist, um weise zu werden, sondern dass es eine Weisheit gibt, die dieses ‚sapiens’ immer vollkommener macht. Dies ist die Weisheit, mit der der Mensch sich selbst erkennen kann.

Was ist Wahrheit?

Im menschlichen Sprachgebrauch wurde das Wort „Sapientia“ auf das Wissen, die Kenntnis, beschränkt. Doch tatsächlich bedeutet das Wort: Weisheit. Wenn wir den Term „Homo sapiens“ verwenden, dann meinen wir damit eigentlich, dass der Mensch zu einem Reich gehört, das weise ist oder zumindest weise sein könnte. Von diesem Aspekt aus ist es selbstverständlich, dass der Mensch für die Wahrheit geboren ist, denn Weisheit kann natürlich nur dann wahre Weisheit sein, wenn sie auf der Wahrheit beruht. Es müsste also eine Wahrheit geben.