Brücke über den Abgrund

Wie bauen wir die Brücke über den Abgrund zwischen dem sinnlichen Bewusstsein und dem himmlischen Bewusstsein, das ist doch die große Frage in unserer Zeit und es gibt natürlich sehr viele Strömungen, spirituelle Strömungen, die sich damit befassen, mit dieser Frage und die Antwort darauf. Und für mich ist es die Anthroposophie, die eigentlich sicherste Antwort darauf gibt. Aber es war bereits Goethe, der die ganze Frage angeschaut hat und in einem Märchen erzählt hat.Und dieses Märchen hat ein Happy End, das endet gut und das Ende ist wirklich, dass die Brücke über den Abgrund sich erhoben hat. Und im Anfang des Märchens ist es noch so, dass der Mensch wohl von der himmlischen Welt in die irdische steigen kann, aber wenn er einmal in der irdischen Welt mit dem sinnlichen Bewusstsein zu Hause ist, ja dann kann er mit dem Bewusstsein eigentlich nicht ohne weiteres wieder zurück im Schlaf, nach dem Tod, aber mit dem irdischen Bewusstsein ist das eine Unmöglichkeit. Und am Ende des Märchens gibt es dann mehr oder weniger ein freier Verkehr zwischen Bewusstsein der irdischen Welt und Bewusstsein der himmlischen Welt.

Das ist doch ein wunderbares Bild. Und es ist eine Art von Prophezeiung für unsere Zeit. Und das hat in der Anthroposophie die Möglichkeit gezeigt, um diese Brücke, die sich schon erhoben hat eigentlich, um diese in jedem menschlichen Bewusstsein sich erheben zu lassen. Aber das geht nicht von selbst. Und das ist eigentlich die große Schwierigkeit, dass wir innerlich nicht wirklich Lust haben, um aktiv zu werden. Wir meinen, dass dasjenige, was die himmlische Welt uns verspricht, dass das in derselben Art sich an uns offenbaren wird, wie es auch die ganze irdische Welt tut. Da brauchen wir nur die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Und das reicht eigentlich. Da muss noch ein bisschen Aktivität dazu kommen, dass wir auch die Zusammenhänge durchschauen.

Aber die Welt bietet sich mehr oder weniger von selbst uns an. Nicht so ist das mit der himmlischen Welt. Die zeigt uns nur insoweit, als wir selbst die Tätigkeit einsetzen, worin sie sich zeigen kann. Und ich glaube, dass das eine große Schwierigkeit ist für heutige Menschen, um das erstens zu sehen und dann zweitens auch ausführen zu wollen. Denn wir sind Kinomenschen geworden. Und auch wenn sie ein Video anschauen, sitzen sie eigentlich im Kino. Und ja, ich will natürlich nicht sagen, dann schalte es jetzt unmittelbar aus, denn dieses Kino gibt dann natürlich doch die Möglichkeit, dass wir kommunizieren. Aber wenn nicht diese Ausführungen dazu führen könnten, dass eine innerliche Aktivität erweckt wird, ja dann würden wir eigentlich mit Videos nur zu diesem Kinobewusstsein beitragen. Rudolf Steiner hat mit seiner Philosophie der Freiheit etwas sehr Gewaltiges uns gegeben.

Und wenn man das nicht nur in sich aufnimmt, sondern auch versucht, das nachzuschaffen, dann wird allmählich deutlich, dass wir als Menschen in unserem Wollen und unserem Fühlen durch Einflüsse leben, die wir nicht unmittelbar durchschauen können. Unsere Handlungsimpulse, die sind manchmal von uns selbst und wir meinen vielleicht, dass sie immer von uns selbst sind, aber es wirken in diese Gefühle und Willensimpulse geistige Wesenheiten inspirierend, intuitierend mit. Und wir wissen es nicht.

Wir sind da teilweise frei, aber wir wissen es nicht, aber meistens sind wir da gar nicht frei. Und Rudolf Steiner hat gezeigt, dass das eigentlich, diese Freiheit, nur in dem Denken eine Tatsache ist, weil wir gerade im Denken uns ganz auf uns selbst gestellt haben. Nicht in unseren Gedanken, denn die Gedanken sind natürlich oft doch Folgen von unseren Gefühlen und unseren Wünschen und so weiter. Aber das exakte wissenschaftliche Denken, das ist abstrakt geworden. Das hat sich aus der Natur losgelöst und das hat sich auch aus unseren subjektiven Gefühlen und Willensimpulsen losgelöst. Das ist etwas, was ganz auf sich selbst gestellt ist und eigentlich ist es deshalb auch das Toteste, was wir in uns tragen.

Aber gerade deshalb gibt es dort die Freiheit. Und wir müssen uns bewusst werden, wir sollten uns bewusst werden, dass in dieses Freiheitselement, das Denken, das das Ungeistigste ist, was wir haben, weil es sich ganz aus der geistigen Welt befreit hat, aber zugleich auch das Geistigste ist, weil es in der Tätigkeit des Denkens geistig ist, dass wir also in diesem Denken das Element finden sollten, das uns mit der geistigen Welt wieder verbinden kann. Wir sind frei darin, wir können ganz genau durchschauen, was wir denken und tun im Denken, solange als es nicht nur Gedanken sind, sondern wirklich bewusst hergestellte, in einer wissenschaftlichen Art geformte Gedanken, dass wir da in diesem Denken die Möglichkeit haben, uns ganz bewusst mit der geistigen Welt zu verbinden, aber wir sollten bemerken, dass in dem Inhalt des Denkens die Welt gestorben ist und dass es da überhaupt nicht mehr etwas Geistiges geben kann, weil das Leben gewichen ist. Und deshalb ist es in der spirituellen Welt so, dass man sich nicht mit dem Denken beschäftigen will. Aber es ist zugleich dasjenige Gebiet, das direkt aus der geistigen Welt genommen worden ist und dass, wenn wir die Tätigkeit des Denkens, unser Denken als Tätigkeit entdecken, zugleich diese Brücke wird. Also die Kunst ist eigentlich, dass wir im Totesten in unserem Menschensein das Leben zurückfinden, dadurch, dass wir in Tätigkeit kommen. Und dann so in Tätigkeit kommen, dass wir nicht für uns hinträumen, sondern dass wir Schritt für Schritt willenserfüllt vorgehen. Und wenn wir das tun und wir haben die Tätigkeit des Denkens erlebt, dann können wir in diesem Erleben auch das Gefühl wiederfinden. Es gibt in der Philosophie der Freiheit einen Satz, worin Rudolf Steiner sagt, dass derjenige am weitesten vorgeschritten ist, der mit seinem Gefühl am höchsten in das Denken hinreichen kann.

Das ist etwas, worüber man meditieren möchte, was das zu bedeuten hat, denn er meint natürlich nicht, dass wir mit unsere subjektiven Gefühle in das Geistige hineinreichen sollen, sondern dass wir dasjenige, was wir als tätige Ideenwirksamkeit in uns schaffen, dass wir das mit dem Gefühl erleben können. Und da kommt man wirklich in eine innerliche Tätigkeit hinein, die man zuvor nicht gekannt hat, die einem etwas schenkt, was mit einer Art von innerlicher Seligkeit gleichkommt. Und zugleicher Zeit weiß man auch, dass dasjenige, was man in seinem Leben als tote Denkinhalte gesammelt hat, dass diese ganz an seinem Leib gebunden sind und dass die also mit dem Tod mitsterben werden.

Während des Lebens sind sie schon tot, aber man hat sie wenigstens noch. Man kann sie in das Bewusstsein haben. Aber wenn man gestorben ist, dann kann man versichert davon sein, dass alles, was Gedankeninhalt gewesen ist, dass das mit dem Leib abfällt. Auch die spirituellen Gedanken, wenn sie nicht in das tätige Denken hinaufgehoben worden sind. Das ist die Brücke. Und wir haben eine so tiefe, umfassende Sehnsucht danach, dass wir auch während des irdischen Lebens hin und her über eine Brücke zur geistigen Welt wandern können und dann auch wieder zurückkommen können. Das ist eine Sehnsucht, die mit unserer Zeit mit uns mitgeboren wird. Und das Märchen von Goethe ist davon ein Bild. Und diese Möglichkeit gibt es, aber nicht im Inhalt, nicht im Gefühl, nicht in der Willenstätigkeit, solange als diese nicht von dem exakten Denken impulsiert ist.

Die Brücke soll zuerst sich erheben durch die Anschauung der Tätigkeit unseres Denkens. Das wird unsere Brücke sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann….

Neueste Artikel

Wie bauen wir die Brücke über den Abgrund zwischen dem sinnlichen Bewusstsein und dem himmlischen Bewusstsein, das ist doch die große Frage in unserer Zeit...
Ja, wenn man in dieser Welt lebt, dann sieht man doch wirklich, dass ein immer chaotischeres Bild entsteht, eine Art wahnsinnige Unwahrheit, die sich nicht...
Vor einigen Wochen kam ein neues Buch von mir heraus, dieses, ‘die Lotusblumen und die Apokalypse’. Und ich möchte das dann heute, ja, mit einem...

Mieke Mosmuller folgen

Freunde Mieke Mosmuller
Aktuelles Video

Nächstes Seminar