Ein Ur-Irrtum

Ja, wenn man in dieser Welt lebt, dann sieht man doch wirklich, dass ein immer chaotischeres Bild entsteht, eine Art wahnsinnige Unwahrheit, die sich nicht nur in den Köpfen und Herzen der Menschen abspielt, sondern die auch auf der Weltbühne in den Tatsachen sichtbar wird. Man kann eigentlich nichts mehr damit anfangen. Man würde sich am liebsten irgendwo auf die Mookerhei in eine Hütte zurückziehen und weiter keine Zeitung und kein Telefon und gar nichts mehr haben und nur noch ein wenig weiterleben, so wie es sich nun einmal darbietet.

Aber ja, dann ist man auch kein Mensch, also kann man sich damit auch nicht zufriedengeben. Man muss natürlich doch fortwährend wach bleiben für das, was auf der Weltbühne geschieht, und dann eben mitleiden mit der Tatsache, dass es so ein Chaos ist. Und dann kann man natürlich sagen, in den Köpfen und Herzen der Menschen ist es so ein Chaos, weil es in der Welt ein Chaos ist, aber ich drehe es lieber um, ich sage, weil es in den Köpfen und Herzen der Menschen so ein Chaos ist, wird das letztendlich auch auf der Weltbühne sichtbar.

Das ist doch unvermeidlich. Und dann ist die Frage, worauf das eigentlich beruht, dass es so einen Niedergang in der menschlichen Fähigkeit des Denkens, Fühlens und Wollens gibt. Ich habe vor ein paar Jahren einen Versuch gemacht, meine Gedanken darüber in drei Büchlein herauszubringen.

Lerne denken, lerne fühlen und tun, mit einem Ausrufezeichen. Aber man kann eigentlich wohl sagen, wenn man jetzt wieder ein paar Jahre weiter ist, dann hat sich das Bild schon wieder enorm verändert und ist in eine weitere Dekadenz geraten. Und auf der einen Seite kann man sagen, es hat damit zu tun, und das sage ich natürlich immer, dass der Mensch im Wesen ein faules Tier in sich hat, nicht ist, das will ich nicht sagen, aber doch in sich hat, das am liebsten nur genießen will und die Dinge so lassen will, wie sie sind.

Da ist auch noch ein wenig ein Gedankenleben, das kann auch wohl etwas quälend sein, und Gefühle können ganz und gar quälend sein, aber im Übrigen will man eigentlich am liebsten in Ruhe gelassen werden, wie in jener Hütte auf der Mookerhei. Aber das ist natürlich eine Seite der Sache, dass ein Mensch überhaupt keine Lust hat, aufzustehen und etwas in sich selbst zu tun, wodurch die absteigende Entwicklung, die auf der Grundlage der Passivität entsteht, sich in eine aufsteigende Entwicklung umkehrt, die aber immer auf Aktivität beruht. Und nach außen hin kann man noch ziemlich aktiv sein, aber nach innen ist diese Faulheit ein überwiegendes Problem, und es wird auch überhaupt nicht eingesehen, dass es einen Unterschied macht, ob man innerlich passiv ist oder innerlich aktiv.

Man lebt natürlich doch mit der Frage, wie es denn sein kann, dass der Mensch sich in unserer Zeit verleiten lässt, mitzudenken und mitzufühlen und mitzuwollen mit einer Regierung, einer Weltregierung, die so krumm denkt, fühlt und will. Man würde doch sagen, dass man auch, wenn man passiv ist, gegen das aufbegehrt, was uns als Wahrheit verkündet wird. Ich habe in der Zeit 2020, 2021, als wir uns in einer Krise befanden, darüber viele Videos gemacht, über das merkwürdige Phänomen, dass die Gedanken offenbar abbrechen, nachdem sie gedacht worden sind, und wenn ein nächster Gedanke kommt, dass nicht auf den vorhergehenden zurückgeblickt wird, wodurch die Verbindung zwischen den Gedanken nicht vorhanden ist, und man uns also alles weismachen kann.

Was man heute sagt, hat man morgen wieder vergessen, was heute gesagt wird, hat man morgen wieder vergessen, und man merkt also nicht, dass das eine überhaupt nicht mit dem anderen übereinstimmt, und dass es überhaupt nicht sein kann, und dass es auch nicht logisch ist. Also kann man sich darauf verlassen, dass einem alles Mögliche serviert werden kann, was nur gewollt wird.

Nun ist inzwischen wohl deutlich, dass ich selbst lebe, sagen wir einmal, dank der begeisternden Wirkung der Anthroposophie, und dass ich das schon mehr als vierzig Jahre tue, und das ist im eigentlichen Sinne ein Entwicklungsweg.

Das ist ein Weg, auf dem man weiß, dass man als Mensch ein sich entwickelndes Wesen ist, und dass man also nicht irgendein faules Tier ist, das einfach nur den Instinkten folgt, sondern dass es in einem eine Möglichkeit gibt, aufzustehen und sich daran zu machen, sich selbst zu entwickeln. Und nun ist eine der wunderbaren Übungen dafür, und sie wird als eine Übung für die Liebe angesehen – und man kann, wenn man sie macht, auch merken, dass das so ist – diese Übung ist die sogenannte Rückschau-Übung. Das ist die Übung, dass man, wenn man den Tag hinter sich hat, sich einmal ruhig hinsetzt und versucht, in umgekehrter Reihenfolge zurückzudenken, was an diesem Tag alles geschehen ist und was man getan hat.

Dabei geht es überhaupt nicht darum, dass man Reue über Dinge hat, die man getan hat, oder dass man außerordentlich zufrieden ist über Dinge, die man getan hat, sondern es geht um die rückläufige Zeit, die man damit natürlich betritt. Man merkt, wenn man das tut, dass man jedes Mal wieder in die vorwärtslaufende Zeit hineinschießt, dass es sehr schwierig ist, in dieser rückläufigen Bewegung auch wirklich zu bleiben, nämlich dass man eine Treppe hinuntergeht, als man sie hinaufging, und so weiter. Aber man kann mit einigen einfachen Momenten dieses Tages beginnen. Wie auch immer, man kommt schließlich an den Moment des Aufwachens am Morgen.

Es kann auch sein, dass man gar nicht bis dorthin gelangt, aber wenn man es wirklich immer wieder versucht, dann kommt natürlich der Moment, dass man es doch kann, und dann gelangt man an den Moment, in dem man aufgewacht ist. Und nun ist es merkwürdig, dass wir als Menschen so an die Unwahrheit und die Unrichtigkeit gewöhnt sind, dass wir dann nicht weitergehen. Und wenn man weitergeht, dann springt man zum vorherigen Abend.

Und was tut man dann? Man schließt ein ganzes Stück seines Lebens in diesem Zurückdenken aus. Warum? Ja, weil man nichts davon weiß. Man hat kein Bewusstsein davon, was in diesem dazwischenliegenden Stück, als man schlief, geschehen ist.

Und also geht man davon aus, oder man geht von gar nichts aus, denn man denkt überhaupt nicht darüber nach. Und wenn man darüber nachdenken würde, ja, dann kommt man mit einer Reihe wissenschaftlicher Fakten ein gutes Stück weiter, nämlich dass sich die Gehirnwellen dann verändern und dass man deshalb kein Bewusstsein mehr hat. Und dann kann man das ruhig ausschalten.

Ich sah in den letzten Tagen plötzlich ganz deutlich, dass dies eine Art Urirrtum ist, der damit zu tun hat, dass der Mensch so schlecht denkt, dass man als Mensch in der Lage ist, in einer vollständigen Unwahrheit zu leben, weil man es immer schon tut. Man ist daran gewöhnt, in der Unwahrheit zu leben. Vielleicht glaubt man an ein Leben nach dem Tod, vielleicht sogar an ein Leben vor der Geburt, vielleicht glaubt man, dass man nachts irgendwo auf die eine oder andere Weise auch mit seinem Bewusstsein ist, das kann man alles glauben, aber wenn es auf die Faktizität ankommt, dann zählt dieser Glaube plötzlich nicht mehr, denn dann hört man beim Aufwachen auf und man geht nicht zurück, denn da ist nichts.

Man kann natürlich sehr viel fantasieren, was dort sein könnte, und es gibt auch Menschen, die sehr lebendige Träume haben, die kann man natürlich an die Stelle dieses Bereichs des Nichts im Schlaf setzen. Aber ehrlich ist man dabei jedenfalls nicht, auch nicht, wenn man meint, hellseherische Erfahrungen aus der Nacht zu haben. Es geht darum, dass man, wenn man am Morgen ankommt, durch und durch einsieht, dass man in dieser Zeit vor dem Aufwachen auch gelebt hat, und dass man aus einem spirituellen Gesichtspunkt heraus keineswegs bewusstlos gewesen ist.

Man ist es für das Erdbewusstsein, aber das heißt nicht, dass man für alle Formen des Bewusstseins bewusstlos gewesen ist. Und es wäre ehrlich, zumindest beim Aufwachen, bei diesem Moment des Zurückdenkens beim Aufwachen, sich bewusst zu machen: In jedem Fall lebte mein Körper in diesen vergangenen Stunden, und vielleicht entgeht mir etwas, das ich doch erlebt habe. Und wenn man darin mit seiner Rückschau-Übung meditativ etwas länger verweilen würde, dann würde sich gewiss etwas verändern.

Nicht, dass man dann – das hofft natürlich jeder Mensch, der das tut – nicht, dass man dann plötzlich ein großer Hellseher wird, das ist es nicht, sondern dass man eine Kontinuität in seinem bewussten Dasein zu erleben beginnt. Obwohl man es nicht weiß, ist es so, dass man, indem man es jedes Mal wieder neu empfindet, diesen Moment des Aufwachens und das merkwürdige Phänomen, dass man Stunden davor für sein Bewusstsein eigentlich nicht da war, fragt: Kann es wahr sein, dass man wirklich nicht da war? Sind es nur Gehirnwellen, die sich dann verändern, wodurch man in dieser Zeit mit seinem Gehirn nicht denkt und nicht fühlt? Wenn man sich wirklich darauf einlässt, dann muss es doch eigentlich so sein, dass man erwägt, dass das nicht wahr sein kann.

Und ich denke, dass hier ein Urirrtum liegt, einer, der auch mit unserer Zeit zu tun hat, mit dem Unglauben an eine geistige Welt, auch eine Angst davor – denn man könnte auch sagen, dass es unheimlich ist, dass man, während man schläft, doch allerlei erlebt und es dann nicht mehr weiß, also möchte man das lieber nicht wissen. Aber das bewirkt, dass man, auch wenn man ein ehrlicher Mensch ist und sich wirklich bemüht, die Wahrheit zu sprechen und zu denken, dass man, wenn man diesen Abgrund zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen am vorherigen Abend, oder mitten in der Nacht – man wacht ja auch öfter auf – wenn man das nicht gewahr wird, dass das ein Abgrund ist, in dem sich durchaus etwas abspielt oder abspielen könnte, in dem man auch als Mensch vorhanden ist, ja, dann lebt man also eigentlich in einem Urirrtum, auch wenn man versucht, ein durch und durch ehrlicher Mensch zu sein.

Ich sah das in den vergangenen Tagen plötzlich, und ich habe es natürlich schon einmal früher gesehen, und ich habe es auch bei Rudolf Steiner gelesen, dass es von Bedeutung ist, bei dieser Rückschau-Übung nicht beim Aufwachen Halt zu machen, sondern sich in diesen Abgrund zurückzuversetzen, der davor liegt. Aber es wurde in den vergangenen Tagen so sehr deutlich, weil man sieht, dass die Menschheit auf eine Verwirklichung eines chaotischen, sich irrenden Denkens und Fühlens zugeht, und das ist natürlich wirklich etwas, worüber man sehr besorgt sein muss.

Denn man kann natürlich von sich selbst meinen, dass man alles richtig macht, und die meisten Menschen haben das auch, und das muss man bis zu einem gewissen Grad auch haben, denn sonst kann man auch nicht leben. Aber es geht natürlich um mehr als die alltägliche Moralität, das alltägliche Gefühl, dass man in der Wahrheit ist, dass man versucht, ordentlich zu sein, dass man versucht, das Gute zu tun, dass man versucht, freundlich zu sein und so weiter. Es geht darüber hinaus, es geht weit darüber hinaus. Und wenn wir in unserer Zeit nicht dafür wach werden, dass wir auch Menschen sind, wenn wir schlafen, irgendwo, nicht in diesem Körper, aber doch irgendwo, und dass wir auch Menschen waren, bevor wir geboren wurden, und dass wir Menschen bleiben, wenn wir gestorben sind, wenn auch in gewisser Metamorphose, wenn wir darüber nicht zumindest beginnen, eine Frage zu bekommen, dann leben wir in einem Urirrtum.

Und den kann man am besten gewahr werden, finde ich, wenn man eine solche Rückschau-Übung macht und dann am Morgen ankommt und sich nicht fragt: Was war eigentlich davor? Dann lebt man in einem Urirrtum. Und wie will man dann im alltäglichen Leben in der Wahrheit sein? So weit also für diesmal. Es ist sehr schwierig, in dieser Zeit standzuhalten gegenüber dem, was einem alles dargeboten wird. Und man sucht doch nach Standpunkten, in denen das möglich wird.

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Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann….

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