Vor Jahren habe ich ein Büchlein geschrieben über die Erziehung des Kindes, von der Geburt an oder vielleicht sogar schon von der Empfängnis an, bis zum siebten Lebensjahr, bis zum Zahnwechsel. Ich fand bei dem Dichter Novalis einen Satz, der ungefähr zum Ausdruck bringt, was ich in jenem Büchlein sagen wollte, nämlich: Das Kind ist sichtbar gewordene Liebe. Wunderschön! So habe ich jenem Büchlein diesen Titel gegeben. Das ist schon Jahre her, und natürlich ist öfter die Frage gekommen: Kannst du nicht auch etwas schreiben über das Kind in der zweiten Entwicklungsphase, nämlich vom Zahnwechsel bis zur Pubertät? Das habe ich nun versucht, und was ich immer „tue“, wenn ich beginne, einen Text zu schreiben: dann denke ich eigentlich zuerst darüber nach, was ist nun eigentlich der Kern dessen, was ich sagen möchte, von dem ich denke, dass es wichtig ist. Nun ja, wenn man an Kinder denkt, die in die Grundschule gehen, dann sieht man sie gleichsam schon vor sich mit einem iPad, einem Telefon, oder sie sitzen vor dem Fernseher. So kam ich zu einer Art Gesamteindruck des Erziehungsproblems in dieser Zeit; und ich habe also diesmal dem Büchlein den Titel „Bildschirmkinder“ gegeben, weil mir scheint, dass das in unserer Zeit die allergrößte Herausforderung ist.
Wie geht man denn damit um? Und als ich begann, darüber nachzudenken und zu meditieren, und natürlich auch in meine Erinnerung schaute – in die Zeit, als ich selbst kleine Kinder hatte – da gab es jene Technik noch nicht, aber den Fernseher schon.
Worum geht es eigentlich? Es ist klar – wenigstens mir ist es klar –, dass man Kinder nicht außerhalb ihrer Zeit stellen kann.
Am liebsten würde man sie natürlich völlig fernhalten von diesen modernen Kommunikationsmitteln, aber das würde bedeuten, dass man sie außerhalb der Zeit stellt und eigentlich auch außerhalb des sozialen Zusammenhangs, denn andere Kinder haben diese Dinger ja. Also muss man irgendwie einen Weg finden, um zunächst einmal das so lange wie möglich hinauszuschieben; aber irgendwann geht das nicht mehr, und dann wird man sich doch dazu bekennen müssen, dass man es ansehen muss, dass so ein – ja, ich finde: ein heiliges Kind, das in die Grundschule geht – sich innerlich so verderben muss durch das Anschauen jener schrecklichen Bilder, die zum Beispiel in Filmchen und in Spielen den Kindern „geschenkt“ werden.
Was kann man tun?
Und was mir dann klar ist – und das beruht auf der spirituellen Anschauung des Kindes, die ich von Rudolf Steiner gelernt habe –, was also klar ist, ist, dass das Kind mit dem Zahnwechsel eine sehr wichtige Periode abschließt, nämlich, dass der zweite Leib, den das Kind hat – also der erste Leib ist das, was man sieht, der physische Leib –, dass aber dieser physische Leib die Form und das Leben von einem zweiten „Leib“ hat, den man dann in Anführungszeichen setzen muss, denn man sieht ihn nicht als Leib, aber man kann lernen, ihn in seiner Wirksamkeit zu erleben. Dieser zweite Leib hatte in jener ersten Periode, bis zum Zahnwechsel, vollständig die Aufgabe, dem physischen Leib die endgültige individuelle Form zu geben, also nicht nur aus der Erblichkeit, sondern wirklich aus dem Kind selbst heraus die individuelle Form zu geben und die Lebensprozesse so gesund wie möglich in Tätigkeit zu bringen. Und dieser Prozess ist dann mit dem Zahnwechsel abgeschlossen – man sieht das ja eigentlich daran, dass die Zähne ausfallen. Und wenn man dann weiß, dass ein Teil dieses Ätherleibes, dieses Lebensleibes, dieses gestaltend wirkenden Teiles, der in der ersten Phase also völlig dem Leib zur Verfügung stehen musste, dass dieser nun beim Freiwerden für die individuelle Entwicklung des Ätherleibes – dass ein Teil davon der Entwicklung des Denkens zur Verfügung kommt –, ja, dann wird es deutlich, dass diese Entwicklung des Denkens in der Grundschule von allergrößter Bedeutung ist.
Dass man dort nicht Kräfte schon nimmt, die in Wahrheit für eine viel spätere Entwicklungsphase bestimmt sind. Und man sieht natürlich jetzt in unserer Zeit – weil man davon nichts mehr weiß – die größte Sünde gegen dieses Prinzip, wenn zum Beispiel Kinder dazu aufgerufen werden, sich eine Meinung zu bilden über so etwas wie die Politik zum Beispiel oder die Weltsituation. Das können sie zwar, aber das verlangt Kräfte, die sie eigentlich noch gar nicht zur Verfügung haben. Und ich habe das Gefühl bekommen: eigentlich ist es so, als wenn man Klavier spielt – da hat man zwei Systeme.
Oben steht meistens die Melodie, und unten steht die Begleitung. Und es ist natürlich die Absicht, dass man diese zwei Systeme aufeinander abstimmt, dass sie gleichzeitig gespielt werden. Und man bekommt dann das Gefühl, dass jene obere Linie, die also eigentlich das hörbare Melodische ist, heutzutage in eine enorme Beschleunigung gebracht wird, während die untere Linie, das Rhythmische, die Begleitung, einfach weitergeht wie es soll. Aber was hat man dann?
Zuerst einmal ist alles natürlich falsch und unverständlich, aber zweitens bleibt am Ende des Klavierstücks noch ein ganzes Stück Begleitung übrig, während die Melodie längst fertig ist. Und dieses Gefühl bekomme ich – das ist das, was mit den Kindern geschieht. Sie müssen sich so schnell entwickeln – und sie können das auch, das ist das große Problem: sie können das auch. Sie müssen so schnell vorwärts, dass der Organismus, mit dem sie es tun müssen, nicht mitmacht. Und wenn er es doch täte, dann bekäme man es mit Krankheit zu tun.
Tatsache ist, dass für das Denken, für die Entwicklung des Denkens, für die Entwicklung des Verstandes jene Lebenskraft zur Verfügung kommt, und dass diese also eigentlich entwickelt werden muss. Das ist eigentlich das Thema meines Büchleins. Denn was man sieht, ist, dass das, was den Kindern in der Schule dargeboten wird – aber auch zu Hause mit ihren iPads und iPhones und dem Fernseher – das, was ihnen dargeboten wird, das Gegenbild des Ätherischen ist.
Also dasjenige, was man als Lebenskraft, die so unsagbar feinfühlig und schön, künstlerisch ist – man braucht nur in die Natur zu schauen, dann sieht man es –: diese Kräfte werden materialisiert. Und also, in Wahrheit, verdorben durch all jene hässlichen Bilder, die auf dem Bildschirm sichtbar sind – um noch gar nicht zu sprechen von den Wirkungen, die von der Technik an sich ausgehen.
Es ist also eigentlich eine einzige große Katastrophe. Und was man nun tun kann – denn man kann dem nicht entgehen, es ist nun einmal so –:was man tun kann, ist zu versuchen, ein Gegengewicht zu schaffen gegen das, dem man nicht entgehen kann. Aber das verlangt natürlich sehr viel Einsatz, und die meisten Eltern haben diesen Einsatz nicht zur Verfügung, weil sie beide arbeiten, überlastet sind, die Kinder wie eine Art Nebenerscheinung haben – obwohl sie auch Hauptsache sind.
Sie können es nicht, so viel Zeit und Energie darauf zu verwenden, ein Gleichgewicht zu schaffen. Und wenn sie diese Zeit und Energie doch geben wollen, dann haben sie selbst oft gar keine Lust, jene Dinge zu tun, die wirklich ein Gegengewicht sind. Denn das würde bedeuten, dass man sich vertiefen müsste in das, was das Ätherische eigentlich ist. Und das würde bedeuten, dass man begreifen müsste, dass man in die Natur hinausgehen muss, dass man die Elemente aufsuchen muss – ich meine: den Strand, das Wasser, die Luft, die Sonne, die Steinchen, die Muscheln, die Pflanzen, die in den Dünen wachsen oder im Wald, die Bäume, die Pilze, die Nüsse, alles. Das müsste man eigentlich aufsuchen – und man müsste es dann auch nicht einfach nur aufsuchen, sondern man müsste auch durchdrungen sein von der Einstellung, dass man dabei ist, das Kind sich erinnern zu lassen, dass dies eigentlich die Welt ist, zu der es gekommen ist. Dass dies das Erden-Dasein ist – und nicht jene Bilder, die so herrlich ablenkend davon auf den Geräten wirksam sind. Darum geht es in dem Büchlein größtenteils.
Ich habe versucht, so einfach wie möglich Eindrücke zu geben, wie man als Eltern die Ätherwelt für das Kind aufsuchen kann und sie im Kinderleben wirksam machen kann. Aber außerdem hängen natürlich allerlei andere Dinge damit zusammen, nämlich das Schlafen, Gesundheit und Krankheit, Verhalten, Umgang mit anderen Kindern, und so weiter. Das wird alles auch berührt, aber im Zentrum steht das Bildschirmkind.
Ich hoffe, dass viele Menschen dieses Büchlein lesen werden, und vor allem, dass sie sich dadurch durchdringen können, dass der Mensch nicht nur ein sichtbar physisches Wesen ist, sondern dass beim Kind in der Grundschule jenes ganz feine, künstlerische, schöne, zarte, wirksame Wesensglied für das Denken zur Verfügung kommt Und dann möchte man doch wirklich sehr gerne auch jenem Denken etwas darbieten, das daran angepasst ist und das auch das richtige Tempo hat. Und allgemein kann man sagen: man kann immer verlangsamen – dann macht man es nie falsch, denn alles geht zu schnell. Also: Verlangsamen ist immer gut. Aber man muss doch auch nach Gegengewicht suchen.
Ich könnte hier noch stundenlang weiterreden, aber es ist ein Video, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Büchlein da ist, also schließe ich mein Plädoyer für das Ätherische hiermit ab.



