Das vorige Mal habe ich über die Einweihung gesprochen, und das möchte ich diesmal noch fortsetzen. Darüber ist man natürlich eigentlich nie ausgesprochen. Die Zeit, in der wir leben, ist eine ganz besondere, wenn wir uns auf die Einweihung beziehen, denn wir können in unserer Zeit wirklich selbst entscheiden, ob wir den Weg der Einweihung gehen möchten, und das ist wirklich etwas Besonderes. Denn wir müssen uns vorstellen, wenn wir an alte Zeiten denken, wo es Mysterien gab, wo man eingeweiht werden konnte; da wurden die Schüler wirklich dafür auserwählt, und sie hatten schwere Prüfungen zu bestehen, um auch bleiben zu dürfen. Die Einweihung selbst wurde in der Schule vorbereitet, aber wenn der Schüler oder die Schülerin dann so weit war, dass die Einweihung vollzogen werden konnte, dann wurde das an den Schülern vollzogen.
Nun ist das natürlich immer so, dass man sich nicht selbst einweiht, aber es war gewissermaßen immer ein Meister da, der die Einweihung vollzog. Und wenn wir das vergleichen mit unserer Zeit, dann dürfen wir jetzt sagen: Der Mensch wählt sich selbst. Und wenn er das auch vielleicht mit etwas Übermut macht – das kann ja geschehen, dass man meint, etwas zu können, und es eigentlich noch gar nicht kann – aber wenn das geschieht, dann ist das auch nicht schlimm, denn jeder Schüler trägt etwas zur Weltentwicklung bei. Also auch wenn jemand anfängt, den Weg zur Einweihung zu gehen mit noch sehr wenig Vollkommenheiten, dann ist es doch noch so, dass die eine Unvollkommenheit, die dann in eine Vollkommenheit verwandelt wird, eine große Änderung in der Welt zustande bringt.
Also das gibt uns sehr viel Mut, auch wirklich in unserer Zeit den Weg zu beschreiten. Und wir können also selbst entscheiden, ob wir das wollen oder nicht. Aber dann ist es natürlich wohl wichtig, dass wir auch mehr oder weniger wissen, was Einweihung eigentlich ist und was dann von uns erwartet wird, was wir am Anfang tun sollten, was wir auf dem Weg tun sollten und was dann letztendlich vielleicht die wirkliche Einweihung bedeutet. Man kann sagen, dass die Einweihung bedeutet, dass man dasjenige erkennen lernt, was immer schon da ist, was aber nicht erkennbar ist, weil es in den dunklen Tiefen der Welt verborgen bleibt, okkult bleibt, weil es für den Menschen in seinem gewöhnlichen Bewusstsein nicht möglich ist, dasjenige, was in diesen dunklen Weiten und Welten verborgen liegt, um das mit dem gewöhnlichen Bewusstsein zu erforschen und zu ertragen, das geht nicht.
Also muss zuerst eine Vorbereitung stattfinden. Und gerade die Vorbereitung ist so wichtig für die Welt. Denn was tun wir in der Vorbereitung? Da läutern wir die Seele zuerst, später auch den Lebensleib und letztendlich sogar den physischen Leib. Und diese Läuterung ist von der allergrößten Wichtigkeit für den Fortschritt in der Welt, also nicht nur für uns selbst, sondern man kann wirklich sagen, dass jeder Schritt, der von Menschen gemacht wird, wodurch eine Unvollkommenheit überwunden wird, eine gewaltige Kraft ist. Und wenn wir das glauben würden, dann würden, denke ich, viele Menschen den Weg zur Einweihung einschlagen. Man meint aber, dass es schwierig ist oder langweilig ist oder vielleicht verboten ist oder unnötig ist oder gefährlich ist. Aber diese Missverständnisse können wir überwinden, dadurch, dass wir die Einweihungswege, die Rudolf Steiner gezeigt hat, kennenlernen.
Denn diese Wege sind gerade dazu geeignet, dass der Mensch, der sich selbst auserwählt hat, dass dieser den Weg ohne Gefahr und ohne all diese Ängste, die man hat für die Einweihung, dass man den Weg gehen kann. Und ist es nicht etwas, was in allen menschlichen Leben irgendwann einmal eintritt, dass man sich gestehen muss, vielleicht nicht immer ganz bewusst, aber trotzdem sich gestehen muss, dass man eigentlich dasjenige, was das äußere Leben zu bieten hat, dass man davon, ich will nicht sagen, genug hat, aber dass das so ungefähr wohl reicht, und dass man eigentlich etwas mehr erwartet vom Leben, als was das Leben äußerlich zu bieten hat. Und wir sehen dann in der Welt, dass die Menschen immer kompliziertere Wege suchen, um dieses Bedürfnis zu befriedigen.
Was kann man nicht alles noch in der äußeren Welt suchen, was wiederum neue Spannung gibt. Ich brauche das nicht aufzuzählen. Man kann das selbst sehr wohl bedenken, was wir in unserer Zeit alles haben, um unsere Bedürfnisse nach etwas anderem zu befriedigen. Aber eigentlich sind all diese Bedürfnisse, Bedürfnisse nach dieser eine Sehnsucht wirklich, nach diesem Gebiet in den dunklen Weiten des Okkulten. Man spürt in unserer Zeit – und ich glaube, dass jeder Mensch das hat – man spürt den Geist, man kann nur nicht wissen, was dieses Gespür eigentlich ist. Und der Geist ruft uns mit lauter Stimme auf: Suche mich, ich werde euch finden. Wir hören das, aber die Interpretation, die wir haben, die stimmt nicht. Wir machen dann Reisen nach fernen Ländern, oder wir springen von Bergen herunter, oder wir klettern gerade die Berge hoch und stehen dann an einer schwindelerregenden Spitze oder so etwas.
Das sind alles äußerliche Grenzen am Geist. Und da stockt es dann eigentlich. Das hat man in der Erkenntnis auch. Man kann in der Erkenntnis immer weiter und weiter gehen und das Gefühl haben, dass es nie ein Ende gibt an dem, was man erforschen kann. Aber tief unten in der Seele weiß man, dass es dieses Ende gibt und dass man eigentlich schon längst diese Grenze erreicht hat und dass auch eine Erkenntnishunger an dieser Grenze lebt und dass wir fühlen, tief in unserer Seele: Ich habe eine solche große Sehnsucht nach der Welt des Geistes. Aber zugleich gibt mir diese Welt des Geistes so viel Furcht. Ich wage es nicht, damit anzufangen. Ich wüsste auch nicht, wohin. Es gibt natürlich allerlei Institute und Schulen und Meister und vielleicht Eingeweihte, die sagen, es zu sein.
Aber denen möchte ich mich nicht hingeben. Denn was dann? Und wenn ich dann so oder so die Anthroposophie finde, dann hängt es ganz von meinem Karma ab, ob ich da Ja sage, wenn ich Inhalte aufnehme, wenn ich Versammlungen besuche, Vorträge vielleicht, oder ob ich sage, oh nein, das möchte ich gar nicht. Also einerseits haben wir in unserer Zeit die Möglichkeit, selbstständig die Einweihung zu suchen – und ich bin davon überzeugt, dass das in fast allen Menschen als eine tiefe Sehnsucht lebendig ist. Andererseits gibt es so viel, was dagegen wirkt, dass viele Menschen nicht einmal dazu kommen, auf die Idee zu kommen, dass es eine Einweihung gibt. Wo hört man davon? Nicht in der Schule. Vielleicht in der Waldorfschule, da wird wohl etwas über die Vergangenheit der Einweihungswege gesagt.
Vielleicht wird auch hier und dort auf heutige Situationen hingedeutet. Aber eigentlich ist das für ganz junge Menschen auch nicht so eine Priorität. Erst, wenn man älter ist und das Leben gekostet hat und weiß, was es alles gibt in der Welt, ja dann, dann kommt diese Sehnsucht, die wächst und zur Blüte kommt. Und wenn nicht dann etwas von Wärme und Sonne kommt, wodurch die Blüte auch Frucht tragen kann, dann schrumpft alles ineinander, und gibt es eigentlich im Leben diese Erlösung nicht, die man wohl findet, wenn man entdeckt, dass die äußerliche Welt nicht begrenzt ist, so wie wir das erleben, sondern dass die äußere Welt bis zu einer Grenze geht und dass wir so geschmeidig sein sollten, dass wir an diese Grenze spüren: Hier ist etwas anderes möglich, als was ich bis heute erlebt habe. Und ich könnte jetzt diese tief in mir wohnende Sehnsucht allmählich befriedigen lernen, wenn ich immer wieder höre in mir selbst, dass ich so viel Sehnsucht habe nach dem Geist. Und was ist dann eigentlich der erste Schritt, wenn man sich umwandeln möchte, so dass irgendwann einmal der Punkt der Vollkommenheit der Seele erreicht wird, worauf man würdig wird, die geistige Welt zu schauen? Was sollen wir tun? Das Erste, was wir tun sollten, ist uns bewusstwerden, dass wir eine Anzahl von Unvollkommenheiten haben und dass es sehr, sehr schwierig ist, um diese umzuwandeln. Es würde jedoch genügen, zuerst, um eine echte Unvollkommenheit ernsthaft einzusehen und dann sich vorzusetzen, diese in eine positive Eigenschaft umzuwandeln. Ich erinnere mich, dass wir das früher am Silvesterabend so gemacht haben. Das war mehr oder weniger eine Gewohnheit, dass man am Silvesterabend sich Vorsätze machte für das neue Jahr. Das war natürlich oft: Ich werde kein Alkohol mehr trinken oder ich werde nicht mehr rauchen. Und nach zwei, drei Tagen ging das dann auch wieder verloren. Aber es könnte auch sein, dass man sich wirklich darauf besinnen wollte, was sind nun eigentlich meine Unvollkommenheiten und diese dann verwandeln. Das ist eigentlich der allererste Schritt. Das ist, was wir am Allerersten ersehnen müssten: Nur eine Unvollkommenheit. Und diese Unvollkommenheit nicht wegschaffen, denn dann nimmt sie eine andere Gestalt an, sondern umwandeln in eine positive Eigenschaft. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Einweihung.



