Vor einigen Wochen hatte ich begonnen, über ein erstes mögliches Szenario zu sprechen, das wir uns vorstellen könnten, um ein Gegengewicht zu bieten, möglicherweise, gegen alle anderen Szenarien, die es gibt. Und ich habe damals ein Stück aus einem Vortrag von Rudolf Steiner vorgelesen. Er sagt, dass es wirklich an der Zeit ist, dass der Mensch in seiner Zeit, und dann erst recht in der unseren, einsieht, dass die sinnliche Wirklichkeit nicht die ganze Wirklichkeit ist und dass wir uns bewusst werden müssen, dass eine geistige Wirklichkeit, sagen wir einmal, gestaltend der sinnlichen Wirklichkeit zugrunde liegt und dass man diese Wirklichkeit, diese geistige Wirklichkeit, kennenlernen könnte dadurch, dass man die Geisteswissenschaft studiert. Das ist in unserer Zeit von allergrößter Bedeutung, und das sollte also eigentlich das erste Szenario sein: dass man sich eine Welt vorstellt, in der die Menschen jedenfalls in großer Zahl nicht mehr ausschließlich bei dem stehenbleiben, was das Materielle zu bieten hat, sondern auch wirklich durchdrungen sind von der Tatsache, dass es eine geistige Realität gibt.
So geht das; so wurde ich in mir selbst an einen anderen Vortrag von Rudolf Steiner erinnert, der in anthroposophischen Kreisen sehr bekannt ist: mit dem Titel: Was macht der Engel in unserer Seele? Und ich habe dann in einem folgenden Video darüber gesprochen und – wie soll ich es sagen – gesagt, dass die Engel in unserer Zeit in der Seele bestimmte Ideale als Bilder weben, die wir also in uns tragen. Und dass die Frage an uns von den Engeln in Wirklichkeit ist, dass wir so wach in uns selbst werden, dass wir diese Ideale gewahr werden und sie umarmen können. Und was sind diese Ideale? Zunächst einmal, dass eine echte Brüderlichkeit unter den Menschen entsteht, dass man nicht glücklich sein kann, wenn der Mitmensch unglücklich ist. Das Zweite ist, dass wir uns dazu aufraffen, im Mitmenschen die wahre Individualität zu sehen und nicht die Illusion der Persönlichkeit.
Und dass damit zusammenhängt, dass, wenn man das tut, man dann auch eine absolute Religionsfreiheit respektiert, weil diese natürlich zu jener Individualität gehört. Das ist das Zweite; und das Dritte ist dann das Studium und die Anerkennung der Geisteswissenschaft. So weit war ich gekommen, und ich habe es dann unterbrochen, weil die Michael-Zeit anbrach und weil ich ein Büchlein über Kinder zwischen 7 und 14 Jahren veröffentlicht hatte. Ich nehme das jetzt wieder auf und möchte dem, was ich über die Engel in der Seele gesagt habe, hinzufügen, dass in diesem Vortrag gesagt wird, dass in Wirklichkeit der Mensch – und natürlich nicht die ganze Menschheit, aber doch ein beträchtlicher Teil davon – so weit für die eigene Seele, für die Impulse in der eigenen Seele wach werden sollte, dass jene Ideale, die dort als Bilder eingewebt sind, bewusst werden, und ich glaube, dass das auch bei vielen Menschen der Fall ist.
So sagt Rudolf Steiner: Vor dem Beginn des dritten Jahrtausends – und das dritte Jahrtausend beginnt im Jahr 2000 – vor jener Zeit sollten die Menschen dafür wach werden. Wenn nicht, dann geschieht etwas ganz anderes. Es geht darum, dass wir als Menschen für den Geist wach werden, dass wir unser Menschsein nicht nur in der sinnlichen Existenz haben, sondern dass wir auch innerlich schauen können und dort objektiv bestimmte Dinge wahrnehmen können. Das ist eigentlich, woran unsere Menschheitsentwicklung ist. Wenn das nicht geschehen sollte, dieses Wachwerden für die Ideale in der Seele, die die Engel dort hineinweben, dann würde das bedeuten, dass die Engel ein anderes Wesensglied des Menschen benutzen müssen. Und nun ist es so, dass, wenn wir schlafen, unsere Seelen nicht bewusst mit dem Leib verbunden sind. Das wird jeder zugeben müssen. Aber inzwischen liegt der Leib im Bett und ist durchdrungen vom Leben. Und was wir uns nun vorstellen müssen, ist, dass jene Ideale, die die Engel uns bewusst machen wollen, dadurch, dass wir in unserer Seele wach werden, eine Stufe tiefer eingeschrieben werden, das heißt in den Lebensleib, der nachts also im Bett liegen bleibt. Und dort ist die Seele, und dort ist auch der Geist; dort ist das Ich des Menschen dann nicht dabei. Also wird dort eine ganze Arbeit verrichtet, die nicht einfach bewusst werden kann durch das Wachwerden in der Seele. Diese Zeit wäre dann vorbei. Und was dann geschieht, ist, dass dasjenige, was zuerst eine hochmoralische Qualität hatte, instinktiv werden wird.
Und Rudolf Steiner beschreibt, was geschehen würde, wenn die Menschheit – und dann also ein großer Teil der Menschheit oder ein bedeutender Teil der Menschheit – dieses Erwachen in der Seele vor dem Beginn des dritten Jahrtausends nicht hätte. Was dann geschehen würde, ist, dass anstelle der Brüderlichkeit eine instinktive Entartung der sexuellen Impulse entstehen würde. Dasjenige, was der Mensch immer aus moralischem Gewissen hatte, was die Grenzen einer moralischen Sexualität und einer unmoralischen Sexualität sind, jene Grenzen würden sich dann verschieben, und der Mensch würde dann auch wirklich davon überzeugt sein, dass das gut ist. Sie würden nicht einmal einsehen, dass das eigentlich überhaupt nicht gut ist, und sie würden auch nicht wollen, dass man dann jene Auswüchse als unmoralisch bezeichnen würde.
Das ist das Erste, und das kann furchtbare Formen annehmen. Manchmal sehen wir davon wohl einmal etwas. Das Zweite ist, dass in der Medizin eine Entgleisung entsteht, nämlich dass zwar das instinktive Wissen von Krankheit und Heilung gewaltig zunimmt, die Moral dabei jedoch verfällt und dass das dazu führt, dass der Mensch – wissend, wie bestimmte Krankheiten verursacht werden können – das auch tun wird. Es ist natürlich schrecklich, so etwas zu denken, aber Rudolf Steiner ist natürlich ein Seher, jemand, der in die Zukunft schaute und dort sah, dass, wenn der Mensch nicht in der Seele wach wird, jene guten Impulse ins Instinktive übergehen, und dann bekommt man eigentlich beinahe naturgemäß diese Abirrungen, wodurch die Medizin eine Macht über den Menschen entwickelt, zu entscheiden, dass jemand geheilt werden darf, aber auch zu entscheiden, dass es besser ist, bestimmte Krankheiten zu verursachen, wobei dann anschließend die Moralität nicht zur Diskussion steht. Man wird dann überzeugt sein, dass es gut ist, was getan wird. Und das Dritte ist dann, dass anstelle des Studiums der Geisteswissenschaft eine Flucht in die Technik kommen würde. Nun ist das etwas – da sagt Rudolf Steiner nichts über mögliche künstliche Intelligenz –, aber er spricht wohl über bestimmte Wellenbewegungen in der Technik, die harmonisiert werden können, wodurch eine enorme Zunahme an Maschinenkraft auftreten würde, die dann auf die schrecklichsten Weisen genutzt werden könnte. Eine dämonische Entwicklung der Technik also. Und ich nehme an – so sehe ich es –, dass wir eine falsche Entwicklung der künstlichen Intelligenz dabei mitrechnen müssen. Also nicht die künstliche Intelligenz in ihrer Gesamtheit, so sehe ich das überhaupt nicht, aber es gibt natürlich gewisse Auswüchse, die dann wirklich dazu führen, dass jene Technik wirklich in den Bereich des Unmoralischen kommt. Und zum Unmoralischen rechne ich dann auch ein In-die-Hand-Nehmen der Freiheit des Menschen, also eine Einschränkung derselben. Das sind die Aussichten, die Rudolf Steiner schildert, und das ist dann – Beginn zumindest des 20. Jahrhunderts. Diese Aussichten schildert er und sagt: Ja, sie werden mehr und mehr auftreten, wenn nicht der Mensch vor dem Beginn des dritten Jahrtausends achtsam wird auf die moralischen Impulse in der Seele, die von den Engeln gewoben werden. Und ja, ich überlasse es gerne Ihnen, liebe Zuschauer, sich zu fragen: Wie steht es denn jetzt mit uns? Was sehen wir von dem einen und was von dem anderen? Nun ist es natürlich so, dass klar ist, dass nicht jeder Mensch hellsichtig werden kann und dass das also nicht sein kann, was Rudolf Steiner meint, wenn er sagt: Wachwerden für die Ideale in der Seele. Wir haben natürlich die 50er-, 60er-Jahre gehabt, in denen eine Welle des Idealismus aufstieg, die dann auch wieder abgeflaut ist. Man könnte sich vorstellen, dass dies ein Ausdruck davon gewesen ist, wenn auch nicht ganz rein, natürlich. Man kennt es doch auch im eigenen Leben, dass man moralische Impulse hat, die man dieser Einwirkung der Engel in der Seele zuschreiben könnte. Aber es geht natürlich darum, dass wir dafür wach werden.
Und da ist es sehr interessant, was Rudolf Steiner dafür empfiehlt, und damit werde ich dann schließen. Er sagt ja, schau, wenn du nun abends einmal zurückblickst auf den Tag und du schaust auf alle Dinge, die so passiert sind, dann gibt es immer merkwürdige Erscheinungen, an denen man normalerweise vorbeilebt und an denen man nicht vorbeileben sollte, sondern auf die man jeden Tag schauen sollte. Und du wirst bemerken, dass, wenn du das tust, du immer mehr von solchen Momenten siehst. Zum Beispiel, dass du, während du etwas tust, einen Einfall bekommst: Ich kann besser dies oder das tun, aber du tust es nicht, und es geht völlig schief. Oder du stehst im Begriff, zu einem Termin zu gehen, und wirst gestört, zum Beispiel durch einen Anruf oder durch jemanden, der vorbeikommt, und du kommst zu spät zu diesem Termin. So, solche Dinge. Daran gehst du normalerweise mehr oder weniger verärgert vorbei, aber wenn wir nun jeden Abend auf solche Dinge schauen würden – vielleicht siehst du sie am Anfang nicht wirklich und denkst: Nun, ich habe solche Dinge eigentlich kaum –, aber die hast du natürlich wohl. Der ganze Tag ist voll davon, und wenn du dann bedenkst, dass jedes Phänomen in diesem Bereich, das geschieht, eine Rettung deines Lebens sein kann! Wenn du nämlich zu jenem Termin gegangen wärst, gerade zur richtigen Zeit, wärst du vielleicht verunglückt. Dann kannst du natürlich sagen: Womit bist du denn beschäftigt? Aber versuche es nur einmal. Es ist außerordentlich, nicht nur interessant, sondern auch anregend, den geistigen Teil in deinem Leben gewahr zu werden und wach zu werden für dasjenige, was sich alles in deiner Seele abspielt. Das ist eigentlich der Rat, den Rudolf Steiner dann am Ende dieses Vortrags gibt, und mit diesem Rat werde ich jetzt schließen.



