Ich habe vor einigen Wochen einen Vorschlag gemacht, dass wir als Menschen, die unterschiedliche Auffassungen darüber haben, wie es mit der Welt in Zukunft weitergehen soll und mit der Welt und mit der Menschheit, dass wir als solche Menschen in unseren Gedanken konkret werden sollten. Vielleicht können wir auch aufschreiben, wie wir uns das dann vorstellen würden. Dann bekam ich die Frage, selbst darüber etwas konkreter zu werden, und sofort wusste ich, was das Allerwichtigste aus einer spirituellen Sicht ist. Das Allerwichtigste ist, dass wir Menschen immer mehr und mehr begreifen, dass das, was mit der Welt geschieht, dass die Weltentwicklung und die Entwicklung der Menschheit nicht nur ein physisch sichtbar erlebbares Geschehen ist, sondern dass es auch ein spirituelles Geschehen ist. Und das ist natürlich etwas, was für sehr viele Menschen überhaupt nicht klar ist, aber auch für sehr viele Menschen schon. Und das könnten wir viel stärker ins Bewusstsein bringen, dass wir das, was wir in der Welt geschehen sehen, nicht nur so auffassen, wie es sich uns zunächst sichtbar und hörbar darstellt, sondern dass wir auch versuchen, es aus einem spirituellen Gesichtspunkt zu betrachten. Und dann kann man natürlich sagen: na ja gut, das kann ich überhaupt nicht, denn ich nehme den geistigen Aspekt der Weltgeschehnisse nicht konkret wahr. Nun, das muss man auch nicht, aber was wir sehr wohl tun können, ist, uns in die Geisteswissenschaft zu vertiefen, die es schon gibt. Und das ist die Anthroposophie. Rudolf Steiner hat sich in seiner Zeit sehr viel Mühe gegeben, eine spirituelle Sicht auf das damalige Weltgeschehen zu geben. Und das ist immer noch außerordentlich lehrreich. Es ist wirklich nicht so, dass das nach hundert Jahren völlig andere Charakterzüge bekommen hätte. Natürlich ist der Inhalt anders geworden, aber das, worum es geht, was im Hintergrund der Menschheitsentwicklung eigentlich immer wirkt und was selbst auch in Entwicklung ist – die Prinzipien davon hat Rudolf Steiner in seiner Zeit sehr deutlich beschrieben, vor allem in Vorträgen. Und in einem dieser Vorträge spricht er dann das aus, was ich vor einiger Zeit vorgelesen habe, nämlich dass das Chaos und der Kampf in der Welt aufhören können, wenn der Mensch nicht lernt einzusehen, dass Geist wirksam ist. Das allein würde schon unglaublich viel bewirken. Und bei Rudolf Steiner ist es natürlich so, dass er auch ganz konkrete Hinweise dafür gegeben hat. Und in derselben Zeit hat er über die geistigen Hintergründe in unseren menschlichen Seelen gesprochen. Er stellte die Frage: Ist es denn nun eigentlich so, dass in der menschlichen Seele nur der Mensch selbst und seine Umgebung, sein direkter Kreis von Menschen, eventuell noch die Verstorbenen wirksam sind? Oder wirken in unserer Seele auch höhere geistige Wesen mit? Und dieser Gedanke nimmt dann sehr konkrete Formen an, und das wollte ich heute besprechen. Also könnte man sagen, er stellt die Frage: könnte es so sein, dass die Engel in unserer Seele wirken? Und die Antwort ist ja. Und dann ist die Frage: was sagen sie uns dann, und wie können wir Menschen so weit kommen, dass wir davon auch ein gewisses Bewusstsein haben?
Nun ja, die Bescheidenheit lehrt uns natürlich, dass wir nicht einfach sagen können: nun, ich weiß das alles schon, ich werde mir sehr klar bewusst, was die Engel in unserer Seele zu sagen haben. Das ist natürlich, wenn man ehrlich ist, nicht der Fall. Aber man kann sehr wohl bei diesem großen geistigen Lehrer Rat suchen, der das ausführlich beschrieben hat, und wenn man das aufnimmt, dann ist es auch klar, dass es wahr ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das lesen, dass man das aufnehmen könnte und dass man es bezweifeln könnte. Nicht weil er es gesagt hat, darum geht es überhaupt nicht, sondern weil das, was er sagt, einem selbst so eigen ist, dass man sagt: ja, das erkenne ich auch wirklich wieder. Zwar höre ich diesen Engel nicht selbst sprechen und sehe nicht, welche Bilder dieser Engel in meiner Seele webt, aber nun, da ich höre und mehr oder weniger zur Anschauung bekomme, was die Engel in die Menschenseelen einbringen wollen, ja, da weiß ich, dass das tatsächlich in meiner Seele vorhanden ist. Und ich weiß natürlich auch, dass das etwas ist, was über mein persönliches Interesse hinausgeht. Und was sind dann diese Prinzipien, diese Bilder, die die Engel in unsere Seele einbringen, so dass wir danach leben könnten? Sehen Sie, das könnte ein Szenario sein, dass man sich mit diesen Bildern durchdringt, und das sind moralische Bilder. Und moralisch ist ein schwieriges Wort; man kann auch sagen, es ist die Tugend, die da spricht, die hohe humane Tugend. Das ist etwas ganz anderes als das Wort Anstand, das heutzutage so oft klingt und eine Art bürgerliche Moral ist. Darum geht es nicht. Das sind hohe humane Prinzipien, aber die werden erst menschlich, wenn die Menschen sie auch mitdenken, fühlen und wollen können. Und so beschreibt Rudolf Steiner das. Eines dieser Prinzipien ist, und das ist das Prinzip des Willens. Das ist das Gebiet, das bei uns im physischen Dasein die größte Rolle spielt in der Handlung: eine moralische Intuition, eine Vorstellung von etwas, das in der Zukunft in der Menschheit eine Selbstverständlichkeit werden sollte, nämlich dass wir uns nicht glücklich fühlen können, solange es noch andere Menschen gibt, andere lebende Wesen sogar, die dieses Glück nicht teilen. Das ist das hohe Prinzip der Brüderlichkeit.
Sie kennen das alles, wir leben in den Niederlanden in einer geschützten Umgebung, vorläufig noch. Menschen, die in einer ungeschützten Umgebung leben, die möchten gern in den Niederlanden sein. Dort scheint es sicher zu sein. Man kann dafür dankbar sein, und man kann natürlich auch in sich selbst das Gefühl haben: wie froh bin ich, dass ich nicht erleben muss, was dort zum Beispiel in der Ukraine, in Russland erlebt wird oder was in Israel, Palästina erlebt wird. Das ist natürlich ein berechtigtes Gefühl der Dankbarkeit, aber man könnte gleichzeitig darüber doch sehr unglücklich sein, und das sind auch viele Menschen. Ich will überhaupt nicht sagen, dass dieses Ideal unter den Menschen noch völlig unbekannt wäre, aber das Ideal, dass man nicht glücklich ist, solange nicht alle Menschen die Ruhe und das Glück gefunden haben, das ist natürlich ein sehr hohes, bereicherndes Prinzip der Brüderlichkeit. Da hört aller Nationalismus auf, da hört aller Unterschied in Hautfarbe, im Geschlecht, in was auch immer auf. Da spielt das alles keine Rolle mehr; da gilt das Prinzip der Brüderlichkeit innerhalb der gesamten Menschheit. Das ist ein hohes Ideal, an das man als Mensch doch gern denken möchte. Das könnte ein Szenario-Gedanke sein, dass man sich eine Welt vorstellt, in der dieses Prinzip der Brüderlichkeit durchgedrungen ist, und zwar nicht, weil es von den Vereinten Nationen auferlegt wird, nicht weil eine politische Partei sagt, dass es so sein müsse, sondern weil in allen Menschen dieses Prinzip der Brüderlichkeit als eine Eigenheit lebt.
Das scheint mir ein wunderschönes Szenario für die Zukunft zu sein. Und die Engel weben diese Zukunftsbilder in unsere Seele, aber der Mensch muss sich dessen bewusst werden, und ist es nicht so, dass, wenn man das hört, man das als etwas fühlt, das einem sehr eigen ist? Wenn man sich das wirklich zu eigen macht, dann erfüllt man das, was die Engel in unsere Seele einbringen wollen. Das zweite Prinzip hat mit dem Gefühl zu tun, und da kommt es wirklich darauf an, dass man das Geistige im Erden-Dasein bewusst kultiviert. Nämlich dass man, wenn man einem Menschen gegenübersteht, und der Mensch trägt den Geist auf Erden mit sich, es kein anderes Wesen gibt, das das in der sichtbaren Welt tut.
Man kann Tiere lieben, aber man müsste wohl sehen, dass ein Tier zwar einen Geist hat, diesen aber nicht auf Erden trägt, und dass der Mensch das sehr wohl hat. Das müsste kultiviert werden, dass man, wenn man sich als Menschen begegnet, auch fühlen, erleben würde, dass der andere Mensch ein geistiges Wesen ist. Und wenn man das wirklich – und dann also nicht vorgestellt, nicht dass man sich wieder verpflichtet fühlt, zu sich selbst zu sagen: oh ja, ich muss das so fühlen – nein, es muss dann auch wirklich echt sein. Dass man es auch wirklich in sich selbst erlebt: dieser Mensch, mit dem ich jetzt zusammen bin, ist, genau wie ich, ein souveränes geistiges Wesen, eine geistige Individualität.
Wenn das wirklich zu uns Menschen durchdringen würde, dann bräuchte es keine Unterschiede in der Religion mehr, denn man hätte das, wonach man in der Religion strebt, nämlich eine Wiederverbindung mit der geistigen Welt, mit Gott, das hätte man von selbst. Nicht weil man in seinem Mitmenschen Gott sieht, sondern weil man in seinem Mitmenschen einen Bewohner jener göttlichen Welt vor sich hat. Und das würde bewirken, dass man so viel Achtung, so viel Respekt, so viel Liebe auch fühlen würde für diesen Mitbewohner der geistigen Welt, dass es keinen Religionsstreit mehr geben könnte, denn man wäre sich in allem einig. Und da steht ein sehr schöner Satz in jenem Vortrag von Rudolf Steiner, der sagt: ja, eigentlich müsste das höchste Ziel jeder Kirche sein, dass sie sich selbst überflüssig macht.
Nun ja, damit sollte man natürlich nicht einfach so kommen, denke ich, aber man kann schon verstehen, dass es so weit kommen könnte, dass wir als Menschen so geistesbewusst sind, dass wir uns nicht nur des eigenen Geistes bewusst sind – was wir oft schon nicht sind –, sondern dass wir in jedem anderen Menschen ein geistiges Wesen gewahr werden, wodurch das Ideal der Religion in Wahrheit erfüllt ist. Und dann gibt es das dritte, und das ist der Bereich des Denkens. Und damit kommen wir dann wirklich in das Gebiet der Anthroposophie, nämlich in das Gebiet der Geisteswissenschaft. Es sollte so weit kommen, dass jeder Mensch in sich gewahr wird, dass im Denken wirklich der Geist wirksam ist. Dass man das nicht glauben kann, hängt mit der Tatsache zusammen, dass das Denken so abstrakt ist.
Aber es gibt einen Weg, den man gehen kann, wodurch man dieses Denken kennenlernt als eine geistige Kraft, die bewirkt, dass man Weisheit sammeln kann. Und wenn man das Denken so zu entwickeln wüsste, dass es selbst ein Element wird, das den Geist zu handhaben weiß, und dieser Weg existiert, der steht zur Verfügung, den kann im Grunde jeder denkende Mensch gehen. Wenn man diesen Weg geht, dann kommt man in ein Geistesgebiet, das direkt mit jener menschlichen Individualität zu tun hat, die geistig ist, die man selbst ist. Da ist die Geisteswissenschaft. Es gab einen Menschen, das war Rudolf Steiner, der diese Fähigkeit, den Geist aus dem Denken heraus so unmittelbar zu schauen, so stark entwickelt hatte, so weit entwickelt hatte, dass er mit diesem schauenden Denken – was etwas anderes ist als das abstrakte intellektuelle Denken –, dass er mit diesem schauenden Denken die geistige Realität im Dasein wahrnehmen und wissenschaftlich in Zusammenhänge bringen konnte. Diese Geisteswissenschaft, die existiert bereits, und er selbst hat nie den Anspruch erhoben, dass diese Wissenschaft vollständig oder unverbesserbar sei. Das ist überhaupt nicht der Fall, aber es gibt sehr wohl ein großes Gebiet an geistiger Realität hinter den Dingen, das man aufnehmen könnte. Und das Besondere ist dann natürlich, dass man das mit einem Denken tut, das selbst auch Geist ist. Also braucht man überhaupt keine Angst zu haben, dass man unter den Einfluss einer Geisteswissenschaft kommt, die nicht wahr ist. Man nimmt diese Geisteswissenschaft auf mit seinem eigenen aus dem Geist stammenden selbständigen Denken, mit dem man in der Lage ist, gewahr zu werden, ob etwas wahr ist oder nicht.
Wie kann es dann sein, dass es dennoch sehr viele Menschen gibt, die diese Geisteswissenschaft aufnehmen und sie dann anschließend mit ihrem eigenen Denken ablehnen? Ja, das hängt mit der Tatsache zusammen, dass man als Mensch nicht einfach so in der Lage ist, mit dem Denken etwas unbefangen aufzunehmen. Man kommt immer bei etwas, das man aufnimmt, mit einem ganzen Rucksack an, mit bereits gebildeten Meinungen und Urteilen, und diesen trägt man jeder Inhalt entgegen, dem man begegnet. Das tut man also natürlich auch bei der Geisteswissenschaft. Das geht eigentlich nicht. Man müsste dem ein unbefangenes Denken entgegenstellen, weil es etwas ist, das völlig neu ist. Man kann da eigentlich überhaupt nicht mit seinem Rucksack ankommen. Man müsste den erst ablegen und dann das Vertrauen haben, dass das, was man aufzunehmen beginnt, dass das eigene Denken stark und realistisch genug ist, unbefangen auszumachen, ob es wahr ist oder nicht. Und was mich betrifft, ist die Wahrheit dieser Geisteswissenschaft eigentlich in jedem Satz gewahr zu werden. Aber wenn man das dann nicht kann, dann ist es doch noch so, dass man aufgrund des Zusammenhangs, der in dieser ganzen Geisteswissenschaft besteht, schließen müsste, dass es wohl wahr sein muss. Denn wie kann jemand, sagen wir, während zwanzig Jahren so unglaublich viel Inhalt hervorbringen, während dieser Inhalt miteinander im Zusammenhang bleibt? Das kann man mit Erfindungen nicht erreichen, denn hier herrscht natürlich das Prinzip: die Wahrheit vergisst man nicht, die Lüge aber schon. Also wenn man nur so drauflos erfindet, dann hat man das nach nicht allzu langer Zeit doch wieder vergessen, die Grundprinzipien davon, denn die gibt es ja nicht. Während wenn man die Wahrheit vertritt, dann bleibt man natürlich bei diesen Grundprinzipien. Das ist, was die Engel in unsere Seele so weben, dass wir Menschen davon ein Bewusstsein erlangen können. Und wenn wir das dann schon nicht selbst können, dann ist da, wie gesagt, diese Geisteswissenschaft, in der die Möglichkeit vorhanden ist, das, was die Engel in unsere Seele weben, zu erkennen. Und ich kann aus eigener Erfahrung, aus tiefstem Herzen sagen, dass wenn man auf diese Weise den Geist im Dasein denkend, fühlend und schließlich auch handelnd aufnimmt, dass man dann dem Gedanken zustimmen muss, man kann gar nicht anders als dem Gedanken zustimmen: wenn viele Menschen diesem folgen würden, dann bräuchte es tatsächlich keine Kriege mehr zu geben.
Das scheint mir eine Art Grundszenario für die Zukunft zu sein, und ohne diese Grundbegriffsregeln glaube ich auch nicht, dass es viel Sinn hat, darüber zu fantasieren, wie die Welt aussehen sollte. Vielleicht kann ich das nächste Mal dieses Thema weiter ausarbeiten; das muss sich in der kommenden Zeit erweisen. Soweit.



