Unabhängiges Urteil

Ich sitze herrlich in der Herbstsonne zwischen zwei Regenschauern und denke nach über die vergangene Woche, als in den Niederlanden die Wahlen waren. Diese haben eine große Überraschung gebracht, und ja, das führt natürlich dann dazu, dass man sich doch besinnt auf die Frage: wie kann es doch sein, dass ein Ergebnis herauskommt, das so weit von den Umfragen abweicht und das für alle eine  so große Überraschung ist? Was ist da eigentlich geschehen, wodurch sich das in kurzer Zeit in der niederländischen Bevölkerung so verändert hat? Und es geht mir dann nicht so sehr um die Frage in diesem speziellen Fall, sondern mehr um eine allgemeine Frage: wie das denn in unserer Zeit überhaupt wirkt.

Ich erinnere mich dann an die Zeit im Gymnasium im Geschichtsunterricht, da bekamen wir irgendwann ein Bündel mit Broschüren von den verschiedenen politischen Parteien, und die Aufgabe war, daraus die Lieblingspartei zu wählen. Nun ja, gut, was macht man dann? Dann liest man das natürlich alles, man muss ja wohl. Und was für mich sehr deutlich war, war, dass ich darin keine Lieblingspartei finden konnte. Was wird das gewesen sein? Sechziger Jahre, letztes Jahrhundert, schon damals. Also sucht man nach etwas, das übereinstimmt mit dem, was man in sich selbst als wichtig für die Niederlande erlebt. Und man findet hier dies, dort das, aber dort, wo man dies gefunden hat, ist das, was jene Partei vertritt, gar nicht das, was man findet. Da findet man das; aber wo man das findet, ist überhaupt nicht zu finden, was man dort gefunden hatte, was man positiv fand.

Also das ist ziemlich hoffnungslos natürlich, man findet eigentlich keine politische Partei, von der man sagt: Nun ja, die entspricht dem, was ich selbst wichtig finde. Aber ja, das hat natürlich auch nicht so viel Bedeutung, dass eine einzelne Person das so erlebt. Und ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wie das weiter in der Klasse war. Aber es ist bei mir so geblieben. Ich habe im Lauf meines Lebens nie einen Moment gehabt, in dem ich feststellen konnte: Diese politische Partei steht nun wirklich für das, was ich selbst auch als Politik wünschen würde, in unserem Land, in den Niederlanden. Nun ja, das wird in anderen Ländern wohl auch so sein. Und ja, man fragt sich dann, was es nun eigentlich ist, wodurch Menschen eine bestimmte Wahl treffen.

Offenbar ist diese Wahl bis zum allerletzten Moment unklar, und die letzten Momente sind bestimmend dafür, wie schließlich das Kästchen in der Wahlkabine ausgefüllt wird. Also sind die letzten Tage offenbar von größter Bedeutung. Und das war eigentlich bei den vorigen Wahlen auch der Fall, als schließlich die PVV mit Geert Wilders die größte Partei zu sein schien. Was auch eine Überraschung war, dass sie so groß wurde. Jetzt ist es D66 mit Rob Jetten, die für eine Überraschung sorgt. Und was man dann sieht, ist, dass in den letzten Tagen vor den Wahlen, während dieser öffentlichen Debatten im Fernsehen – ich habe sie nicht gesehen, wohl kleine Ausschnitte, aber ich kann es wirklich nicht aufbringen, mir das anzusehen – dass in diesen Fernsehdiskussionen schließlich ein Gewinner hervortritt, was das Debattieren betrifft.

Und ich kann nichts dafür, aber ich muss immer an Fußballspiele denken, auch an jenen Abend nach den Wahlen. Es hat für mich nicht viel zu tun mit dem Interesse des Landes, sondern es ist mehr eine Art Sieg für diesen oder jenen. Und jeder zieht natürlich seine eigenen Schlüsse daraus, aber ich finde es sehr schwer, das anzusehen. Und die Frage kam bei mir auf: was ist hier eigentlich doch im Gange? Meine Antwort ist, dass der Mensch immer mehr und mehr sich anlehnt an das, was mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. Nicht das, was man in einer Broschüre liest oder auf einer Website, sondern das ganze Geschehen, das Streitgespräch. Und derjenige, dem es am meisten gelingt, die Dinge so zu sagen, dass sie die Herzen der Menschen berühren, der gewinnt.

Das ist doch sehr beunruhigend. Nicht, dass ich sagen will, es sei beunruhigend, dass jetzt D66 die größte Partei wird – wahrscheinlich, es ist Sonntag, ich weiß es noch nicht sicher. Darum geht es nicht, aber was ich beunruhigend finde, ist, dass sich hier zeigt, dass Menschen kein selbständiges Urteil mehr bilden, sondern sich mitreißen lassen von dem, was die Öffentlichkeit eigentlich zu bieten hat. Und dann wird, abgesehen von dem, was der Inhalt einer Partei ist, vor allem auch das Gesicht des Spitzenkandidaten, der an den Debatten teilnimmt, das Bestimmende für das, was man tut. Und das ist nur ein Symptom; ich habe nicht die Illusion, dass das nur hier so ist. Das ist etwas, das in der ganzen Menschheit immer mehr der Fall wird, dass der Mensch sich anlehnt an das, was geboten wird, nicht auf seinen eigenen Denkfüßen steht und überlegt, was er will und was er findet und was sein sollte und was er wissen kann, sondern sich neigt zu dem, was ihm geboten wird.

Und man kann natürlich auch zu YouTube gehen und ganz andere Richtungen aufsuchen als die Mainstream-Richtungen, aber dann lehnt man sich auch an das an, was dort gesagt wird. Ich versuche, das nicht zu tun. Ich versuche, hier zu sitzen und nicht jemand zu werden, der Einfluss ausübt auf die Meinung der Menschen, inhaltlich. Das Einzige, was ich hoffe, ist, dass ich durch das, was ich sage und was ich tue, ein Bewusstsein ein wenig wecken kann für die Tendenz, die da ist, dass der Mensch das eigene selbständige Urteilsvermögen aus der Hand gibt, und das ist wirklich etwas sehr Schreckliches, wenn das geschieht.

Sieh, früher – und ich kann nichts dafür, dass ich auf früher verweise, denn ich bin nun einmal ein bisschen älter, also habe ich ein Früher – früher, wenn man etwas wissen wollte, ging man zur Enzyklopädie und suchte es dort, und wenn es dort nicht stand, ja, dann hatte man ein Problem. Dann musste man sehen, dass man es auf irgendeine Weise herausfand. Es war eine ganze Mühe, bestimmte Fakten in Erfahrung zu bringen. Man kann sich das jetzt gar nicht mehr vorstellen, dass man nicht einfach sein Handy nimmt und selbst im Internet nach der Antwort auf eine Frage sucht – das kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen. Aber so war es natürlich.

Ich erinnere mich auch, gelesen zu haben über die Zeit von Rudolf Steiner, dass es dort einen Mann gab, der damals lebte, der hieß Friedrich Eckstein, und dieser Mann war eine Art ChatGPT. Der saß in einem Café an einem Tisch, dort konnte man ihn finden, und wenn man etwas wissen wollte, ob das nun etwas Inhaltliches war oder bestimmte Meinungen oder Urteile oder Tipps oder wohin man sich am besten wenden konnte, um Spenden zu bekommen, was auch immer die Frage war – er hatte die Antwort. Wie das möglich war, das bleibt mir vorläufig ein Rätsel, aber es war so, und er ist eine bekannte Gestalt in der Geschichte, von der gesagt wird, dass – als Scherz natürlich – die Enzyklopädie nachts aus dem Schrank kam, um ihn um Rat zu fragen in bestimmten Fragen, die nicht in der Enzyklopädie vorkamen.

So groß war das Wissen dieses Mannes. Nun, das kommt wirklich nicht mehr vor, aber wir haben natürlich ChatGPT, und ich bin eigentlich gar nicht unglücklich darüber, dass wir das haben. Denn solange es um Fakten geht, hat man wirklich sehr viel davon. Und warum sollte man seine Zeit verlieren? Also sagen wir, eine halbe Stunde Suche in einer Suchmaschine, wenn man die Antwort in einer halben Sekunde haben kann. Das ist natürlich überhaupt nicht schlimm, dass es das gibt. Aber schlimm ist es, wenn man es nicht bei Fakten belässt, sondern auch Urteile sucht in Quellen, die nicht die eigenen sind. Man darf sich nicht anlehnen an Urteile anderer.

Man muss die Aktivität aufbringen, für alle Dinge im Leben den Mut zu haben und auch den Willen, die Anstrengung, sich selbst ein Urteil zu bilden. Denn es geht verloren. Und ja, ich will nicht als Verschwörungstheoretiker erscheinen, aber man könnte doch denken, dass eine gewisse Macht am Werk ist, und das kann durchaus eine übersinnliche Macht sein oder eine untersinnliche; das muss keine äußere Bruderschaft oder so etwas sein, aber dass eine Macht am Werk ist, die das auch so will, dass der Mensch das Selbständige allmählich ablegt, aus freiem Willen. Niemand sagt, dass man das tun muss, aber man tut es einfach, denn es ist viel leichter, sich anzulehnen an das, was andere finden und sagen, und sich anzulehnen an das, was sich, sagen wir, emotional von außen her an einen heranträgt.

Das ist etwas ganz anderes, als dass man in sich selbst sich bei allen Dingen fragt: wie will ich hier nun dazu stehen? Das kostet Mühe, da muss man Daten sammeln, und man muss dann abwägen, das eine gegen das andere, und man muss eine Art inneres „Messinstrument“ haben, um zu fühlen, zu erleben, ob etwas wahr ist oder nicht. Das muss man auch entwickeln; das ist alles eine ganze Mühe. Es ist viel leichter, einfach den Fernseher oder YouTube einzuschalten und dann wieder eine Sendung anzusehen oder ein Filmchen zu schauen und all diese Bilder zu sehen und dann daraus, aus dem, was einem vorgesetzt wird, seine Meinung bilden zu lassen. Das ist, was ich beunruhigend finde am Verlauf dieser Wahlen in den Niederlanden, dass es ein Symptom zeigt für eine Schwächung des Urteilsvermögens.

Und diese Schwächung wird auch noch unterstützt durch die Tatsache, dass wir immer weniger finden dürfen. Wir haben eine Meinungsfreiheit, so heißt das, aber es wird immer schwieriger, eine Meinung frei zu äußern. Wenn sie nur im Strom des Akzeptierten liegt, dann kann man alles sagen, aber wenn man etwas anderes finden sollte, das dagegen geht, gegen bestimmte Bewegungen, die nun einmal da sind, ja, dann kann man es schon sehr schwer bekommen. Also wird das frei gebildete Urteil in diesem Sinn auch erschwert. Ich habe schon öfter in diesen Videos über die Entwicklung des Denkens gesprochen. Ich habe auch über die Notwendigkeit gesprochen, dass wir als Menschen lernen zu erkennen, dass die Welt, wie sie sich uns zeigt, nicht das Ganze ist.

Dass in dieser Welt eine geistige Realität wirksam ist, die Form und Gestalt gibt. Und diese Welt der geistigen Realität, sagen wir, die niedrigste Stufe davon, die wir erreichen können, unmittelbar, ist die Stufe des reinen, gewollten, selbständigen Denkens. Also werde ich darüber in der kommenden Zeit noch ein wenig weiter sprechen. Ich weiß, dass viele Menschen überhaupt keine Lust haben, das zu hören. Aber ja, was soll man machen? Ich sehe es als eine absolute Notwendigkeit, dass ein Aufruf an die Menschheit ergeht: Denkt ohne Stütze, was ihr auch denken wollt. Lehnt euch nicht an das, was da ist, sondern an das, was euer reiner Teil des Herzens euch denken lässt. Soweit meine Betrachtung in Bezug auf die Wahlen der vergangenen Woche.

 

 

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Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann….

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