Wahrheit

Ja, wir sind wieder einmal zurück, im warmen Sommer haben wir uns doch etwas zurückgezogen, was die Videos betrifft jedenfalls, und jetzt werde ich versuchen, den Faden wieder aufzunehmen. Ich wollte zu Beginn ein Gefühl, eine Wahrnehmung besprechen, die immer stärker wird. Ich habe in, na ja, ich denke, das muss in den neunziger Jahren gewesen sein, versucht, mit einem Professor für östliche Philosophie zu einem Dissertationsthema zu kommen in Bezug auf einerseits den ethischen Individualismus von Rudolf Steiner und andererseits die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.

Dafür hatte ich einen Professor angesprochen, der die Theorie von Habermas in den Niederlanden eingeführt und bekannt gemacht hat, und er hatte mich ermutigt, das zu tun, aber es musste nur jemand hinzukommen, der mehr die spirituelle Seite dieses Gegensatzes beleuchten könnte. Worum es mir nun geht, ist, dass ich damals dahintergekommen bin, das wusste ich wirklich nicht, denn ich bin kein Berufsphilosoph, niemand, der ein philosophisches Studium an der Universität absolviert hat – ich bin inzwischen natürlich wirklich ein Philosoph, aber nicht in dem Sinne, dass ich ein Doktorexamen vorweisen kann.

Ich bin Arzt. Aber ich bin damals dahintergekommen, und das ist also doch etwas ganz anderes, als wenn man es aus den Büchern kennenlernt, dass das Phänomen Wahrheit in der Philosophie nicht mehr anerkannt wird. Dieser Utrechter Professor, der Habermas eingeführt hatte, hat mir damals geschrieben, dass mein Buch „Suche das Licht …“ von selbständigem Denken zeuge, dass es aber davon ausgehe, dass es eine prima philosophia gibt, dass es sie gibt.

Und das wird in der modernen Philosophie nicht mehr anerkannt, es gibt keine grundlegenden philosophischen Wahrheiten, wie man sie in der Logik des Aristoteles findet. Das wird in diesem Sinne nicht anerkannt. Wahrheit wird anerkannt, die durch kommunikative Prinzipien gemeinsam also als wahr angenommen wird. Das hatte ich natürlich in den Büchern von Habermas wohl verstanden, aber dass es so weit geht, dass die Wahrheit an sich nicht mehr als ein bestehendes Prinzip, um nicht zu sagen Wesen, anerkannt wird, dahinter kam ich also damals in dieser Zeit eigentlich erst wirklich.

Und also noch einmal nicht dadurch, Bücher zu lesen, sondern dadurch, zu erfahren, dass man mit demjenigen, was man eine Wahrheit nennen könnte, die dadurch entsteht, dass man die verschiedenen Gedanken, die miteinander kombiniert werden, so beurteilen kann, dass man auf dieser Grundlage sagt, dass etwas wahr ist. Und das ist doch wirklich Philosophie? Ich meine, die Naturwissenschaft braucht äußere Tatsachen, aber die Philosophie stützt sich nicht darauf, sie stützt sich auf Gedanken, auf Ideen, und was mich betrifft, ist es so klar wie nur irgendetwas, dass man Wahrheit auch aus der richtigen Kombination von Ideen wahrnehmen kann. Das ist schließlich auch der Grund, wodurch ich weiß, dass dasjenige, was Rudolf Steiner als Geisteswissenschaft gebracht hat, Wahrheit ist. Das lässt sich nicht einfach durch Wahrnehmung bestätigen, denn man hat nicht diese Hellsehergabe, die Rudolf Steiner hatte, aber man hat doch das Denkvermögen, das in der Kombination der Ideen die Wahrheit erkennen kann.

Nun, dahinter kam ich also, dass das nicht mehr anerkannt wird, dieses Prinzip, das im Menschen lebt. Und das ist natürlich eigentlich auch eine Voraussetzung dafür, dass man schließlich zu einer Vermenschlichung der künstlichen Intelligenz kommen kann. Wenn man sie benutzt, dann ist klar, dass sie ausschließlich auf Daten basiert.

Sie kombiniert die Daten und darunter steht natürlich immer: KI kann Fehler machen. Nun, das wird manchmal sehr ergreifend deutlich, aber das kann man als Mensch dann feststellen, während das System, sich auf Daten stützend, bei einer Kombination, die so beschaffen ist, durchaus recht haben könnte. Man hat also in Wirklichkeit als Fundament für den Wunsch, dass künstliche Intelligenz schließlich menschliche Höhe erreichen kann, dafür nötig, den Wahrheitssinn im Menschen zu verleugnen, zu sagen, dass es ihn nicht gibt.

Schau, dann ist natürlich tatsächlich die künstliche Intelligenz in vieler Hinsicht der Boss. Denn wenn man sieht, über welches Gedächtnis sie bereits verfügt und wie sie dieses nutzen kann, indem sie in einigen Sekunden das ganze Internet nach Antworten auf eine Frage durchsucht, die man stellt, dann ist das natürlich nicht zu vergleichen mit dem, was man als Mensch sehr mühsam aus diesem tief in sich selbst verwurzelten Gedächtnis schöpfen muss, das dann menschlich ist. Für Fakten kann man sich also durchaus an die künstliche Intelligenz wenden.

Aber wenn man anfangen wird zu meinen, dass darin auch ein Wahrheitsprinzip liegt, das wird man nicht meinen, denn man hat es bereits abgeschafft. Hätte man es aber noch aufrechterhalten, dann wäre die richtige Position der künstlichen Intelligenz selbstverständlich. Nämlich ein grandioses Dossier, aber keine Möglichkeit, Wahrheit festzustellen.

Nun ist es so, dass wir diese Dossierfunktion nicht haben und von uns auch nicht erwartet wird, die Wahrheit zu haben. Das hat sich in den zwanzig Jahren, die vergangen sind, dreißig Jahre inzwischen, dramatisch verändert, dieses Gefühl des Menschen, dass er in der Wahrheit sein könnte. Es wird nämlich auch äußerlich ständig bestätigt, dass es keine Wahrheit gibt.

Man wird ständig, ich will nicht sagen betrogen, aber so etwas ist es doch, man wird ständig auf eine falsche Spur gesetzt, aber dabei wird ein bestimmter moralischer Zwang angegeben, dass das die Wahrheit sei, während die Wahrheit nicht existiert. In einer solchen Gemeinschaft leben wir, und wenn man nun nicht spirituell begabt ist, oder, sagen wir, wenn man überhaupt nicht an den Geist glaubt – ich kann nicht sagen, dass ich an den Geist glaube, aber ich nehme den Geist wahr, das ist eine Wahrheit. Aber wenn man das nun nicht hat, dann kann man noch denken, na ja gut, okay, wir kommen durch Beratung, das ist sehr schön, miteinander zu Schlussfolgerungen und benennen diese als geltend, daran halten wir uns, wir alle zusammen, denn nur gemeinsam können wir etwas erreichen.

Das wird also dann von einer Anzahl von Menschen beispielsweise in einem Thinktank festgestellt, das ist keine Wahrheit, sondern das ist eine vorläufige Übereinstimmung, bis uns etwas anderes einfällt, was wichtig ist. Nun, darin lebt man, und wenn man nun nicht in der Spiritualität lebt, sondern nur die Naturwissenschaft hat oder nur die öffentliche Meinung, na ja gut, dann wird man das wohl akzeptieren und dann geht man eben mit diesem Strom und jenem Strom mit und man fühlt irgendwo in sich selbst, na da bin ich wohl damit einverstanden und da bin ich nicht damit einverstanden, aber dass das nun mit Wahrheit etwas zu tun haben sollte, das kommt wahrscheinlich nicht so sehr im Erleben vor. Wenn man dagegen sehr wohl in der geistigen Realität des Daseins lebt, dann muss man also in einer ständigen Diskrepanz zwischen der Wahrheitswelt und der Lüge leben, in die man ständig eingetaucht ist.

Vielleicht hat es auch mit dem Älterwerden zu tun, aber ich denke, es ist viel mehr die Entwicklung der sozialen Struktur. Es wird immer schwieriger, das zu ertragen, abgesehen vom Inhalt. Auch wenn der Inhalt einen anspricht und er nicht auf einer geistigen Realität beruht, sondern auf Meinungen und Urteilen, die vorübergehend sind, dann wird auch das allmählich unerträglich.

Ich würde dafür plädieren, oder wie auch immer man das nennen möchte, dass das allgemeine Bewusstsein zurückkehrt, dass der Mensch Träger der Möglichkeit zur Wahrheit ist. Ich will nicht sagen, dass er immer in der Wahrheit ist. Das ist natürlich nicht so, denn dann könnte das nicht so geschehen, wie es jetzt geschieht.

Aber die Möglichkeit haben wir. Und obwohl das Leben zeitweise ungefähr unerträglich wird, weil man als konkrete Erfahrung hat, wie man belogen wird und wie das, sagen wir einmal, mit dem eigentlichen Sein der Wahrheit kollidiert, die auch die menschliche Wahrheit ist, obwohl dieses Erleben immer schwieriger wird, ist andererseits natürlich doch das Bewusstsein und das Erleben, das Durchdrungensein davon, dass der Mensch im Wesen ein Wahrheitswesen ist, eine sehr große Glückseligkeit. Dabei lasse ich es für dieses erste Mal dann wieder bewenden.

Und ich hoffe, dass dieser wunderschöne Sommer es uns erlaubt, wieder mit sehr viel Mut und Tatkraft dem Herbst entgegenzuleben.

 

Een reactie

  1. Liebe Mieke Mosmuller,
    wie schön das ich Sie hier im Netz entdeckt habe. Mein Impuls war Ihnen einen Gruß zu schreiben und von meiner Forschungsarbeitzu berichten. Mein Name ist Elisabeth Holling. (Eurythmie/ Heileurythmie MA.)
    Ja Sie haben vollkommen Recht mit dem was Sie sagen über den Elektromagnetismus. Forsche seit 2010 an diesem Thema. Meine Arbeit hieß: Angewandte Eurythmietherapie für die Arbeit am Bildschirm.
    Gerne möchte ich mich mit Ihnen unterhalten schreiben, treffen.
    Ganz wie es gerade passt. Ich würde mich sehr freuen und sende Ihnen beste Grüße aus Berlin
    Elisabeth Holling

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Wer ist Mieke Mosmuller?

Mieke Mosmuller ist Ärztin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie schreibt über aktuelle Themen, die ihren philosophisch-spirituellen Entwicklungsweg berühren, den sie 1983 begann….

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