Ist es nicht bemerkenswert, dass das Osterfest – und damit natürlich auch Himmelfahrt und Pfingsten – noch immer in Verbindung mit dem Kosmos festgelegt wird? Das ist doch für den abstrakten Verstand etwas ganz Besonderes. Dass nicht längst gesagt wurde: Nun ja, wir machen es wie Weihnachten. Ostern war als Ur-Ostern am Wochenende des 5. April. Also legen wir es einfach dort fest und feiern es jedes Jahr so. Nein, es wird auf die kosmischen Erscheinungen Rücksicht genommen. Nämlich: Ostern fällt auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingspunkt. Und das bedeutet – daran sind wir natürlich gewöhnt –, dass wir nicht sagen können: Ostern ist immer am Wochenende des 5. April. Dann müsste man vielleicht auch sagen: Wir nehmen nicht das Wochenende, sondern legen die Daten fest.
Der abstrakte Verstand hat das noch nicht vollbracht. Es bleibt so, wie es ursprünglich ist, nämlich dass das kosmische Verhältnis zur Erde für das Phänomen des Osterfestes von Bedeutung ist. Und nun haben wir dieses Jahr ein spätes Ostern. Und das bringt mit sich – ich habe das als sehr besonders erlebt –, dass die Natur natürlich etwas weiter ist, als wenn wir Ostern Ende März oder Anfang April feiern. Dieses Jahr kann man die Natur wirklich in voller Üppigkeit betrachten. Sie jubelt gewissermaßen. Und es ist noch nicht Ostern. Und was man sieht, ist eine überwältigende, liebliche Schönheit von Wiesen mit Gänseblümchen und Löwenzahn. Die Apfelbäume in voller Blüte. Die Kirschbäume gerade verblüht. Die Zierkirsche oft noch in voller Blüte. Wirklich wunderschön. Was für eine Lieblichkeit. Und wenn man dann daneben die täglichen Nachrichten aufnimmt
dann muss man doch fühlen, dass es eigentlich keinen größeren Kontrast gibt. Diese Natur, die uns jedes Jahr ohne zu klagen mit ihrer Schönheit erfreut, während wir als Menschheit uns grob danebenbenehmen. Und ich glaube, dass man das als das Thema von Leiden und Auferstehung rund um Ostern sehen muss, dass das, was wir Menschen an Bösem leisten, eigentlich das ist, was am Karfreitag – wie soll man das sagen – für immer ins Gleichgewicht gebracht wird, obwohl wir als Menschheit natürlich noch folgen müssen. Man sieht in der Natur diese Leidensfähigkeit und Toleranz, die mit dem Lebensleib der Erde und des Kosmos zusammenhängt. Davon kann man als Mensch wirklich etwas lernen, und wenn man dann daneben uns als Menschheit sieht, die ständig damit beschäftigt ist, sich gegenseitig mit Mitteln zu bekämpfen, bei denen man als vernünftiger Mensch sagt: Wie ist das möglich?
Und das ist ganz gewöhnlich. Wir haben einen sehr starken tierischen Anteil in unserer Seele, wobei wir uns auch noch überlegen müssen, dass das Tier in einer gewissen Reinheit den Instinkt auslebt; es ist einfach damit geboren und lebt ihn aus, während der Mensch auch mit Verstand, mit Scharfsinn begabt ist – nicht das deutsche „Vernunft“ meine ich, sondern die Schlauheit, die der Mensch hat –, mit der der Mensch die Fähigkeit hat, das Böse zu einer Höhe oder Tiefe zu entwickeln, die man sich kaum vorstellen kann. Und wenn man dann die Politiker sieht, die Weltführer, in Bezug auf Aufrüstung und Kriegstreiberei und das Erwecken bestimmter Gefühle in der Menschheit, wodurch die Aggression zunimmt. Wenn man das wahrnimmt und dann bedenkt, dass das zum Beispiel ein Anreiz für die Waffenindustrie ist.
Was machen diese Leute? Die Waffenindustrie, was wird dort hergestellt? Denkt da jemals jemand darüber nach? Dort werden Werkzeuge hergestellt, um auf die schrecklichste Weise seinen Mitmenschen ein Ende zu bereiten. Und das nennt man dann Sieg. Nun ja, die Pazifisten haben sich natürlich immer schon darüber aufgeregt, aber ich sehe es im Moment etwas in einem anderen Licht. Und das ist in diesem Kontrast der geduldigen, treuen Natur, die jedes Jahr aufs Neue erscheint, auch wenn wir uns schlecht benehmen, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die schreckliche Uneinigkeit, die unter den Menschen wirklich kultiviert wird. Und dann muss ich natürlich an die Geschichte denken. Und es gibt eine alte indische Schrift, die sehr bekannt ist, die Bhagavad Gita, in der die Verzweiflung von Arjuna beschrieben wird, dass er gegen seine Brüder ziehen muss.
Und er sucht Rat bei seinem weisen Freund Krishna. Und in diesem Rat kommt eigentlich diese wunderschöne östliche Weisheit und Gelassenheit zum Ausdruck. Aber Krishna sagt nicht: Kehre um und ziehe nicht in den Kampf. Der weise Rat von Krishna nimmt eine ganz andere Wendung. Und wenn man das aufnimmt, dann versteht man den Unterschied zwischen einem Krieg in jener Zeit und einem Krieg in unserer Zeit. Das ist auch ein Unterschied, mit dem der abstrakte Verstand nicht zurechtkommt. Aber wenn man erlebend lesen kann, dann liest man in dieser Bhagavad Gita, dass der Kampf, der dort geführt werden muss, auch wirklich geführt werden muss. Dass das ein göttlicher Beschluss ist, könnte man sagen. Während es in unserer Zeit gottlose Kriege sind, auch wenn sie vielleicht wegen Religion geführt werden. Es sind gottlose Kriege, weil der Mensch in unserer Zeit nicht an göttliche Ratschlüsse gebunden ist, sondern aus eigenen Impulsen solche Dinge tut oder lässt. Das ist ein sehr großer Unterschied. Und wenn es nun wieder – und weil Ostern so spät fällt und die Natur so ihre Treue und ihre Hingabe zeigt – für mich so deutlich wurde, dass die Tatsache, dass gleichzeitig an verschiedenen Orten auf der Erde schreckliche Kriegsverbrechen stattfinden, die zeigen, wie schlecht der Mensch auch sein kann, dass das jetzt in diesem Moment so klar wird, wollte ich das diesmal hervorheben und damit zeigen, dass das eigentlich Ostern ist. Dass wir als Menschen eine Wahl haben. Wir sind nicht gezwungen, uns so schrecklich schlecht zu verhalten, dass wir unseren Mitmenschen umbringen wollen. Was auch immer für Gründe wir dafür haben. Der Mensch wäre in der Lage, zu beschließen, davon abzusehen. Und es hat eine Zeit lang so ausgesehen, als würde es auch in diese Richtung gehen. Wenn man an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg denkt.
Damals gab es natürlich auch Kriegsdrohungen, aber sie waren doch anderer Art. Es gab mehr – nach diesem Zweiten Weltkrieg – einen Willen, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Jetzt sieht man, dass die Wollust – so möchte ich es nennen – an Gewalt wieder die Oberhand gewinnt und dass das von vornehmen Herren und Damen auf Grundlage von Täuschung propagiert wird. So sehe ich das. Das ist Karfreitag. Da ist der allerunterste Beweggrund des Menschen sichtbar geworden, einen Sohn Gottes auf falschen Gründen zum Tode zu verurteilen und das auch auszuführen. Aber wir kennen auch Ostern. Das ist der Sieg über jenen niederen Teil im Menschenblut. Und vielleicht gibt es hin und wieder jemanden, der in leitender Funktion ist, der das an Ostern auch fühlt. Und einen Impuls verspürt, dass es doch eigentlich vorbei sein sollte, dass Menschen sich so tief erniedrigen in Kriegen.
In den Niederlanden gibt es die Tradition der Matthäus-Passion und der Johannes-Passion. Ich las in der Zeitung, dass dies vor allem in den Niederlanden noch immer eine lebendige Tradition ist. Aber ich las auch, dass in Japan mittlerweile Aufführungen der Johannes- und der Matthäus-Passion stattfinden. Und davon sah ich auch ein Video. Und dann sieht man diese wunderbaren japanischen Menschen, die dort die deutschen Lieder singen. Was mich in der Matthäus-Passion immer – und auch in der Johannes-Passion, denn die Struktur ist dieselbe – außerordentlich fasziniert hat, das sind die Volksszenen, die wilden, aufgeregten Chöre, abwechselnd mit der heiligen Besinnung in den Chorälen. Vielleicht können Sie noch zu einer Aufführung der Matthäus- oder der Johannes-Passion gehen. Und können Sie dieses Kontrast besonders erleben. Das ist der Menschheitskontrast, der dort erklingt.
Früher gingen wir zu den Aufführungen von Nikolaus Harnoncourt. Wegen dieser reinen Aufführung, aber auch wegen des unvergleichlichen Tenors, der dort immer mitwirkte. Kurt Equiluz. Später haben wir die Karfreitagsaufführungen im Concertgebouw entdeckt. Unter der Leitung von Boudewijn Jansen mit dem Toonkunstkoor. Und ich habe zuvor – ich habe viele Aufführungen erlebt –, aber ich habe zuvor keine Aufführung erlebt, bei der der Dirigent so viel Mut hat, diesen Kontrast erlebbar zu machen. Den Kontrast, den wir sehen zwischen der göttlichen, heiligen, geduldigen Natur und der menschlichen Wildheit, die sich an der Natur ein Beispiel nehmen sollte. In diesem Licht werde ich dieses Jahr Ostern sehr intensiv erleben.



