Das Gedächtnis ist keine Kartei

Ja, es kommen Reaktionen darauf, dass ich die anthroposophischen Videos auf Deutsch spreche. Und es wäre natürlich für mich ganz einfach, um auch dies in meiner Muttersprache zu sprechen. Aber Sie müssen sich vorstellen, dass wir durch Jahre hindurch viele, viele Seminare und Vorträge gegeben haben in dem deutschsprachigen Raum. Und dass es natürlich auch viele Menschen gibt, die dabei gewesen sind. Und ja, eigentlich in erster Linie spreche ich für diese Menschen. Und da habe ich natürlich damals auch nie auf Niederländisch sprechen können, denn das hätten sie nicht verstanden. Denn wenn man live irgendwo ist, gibt es ja keinen Untertitel. Also ich setze durch. Ich mache weiter mit der deutschen Sprache, obwohl es vielleicht nicht immer perfekt ist oder gar nicht perfekt ist. Das soll nicht kümmern. Ich versuche es so gut wie möglich zu tun.

Hotel Corona

Ich wollte heute mein neues Buch vorstellen. Das ist vor mehr als einer Woche erschienen, aber eigentlich schon viel früher geschrieben worden. Ich werde versuchen, etwas drumherum zu erzählen. Durch das meditative Studium der Anthroposophie habe ich herausgefunden, dass jeder Mensch aus einer bestimmten Weltanschauung heraus in der Welt steht. Das hat natürlich einen Hintergrund. Darüber spreche ich nicht. Aber es ist doch eine Tatsache, dass wir alle aus einer bestimmten Blickrichtung auf uns selbst und auf das, was in der Welt geschieht, schauen. Und das sind zwölf verschiedene Richtungen, die auch mit dem Tierkreis zusammenhängen. Es sind bekannte, größtenteils bekannte, philosophische, spirituelle Weltanschauungen. So hat man zum Beispiel den Materialismus, aber man hat auch das, genau gegenüberliegende, den Spiritualismus. Nun war es so, dass ich, das war ungefähr um die Jahrtausendwende, einen Impuls bekam, es einmal zu versuchen, Romane zu schreiben aus diesen zwölf Weltanschauungen heraus. Nun ja, das macht man natürlich nicht von heute auf morgen. Und inzwischen sind 25 Jahre vergangen. Und ich habe die acht inzwischen geschafft.

Karma und Reinkarnation

Karma und Reinkarnation, das ist ein Hauptthema in der Anthroposophie und dieses Thema bringt eigentlich dasjenige, was im Altertum noch eine Selbstverständlichkeit war, in der modernen Zeit wieder zurück, im Abendland möchte ich sagen, denn im Morgenland war natürlich dieser Gedanke immer schon da. Aber im Abendland, in den abendländischen Anschauungen, ist es natürlich doch etwas Neues, nicht ganz, aber ziemlich. Und das Wunderbare bei Rudolf Steiner ist, dass er nicht von uns verlangt, dass wir einfach glauben, dass der Mensch ein reinkarnierendes Wesen ist mit Karma, sondern dass er die Mühe gemacht hat, dasjenige, was er selbst in seinem schauenden Bewusstsein als eine Selbstverständlichkeit, als eine Wahrheit wahrgenommen hat, dass er das ganz deutlich versucht hat, in Gedanken für uns zu hüllen, damit wir nicht glauben müssen, sondern dass wir mit Gedanken mitdenken können, dass es wohl so sein muss.

Frühling und der Seelenkalender

Ich wollte heute noch einmal auf den Seelenkalender von Rudolf Steiner eingehen. Geschrieben im Jahr 1912, vielleicht auch noch 1913. Und es sind Wochensprüche, bei denen man, wenn man diese Sprüche spricht, miterleben kann, wie sich das Verhältnis zwischen dir als Mensch und der Natur und dem Kosmos, den Jahreszeiten, im Jahreslauf verändert. Das ist etwas ganz Besonderes. Anfangs wirst du das vielleicht nicht bemerken. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Sprüche zunächst etwas kompliziert erscheinen und dass man das Gefühl hat, zum Beispiel nach einem Jahr, in dem man sie jede Woche gemacht hat, dass man immer noch keinen richtigen Zugang dazu hat. Vielleicht hier und da etwas gespürt von einem Zusammenhang zwischen dem, was man meditiert, und dem, was im Zusammenhang mit der Natur und dem Kosmos geschieht.

Katholischer Glaube und Anthroposophisches Wissen

Der Tod des Papstes hat mich dazu veranlasst, mich noch einmal zu fragen, was ist dann nun eigentlich der Unterschied zwischen dem katholischen Glauben und der Anthroposophie. Wenn ich das so sage, dann ist natürlich der erste Unterschied, dass die Anthroposophie kein Glauben ist und auch keine Religion. Also was soll das eigentlich, das zu vergleichen? Ich will es auch nicht vergleichen, aber es gibt natürlich doch viele Menschen, die ursprünglich in der katholischen Kirche gewesen sind, vielleicht auch einfach darin bleiben, sich nicht ausschreiben lassen und dann doch die Anthroposophie finden und das bevorzugen. Und dann ist die Frage, was ist nun eigentlich der Unterschied? Ich meine, dass in der Zeit von Rudolf Steiner die Anthroposophie für Katholiken verboten war. Ich weiß nicht, wie weit das gegangen ist, aber es war nicht gestattet, sich zu gleicher Zeit als Katholik zu fühlen und auch Anthroposoph zu sein.

Das wird doch wohl manchmal so gewesen sein, aber offiziell war die Anthroposophie natürlich nicht etwas Göttliches, meint man. Der große, größte Unterschied ist, dass in der Anthroposophie das Wissen von Karma und Reinkarnation gekommen ist. Und das wird noch immer ganz abgewiesen durch die christliche Kirchen. Obwohl in dem Neuen Testament es doch Stellen gibt, wo man eigentlich lesen muss, dass der Gedanke damals gelebt hat. Denn es gibt ja die Stelle, worin Johannes der Täufer sagt, als er gefragt wurde, ob er Elia sei, dass er sagt, nein, das bin ich nicht. Wie sollte er Elia sein, wenn es nicht Reinkarnation gibt? Es wird unzweifellos durch Theologen beantwortet werden können, was das dann wohl bedeutet. Aber man kann es natürlich auch so lesen, dass die Frage war, bist du der reinkarnierte Elias?

Der Papst und Franziskus

Am Ostermontag starb der Papst. Ich fand es eine interessante Bemerkung von Putin, der sagte: Ich weiß nicht, wie das bei den Katholiken ist, aber bei uns ist es so, dass, wenn jemand an Ostern stirbt, das ein Zeichen ist, dass es ein bedeutendes Leben gewesen ist. Ich musste da an Toon Hermans denken, der am Karfreitag gestorben ist. Das wird zweifellos auch ein Zeichen sein. Ich wollte also dieses Video widmen an, ja ich will nicht sagen den Papst, aber an das, was durch seinen Tod doch auch aufgerufen wird. Denn es ist natürlich doch, wie man es auch betrachtet, der Tod eines Weltführers. Und das gab mir Anlass, mich noch einmal zu besinnen auf: Wie steht man eigentlich dazu, zum Dasein und zur Bedeutung des Papstes.

Das Rosenkreuz

‘Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte, der seinen Geist mit Ruh und Hoffnung füllt. Und auf dem Bogen der geschlossenen Pforte erblickt er ein geheimnisvolles Bild. Er steht und sinnt und lispelt leise Worte der Andacht, die in seinem Herzen quillt. Er steht und sinnt. Was hat das zu bedeuten? Die Sonne singt und es verklingt das Läuten. Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet, das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht, zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet, zu dem viel tausend Herzen warm gefleht, das die Gewalt des bittern Tods vernichtet, das in so mancher Siegesfahne weht. Ein Labequell durchdringt die matten Glieder. Er sieht das Kreuz und schlägt die Augen nieder. Er fühlt neu, was dort für Heil entsprungen. Den Glauben fühlt er einer halben Welt. Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen, wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt. Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen. Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?’

Karfreitag und Ostern

Ist es nicht bemerkenswert, dass das Osterfest – und damit natürlich auch Himmelfahrt und Pfingsten – noch immer in Verbindung mit dem Kosmos festgelegt wird? Das ist doch für den abstrakten Verstand etwas ganz Besonderes. Dass nicht längst gesagt wurde: Nun ja, wir machen es wie Weihnachten. Ostern war als Ur-Ostern am Wochenende des 5. April. Also legen wir es einfach dort fest und feiern es jedes Jahr so. Nein, es wird auf die kosmischen Erscheinungen Rücksicht genommen. Nämlich: Ostern fällt auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingspunkt. Und das bedeutet – daran sind wir natürlich gewöhnt –, dass wir nicht sagen können: Ostern ist immer am Wochenende des 5. April. Dann müsste man vielleicht auch sagen: Wir nehmen nicht das Wochenende, sondern legen die Daten fest.

Rudolf Steiner, der Eingeweihte

Jetzt ist es mehr als eine Woche nach dem hundertsten Todestag von Rudolf Steiner.Und was mir aufgefallen ist, ich habe nicht so viel angeschaut, aber man schaut, denke ich, an, was man anschauen soll. Was mir aufgefallen ist, das ist, dass es eine Tendenz gibt – und diese Tendenz kannte ich natürlich schon, aber es wurde jetzt wiederum sehr deutlich – dass es eine Tendenz gibt, um Rudolf Steiner als eine geniale Person anzuschauen. Als jemand, der im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts viel Neues gebracht hat, viel Wertvolles auch, dass er wirklich unglaublich talentiert war. Aber, ja, nicht ein Eingeweihter aufgrund einer heiligen Seele. Das habe ich eigentlich nicht so wahrgenommen, dass man das repräsentieren will. Man will einen Rudolf Steiner haben, den man so kritisieren kann, wie man alle großen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und Philosophen und Künstler kritisieren kann.

Politische Demenz

Ja, wir kommen natürlich doch nicht darum herum, über Politik zu sprechen. Obwohl ich mich eigentlich nicht so sehr dafür interessiere, aber man muss eben. Ich habe Politik immer als ein außerordentlich schwieriges Feld empfunden, das habe ich schon einmal gesagt. Weil man es mit Extremen zu tun hat, und selbst wenn man eine Mitte-Partei hat, dann ist die an sich auch immer noch extrem. Und man kann eigentlich keine Partei finden – zumindest ich nicht – von der man sagt: Ja, die vertritt wirklich zum größten Teil das, was ich auch denke. Wahrscheinlich geht es jedem so, und die Menschen denken natürlich auch sehr unterschiedlich. 

Aber es wird in unserer Zeit sehr schwer gemacht, die Politik noch ernst zu nehmen. Ich erinnere mich an die Zeit von Van Agt und Den Uyl.